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Management Der entzauberte MBA

23.06.2009 ·  Die Managerschmieden haben zu viel auf Zahlen und zu wenig auf die Persönlichkeit geschaut. Jetzt kämpfen sie um ihren Ruf. Nun heißt es in Harvard, Insead und ähnlichen Hochschulen: Mehr Ethik in die Lehrpläne! Aber werden die Absolventen sich im Arbeitsalltag daran halten?

Von Julia Löhr
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Es war eine ungewöhnliche Szene, die sich Anfang Juni auf dem Campus der Harvard Business School abspielte. Zahlreiche Absolventen der amerikanischen Elite-Hochschule schworen einen Eid, den sie zuvor selbst verfasst hatten. Er beginnt mit den Worten „Als Manager ist es meine Aufgabe, der Gesellschaft zu dienen“ und enthält mehrere Versprechen, darunter jenes: „Ich werde stets mit der größtmöglichen Integrität handeln und meiner Arbeit in einer ethischen Weise nachgehen.“ Mehr als die Hälfte der Abschlussklasse legte den Eid ab, zusammen mit früheren Absolventen und Abgängern anderer Managerschmieden auf der Welt ist die Liste der Unterzeichner mittlerweile schon auf mehr als tausend Namen gewachsen.

Sie alle kämpfen um ihren Ruf – um den Ruf des „Master of Business Administration“, kurz MBA. Einst konnten sich die Absolventen von Harvard, Insead und ähnlichen Hochschulen allseitiger Bewunderung sicher sein. Wer die anspruchsvollen Aufnahmetests und die nicht minder anspruchsvolle Ausbildung überstand, dem öffnete sich der Weg in die Chefetagen der Wirtschaft in aller Welt. Doch je weiter sich die Finanzkrise ausbreitete, desto mehr nahm der Ruf des MBA Schaden. Die Ausbildung der Business Schools habe maßgeblichen Anteil an der Misere, lautet der Vorwurf.

Wenig Zeit für den Blick auf das große Ganze

Er setzt vor allem an der Lehrmethode an: den Fallstudien. Die Studenten lernen anhand von Beispielen, wie Manager vermeintlich erfolgreicher Unternehmen vorgegangen sind. Zu unkritisch, zu sehr auf kurzfristige Renditesteigerung fixiert, heißt es nun über die Fallstudien. Auch die sich ähnelnden Karrierewege werden zunehmend mit Skepsis gesehen: Viele MBA-Absolventen zog es in den vergangenen Jahren zu den Investmentbanken der Wall Street. Dort entwickelten sie wie die Lemminge jene komplexen Finanzprodukte, die das Finanzsystem an den Rand des Kollapses brachten. Immer mehr Personalverantwortliche gehen daher auf Abstand. Wer will schon gerne einen selbstverliebten „Master of Business Apocalypse“ einstellen, wie die Absolventen heute mitunter verspottet werden?

In Teilen ist die Kritik durchaus berechtigt. Die Studenten haben im Lauf ihrer meist zwei Jahre dauernden Ausbildung mehrere hundert Fallstudien durchzuarbeiten. Da bleibt wenig Zeit, um den Blick auf das große Ganze zu lenken. Manche Verantwortliche führender Business Schools geben mittlerweile offen zu, dass sie zu einseitig unterrichtet haben. Nun diskutieren Professoren allerorten, welche Lehren sie aus der Krise ziehen sollen. Veränderungen in den Lehrplänen sind aber bislang kaum zu beobachten, von einigen Sonderveranstaltungen zu Themen wie Risikomanagement und Ethik einmal abgesehen. Hochschulen sind traditionell behäbige Organisationen.

Mit einigen zusätzlichen Kursen ist es nicht getan

Fest steht: Mit einigen zusätzlichen Kursen ist es nicht getan. Ethische Fragen sollten sich durch den gesamten Lehrplan ziehen, in der Besprechung jeder Fallstudie eine Rolle spielen. Und weniger Fallstudien täten sicherlich gut. Die Business Schools haben sich in der Vergangenheit zu sehr auf die analytische Ausbildung konzentriert und die Ausbildung der Persönlichkeit vernachlässigt. Sie haben die Studenten zu wenig zur Selbstreflexion angeregt und dazu, auch einmal nein zu sagen. Ins Curriculum gehört mehr Nachdenklichkeit. Das heißt nicht, dass sich der MBA in ein philosophisches Studium verwandeln sollte. Zahlen bleiben das zentrale Element in der Managerausbildung.

Mindestens genauso wichtig wie die Ausbildung sind die Strukturen in der Wirtschaft. Die Unternehmen, speziell die Banken, haben mit ihren falschen Anreizsystemen in der Vergangenheit ebenso zur Krise beigetragen wie die Wirtschaftshochschulen. Sie lockten mit sechsstelligen Einstiegsgehältern, lieferten sich einen Überbietungswettbewerb mit Boni und züchteten damit jene Lemminge heran, welche die Folgen ihrer riskanten Geschäfte ignorierten. Noch immer neigen viele Arbeitgeber dazu, jene Mitarbeiter zu befördern, die sich am besten in ein System einfügen. Querdenker gelten vielerorts als Querulanten. Auch an dieser Einstellung muss sich etwas ändern.

Ein erster Schritt zu größerem Verantwortungsbewusstsein

Das Gelöbnis der MBA-Absolventen aus Harvard ist ein erster Schritt zu einem größeren Verantwortungsbewusstsein. Wie viel der Eid, langfristig zu denken und zu handeln, wirklich wert ist, wird sich erst im Lauf der Zeit zeigen. Dann, wenn die Abgänger im Berufsleben stehen. Dann, wenn Vorgesetzte Druck machen, doch dem schnellen Gewinn hinterherzuhecheln, weil sonst die Karriere ganz schnell zu Ende sein könnte.

Es bleibt zu hoffen, dass die Unterzeichner ihre Ideale in den Mühlen des Arbeitsalltags nicht begraben, bis sie selbst in einer Führungsposition angekommen sind und diese der nachwachsenden Managergeneration vorleben können.

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