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Lernende Programme : Wenn die App dir sagt: Umarme deinen Partner

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Algorithmus: Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems. Algorithmen bestehen aus endlich vielen, wohldefinierten Einzelschritten. Bild: Getty

Algorithmen können uns sagen, was wir essen, lesen und wen wir lieben sollen – und die Technologie macht unaufhörlich Fortschritte. Bald auch in Beziehungsfragen?

          Ein Paar sitzt am Esstisch. Es ist spät am Abend. Er hat Überstunden gemacht. Sie hat, wie verabredet, pünktlich das Büro verlassen, um gemeinsam mit ihm essen zu können. „Schön, dass du es noch geschafft hast“, sagt sie spitz. „Nächstes Mal schlafe ich im Büro“, blafft er zurück. Ein Wort gibt das andere, dann stürmt die Frau aus dem Zimmer. Der Mann macht sich ein Bier auf. Doch bevor er den ersten Schluck trinken kann, erhält er eine Nachricht aufs Handy: „Das war jetzt unnötig, oder? Versetz dich doch mal in ihrer Lage. Sie hat stundenlang gewartet. Und das schon zum fünften Mal in diesem Monat. Atme tief durch, dann geh zu ihr, und nimm sie in den Arm.“

          Die Frau, die im Wohnzimmer sitzt, erhält auch eine Nachricht: „Es ist normal, in so einer Situation wütend zu sein. Aber meinst du, dass dein Kommentar hilfreich war? Atme tief durch, dann geh zu ihm, und nimm ihn in den Arm.“ Kurz darauf stehen die zwei im Flur und müssen lächeln. Dann umarmen sie sich.

          Die Textnachrichten, die an diesem Abend den Hausfrieden retten, stammen nicht von einem therapeutisch motivierten Nachbarn, der das Paar belauscht hat, sondern von einer App, die beide nach dem letzten großen Streit auf den Handys installiert haben. Das Programm, nennen wir es „Betterlove“, hat schon den ganzen Tag über jedes gesprochene Wort und jede Nachricht analysiert.

          Es hat auch den Puls ausgewertet, der von den Fitnessbändchen gemessen wird, die beide tragen. Wenn der Herzschlag, der Tonfall und die häufige Verwendung bestimmter Wörter (etwa des Personalpronomens „du“ in Verbindung mit den Partikeln „immer“ oder „nie“) eine Konfrontation signalisieren, dann schaltet sich die App ins Geschehen ein.

          Lernende Algorithmen sind heute überall präsent

          Was wie eine Mischung aus Science-Fiction und Groschenroman klingt, könnte bald im App-Store stehen. „Using Multimodal Wearable Technology to Detect Conflict among Couples“ heißt eine amerikanische Studie, die gerade vorgestellt wurde. Auf Deutsch: Wie tragbare Technologie Konflikte zwischen Paaren aufspürt.

          Lernende Algorithmen – also Handlungsanweisungen für Computer – sind heute überall präsent. Streaming-Dienste analysieren, welche Lieder und Filme wir konsumieren, und stellen Empfehlungen zusammen, die mit der Zeit und der zur Verfügung stehenden Datenmenge immer besser werden. Versicherungen bieten Fitness-Apps an, um ihre Kosten zu senken; wer trainiert, sammelt Rabatte, wer träge ist, wird daran erinnert, wie gut Bewegung tut.

          Algorithmen helfen Trainern von Spitzenvereinen, Nachwuchskräfte auszuwählen, und Aktienanalysten, die Märkte zu verstehen. In Amerika gibt es eine Kinderwunsch-App für Paare. Sie verrät nicht nur, wann die Empfängniswahrscheinlichkeit am höchsten ist, sondern ermuntert die Nutzer ein paar Stunden vorher mit Textnachrichten dazu, Liebe zu machen. Die Frau erhält dann den Tipp, schicke Wäsche anzuziehen, dem Mann wird empfohlen, mal wieder Blumen zu kaufen.

          Die elektronischen Dienstleister sind in vielen Lebenslagen unverzichtbar geworden. Die Frage ist nur, ob sie nicht längst mehr sind als das: Helfer? Ist der gewöhnliche Nutzer wirklich noch Herr der Programme, die er benutzt, wenn er sich von ihnen immer weitere Teile seines Erfahrungshorizonts ausrechnen lässt?

          Hör dir das Lied an.

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