26.09.2003 · Außerordentlich kritisch hat sich Helmut Schmidt über den Verfall moralischer Werte unter deutschen Spitzenmanagern geäußert. Vielfach herrschten private Habgier, Rücksichtslosigkeit und Machtgier vor.
Außerordentlich kritisch hat sich Helmut Schmidt über den Verfall moralischer Werte unter deutschen Spitzenmanagern geäußert. In den neunziger Jahren hätten nicht allein in den Vereinigten Staaten, sondern auch hierzulande private Habgier und Rücksichtslosigkeit, Machtgier und auch Größenwahn einen allzu großen Einfluß auf das Verhalten mancher Manager ausgeübt, sagte der Altbundeskanzler am Freitag in Essen. "Undurchsichtige Bilanz- und Finanzkunststücke und sagenhafte Selbstbereicherung sind leider ziemlich häufig und ziemlich marktgängig geworden", klagte Schmidt.
Insignien des Wohlstandes seien an sich nicht verwerflich. Aber man müsse nicht danach streben, der größte Global Player zu sein, der größte Stahloder Auto- oder Software-Hersteller, die größte Bank - oder wenigstens nebenher sich das größte persönliche Einkommen zu verschaffen.
"Moralischer Kapitalismus"
Der SPD-Mann, der bis 1982 die sozial-liberale Regierungskoalition leitete, räumte ein, daß ein Manager, der mit anderer Leute Kapital arbeite, für diese auch eine Rendite erwirtschaften müsse. Es ginge jedoch nicht an, wenn sich Vorstände und Aufsichtsrat ohne Skrupel auf die Position verständigten: "Wir erwirtschaften die Rendite; aber für die Arbeitnehmer, die wir vorzeitig in Rente schicken, hat gefälligst der Staat zu sorgen." Was hier "soziale Abfederung" genannt werde, sei häufig bloß das Abschieben eigener Lasten auf die Allgemeinheit. Es sei zwar legal, aber durchaus unsozial und unmoralisch, kritisierte Schmidt unter dem Beifall auch einiger hundert Spitzenkräfte aus der deutschen Wirtschaft, die in Essen Berthold Beitz ehrten, der am Freitag 90 Jahre alt geworden ist.
Der Altbundeskanzler sieht in dem von der Cromme-Kommission erarbeiteten Corporate-Governance-Kommission-Kodex einen ersten Ansatz, um Auswüchse in den Unternehmen einzudämmen. Hoffnungsvoll stimme ihn auch die Arbeit der privaten Stiftungen. Schmidt verwies auf das gesellschaftliche Verantwortungsbewußtsein der von Beitz - als Verwalter des Krupp-Erbes - seit 36 Jahren geleiteten Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die in dieser Zeit 420 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke ausgeschüttet hat. Wer so Erträge seines Kapitals der Allgemeinheit zur Verfügung stelle, lebe bereits eine Art von "moralischem Kapitalismus", wie ihn sich Ralf Dahrendorf als weitere Entwicklungsstufe vorstellen kann.
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