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"Malen Sie doch grüne Blümchen auf den Beton"

12.08.2005 ·  Bevor Regina Riedel Außenanlagen plant, schlägt sie sich durch den Paragraphendschungel/Fürs Grün ist bei Bauprojekten oft kein Geld da/Von Ursula Kals

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Haben Landschaftsarchitekten ihr Werk vollbracht, reagiert die Kundschaft oft verhalten. Noch sind die Büsche klein, die Sträucher mickrig, statt dessen gibt es Erde und Beton satt. Das grüne Bild ist nur erahnbar. "Ich ärgere mich über die Leute, die sagen, das sieht ja nach gar nix aus. Die Hochbauarchitekten haben es besser und sofort ein schönes Resultat", sagt Regina Riedel. Das verdrießt die Landschaftsarchitektin aber nicht. Denn sie weiß ja, was in drei Jahren alles zu Wuchs und Blüte gelangen wird. Die Achtundvierzigjährige betreibt mit ihrem ehemaligen Professor Jürgen H. von Reuß ein Büro für Landschafts- und Freiraumplanung in Kassel. Ihre Aufträge führen sie quer durch Deutschland und manchmal nach China, dort hat sie Außenanlagen von Wohnsiedlungen geplant.

Anders als viele ihrer ehemaligen Kommilitonen stammt Regina Riedel nicht aus einer ländlichen Gegend. Sie ist im Frankfurter Nordend aufgewachsen. "Die Zeiten standen damals auf Grün, die Umweltbewegung formierte sich", sagt Regina Riedel. "Ich wollte nach dem Abitur unbedingt etwas Praktisches machen." Sie begann eine Gärtnerlehre an der Frankfurter Universität und pflegte im Botanischen Garten vom Alpinum über die fette Wiese bis zur Heidefläche nachgebaute Landschaften. Im Warmhaus versorgte sie die Orchideen und zog Sonnenblumen für den Klimaraum an. "Das sind typische Lehrlingsaufgaben, denn die Biologiestudenten müssen Anschauungsmaterial haben." Dazu gehörten auch Wochenenddienste, die Pflanzen haben auch sonntags Durst. Danach studierte die Gärtnerin an der Kasseler Universität Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung. So grün, wie sich das Außenstehende häufig ausmalen, ist ihr Beruf keineswegs. "Unsere Arbeit wird oft mit der eines Landschaftsgärtners verwechselt. Ich baue Gärten, pflanze sie nicht, sondern zeichne sie nur." Vorab muß sie Bebauungspläne und Umweltauflagen studieren, Abwasserrohre und Traufhöhen im Blick halten, sich durch einen Paragraphendschungel schlagen - "auch um hinterher eine supersaubere Aktenlage vorzuweisen" - und viel Sitzfleisch haben. Auf mehrstündigen Sitzungen wird der Bau durchgesprochen. Oft ist sie in diesen Gremien die einzige Frau. Zum Beispiel bei der Gestaltung eines Platzes über einer Tiefgarage in der Bad Homburger Innenstadt. Viel frequentierte Orte lassen sich mit Rasen schlecht verschönern. Nach einer Woche ist der erste Trampelpfad gepflügt, "das endet oft im Matsch". Deshalb wird pflegeleicht gepflastert, Pflanzkübel und Bänke schaffen Inseln fürs Sitzen und fürs Auge. "Mit Stein und Höhenstaffelung lassen sich schöne Effekte erzielen." Grün ist rar, so wie bei der Außengestaltung der Frankfurter Gerbermühle, einem Gartenlokal am Main. Zur Zeit ist das historische Haus, in dem Goethe Gast war, nahezu entkernt. Regina Riedel hat einen ihrer vielen Außentermine und schaut sich die Abgrabung an. Der Boden soll 20 Zentimeter unter dem Fenster anschließen. Bei historischen Ausgrabungen ist der ursprüngliche Zugang zum Turm entdeckt worden, der viel tiefer liegt, jetzt muß umgeplant werden. Sich die rosenumrankte Pergola vorzustellen erfordert ziemlich viel Phantasie. An diesem heißen Sommertag hat sie außerdem noch einen Termin im Frankfurter Westend. Dort geht es um den Anbau eines Verwaltungsgebäudes, das braucht Parkplätze, einen repräsentativen Eingang, Außenterrasse, Abstellplatz für den Müll, Fahrradständer, Feuerwehrzufahrt - funktionale Dinge bis hin zum Firmenschild und Briefkasten. Die Möglichkeit grüner Visionen sind stark eingeschränkt. Natürlich auch aufgrund der Finanzen. Im Mittelpunkt der Kostenvoranschläge stehen die Gebäude. Kommt das Grün ins Spiel, ist meist nicht mehr viel Geld übrig. So wie bei der Kläranlage im Ruhrgebiet, für die die Ingenieurin die Außenanlagen plante. "Dort saßen Technokraten, die sagten: Hauptsache, es ist billig, am Schluß können Sie grüne Blümchen auf den Beton malen." Dieser Satz hat sich ihr ins Gedächtnis gegraben. Bei Grünanlagen ist die Pflege ein Problem. "Wie Putzkolonnen müßten Gärtner Aufträge bekommen. Aber da fehlt das Geld, meistens macht das dann der Hausmeister mit, das Ergebnis ist natürlich sehr personenabhängig." Um Kostenersparnis geht es in den vergangenen Jahren immer stärker. Zum Beispiel bei den Straßen in Kassel und ihren Wegbepflanzungen, die das Büro geplant hat. "Wir mußten immer wieder umplanen, um die Kosten zu senken." Geplant war Naturstein, ausgeführt wurde in Beton. "Wir sind unmittelbar abhängig von der Bauwirtschaft. Leider kenne ich viele arbeitslose Kollegen, die für ein Praktikantengehalt arbeiten. Und auch die Wettbewerbe werden immer härter." Manchmal gibt es Aufträge, die ihr Freude bereiten, obgleich das Geld knapp ist. Im nordhessischen Morschen wird nach historischen Vorbildern eine Klosterterrasse aufgebaut. Die Kommission wollte wissen, was sich mit 30000 Euro machen läßt. "Ich überlege mir dann etwas Pfiffiges", sagt Regina Riedel. Sie rechnete wie ein Maikäfer und schlug eine Bürgeraktion vor. Während eines Festes ("da wurde Bier gestiftet und ein Schwein geschlachtet") konnte jeder für einen Meter Hainbuchenhecke spenden.

Büros, die hauptsächlich herrliche Hausgärten planen, müssen schon eine relativ betuchte Klientel haben, um existieren zu können. In den Speckgürteln der Städte gibt es diese Kundschaft. So wie im teuren Taunusvorort, wo ein Garten 100 000 Euro kosten darf, etwa zehn Prozent entfallen hier auf die Planung. Bei diesen Aufträgen geht es recht modisch zu, denn Pflanzenmoden wechseln. Zur Zeit steht Buchsbaum hoch im Kurs der Kunden, entweder streng und spitz in Form geschnitten oder als Kugeln locker verteilt. Ohne Wasser läuft nichts. Längst hat jedes Eigenheim seinen Biotop-Teich. Darf es etwas teurer sein, sind edle Wasserbecken, gerne aus Edelstahl oder Beton gefragt. Für das Firmengelände der Altana AG in Bad Homburg hat Riedels "Projektbüro Stadtlandschaft" die Außenanlagen geplant. Ein Wasserbecken folgt grafisch der Architektur und weist im Parkbereich einen kleinen weichen Schwung auf. Zum Eingang führt ein Steg. Punktuell haben die Planer Blumenbinsen, Wasserlilien und Seerosen pflanzen lassen. "Menschen, die mehr Geld haben und sich mit Kunst beschäftigen, tendieren eher zur schlichten Formensprache und entgegnen dem mit üppigen Pflanzen. Dieser Kontrast ist reizvoll", sagt Regina Riedel.

Ob Hausgarten oder das Außengelände einer Behörde - zuerst fragt sie nach, welche Funktionen erfüllt werden sollen: Gibt es Kinder, dann muß ein Rasen her, hat jemand oft und viele Gäste, dann ist eine große Terrasse sinnvoll. Und wie will sich die Firma nach außen repräsentieren?

Was zeichnet für die Landschaftsarchitektin einen Garten aus? "Das Wichtigste ist, sich eine rahmengebende Struktur zu überlegen, also Hecken und Bäume. Auf diese Weise lassen sich Räume schaffen, wie auf der Bühne, wo Kulissen Illusionen erzeugen. Die Leute denken immer, ein Garten wirkt groß, wenn er leer ist. Das stimmt aber nicht." Durch einen geschwungenen Weg könne selbst ein Handtuch-Reihenhausgarten einen englischen Touch erhalten, "kurz und gerade soll er nicht sein, hier will man ja entschleunigen". Sie freut sich, wenn üppige Stauden wie pralle Pfingstrosen und "die alte Bauerngartenpflanze Rittersporn mit ihrem großen Spektrum an Blautönen" dafür sorgen, daß sich der Blick bricht. Nur gegen Rosen hat sich Regina Riedel eine Zeitlang gewehrt. "Weil die alle Leute schön finden. Heute liebe ich sie auch, aber es gibt eben noch Tausende andere schöne Blumen."

Quelle: F.A.Z., 13.08.2005, Nr. 187 / Seite 50
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