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Jeff Jarvis kritisiert : Weshalb Facebook sich mit Fake News verschätzt hat

Fake-News-Bekämpfer und Medienprofessor Jeff Jarvis bei der „Digital Life Design“-Konferenz im Januar in München. Bild: Picture-Alliance

Er kämpft zusammen mit Facebook gegen Fake News: Trotzdem kritisiert Jeff Jarvis das amerikanische Unternehmen. Denn die Reaktion kam nach dem amerikanischen Wahlkampf zu spät.

          Facebook steht seit geraumer Zeit wegen Fake News in der Kritik. Gerade während des Präsidentschaftswahlkampfs in Amerika im vergangenen Jahr wurden regelmäßig solche Falschnachrichten in dem sozialen Netzwerk weiterverbreitet, etwa dass der Papst Donald Trump unterstützt. Nach Trumps Wahl wurde Facebook vorgeworfen, für das Ergebnis mitverantwortlich zu sein. Vorstandsvorsitzender Mark Zuckerberg hat das erst als „ziemlich verrückte Idee“ abgetan, hat aber mittlerweile eine Reihe von Schritten zur Bekämpfung von Falschnachrichten angekündigt.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Jeff Jarvis, ein Journalistikprofessor an der City University of New York, der sich als Fachmann für die Medien- und Technologieindustrie einen Namen gemacht hat, ist überzeugt, dass Falschnachrichten in sozialen Netzwerken das Wahlergebnis beeinflusst haben. „Facebook hat Fake News unterschätzt“, sagte Jarvis kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung am Rande der Digitalkonferenz DLD in New York. Nach seiner Auffassung steckte dahinter nicht unbedingt böser Wille. Er vermutet, die für Facebook typische strikte Datenorientierung habe verhindert, früher und entschiedener einzuschreiten. „Wahrscheinlich hat man sich gedacht, Fake News seien ja nur ein winziger Teil der Inhalte und deswegen keine große Sache.“ Erst der öffentliche Druck habe Facebook dazu gebracht, die Dimension des Problems zu erkennen und etwas zu unternehmen.

          Projekte sollen Urteilsvermögen der Nutzer schärfen

          Jarvis kämpft selbst gegen Falschnachrichten und hat sich dazu kürzlich sogar mit Facebook verbündet. Das soziale Netzwerk gehört zu den Geldgebern der von ihm im April an seiner Universität mitgegründeten und mit einem Budget von 14 Millionen Dollar ausgestatteten „News Integrity Initiative“. Damit sollen zum Beispiel Forschungsarbeiten rund um Fake News finanziert werden. Jarvis nimmt sich mit der Initiative vor, das Urteilsvermögen von Menschen zu schärfen, wenn sie Nachrichten im Internet lesen und weiterverbreiten.

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          Mit einem der ersten Projekte will er Unternehmen helfen, sicherzustellen, dass ihre Werbung nicht im Umfeld von Falschnachrichten auftaucht. Jarvis ist sich bewusst, dass Facebooks finanzielle Einbindung in die Initiative Fragen nach Interessenkonflikten aufwerfen könnte. Aber er sagt, da er Facebook ebenso wie Google schon seit Jahren auffordere, Journalismus zu unterstützen, habe er sich nicht gegen ein Engagement des sozialen Netzwerks sperren wollen. Er habe zudem viel Zeit darauf verwendet, „akzeptable Konditionen“ auszuarbeiten, die seine Unabhängigkeit von Facebook gewährleisten. Beispielsweise solle Facebook keine Kontrolle darüber haben, welche Projekte finanziert werden.

          Wikipedia trifft auf Nachrichtenportal

          Jarvis hat auch eine Verbindung zu einem anderen Vorhaben, das auf die Bekämpfung von Fake News abzielt. Jimmy Wales, der Mitgründer des Online-Lexikons Wikipedia, hat vor wenigen Wochen die Gründung des neuen Nachrichtenportals Wikitribune angekündigt, und Jarvis spielt dabei eine beratende Rolle. Es soll sich dabei um eine Mischung aus Wikipedia und traditioneller Nachrichtenseite handeln. Ähnlich wie auf Wikipedia sollen freiwillige und unbezahlte Autoren helfen, die Seite zu füllen, allerdings im Verbund mit bezahlten Journalisten.

          Jarvis sagt, ihm gefalle gerade diese Kooperation von Laien und professionellen Autoren, wenngleich bisher noch nicht ganz klar sei, wie sich die beiden Seiten die Arbeit aufteilen werden. Jarvis sagt, ihm sei daran gelegen, ein neues Verhältnis zwischen Medien und der Öffentlichkeit zu schaffen, und dafür sei Wikitribune ein Beispiel. Und er setzt darauf, dass sich Wikitribune ebenso wie auch Wikipedia dem Grundprinzip eines neutralen Standpunkts verschreibt.

          Kritik an Medien im Wahlkampf

          Über traditionelle Medien hat sich Jarvis oft sehr kritisch geäußert. Gerade im Präsidentschaftswahlkampf haben amerikanische Medien nach seiner Auffassung versagt. Jarvis, der selbst Trumps unterlegene Rivalin Hillary Clinton unterstützt hat, findet, die Medien hätten es versäumt, Amerikanern zuzuhören und damit ein besseres Gefühl für die Stimmung unter den Wählern zu bekommen.

          Er meint, im Bemühen um ein „falsches Gleichgewicht“ seien negative Geschichten über Hillary Clinton wie deren Affäre um die Nutzung eines privaten E-Mail-Servers als amerikanische Außenministerin zu hoch gehängt worden. Allgemein hätten Medien aber Trump eine zu große Plattform geboten, weil er ihnen Leser und Zuschauer gebracht habe. „Mit Trump war es das gleiche Rennen um Reichweite, das auch dafür sorgt, dass wir ständig Katzen und Kardashians geboten bekommen.“

          Steigende Quoten nur vorübergehend?

          Trump hat Medien wegen angeblich unehrlicher Berichterstattung zu „Volksfeinden“ erklärt, und er schimpft auf Twitter regelmäßig über Zeitungen wie die „New York Times“ oder Fernsehsender wie CNN. Denen scheinen diese Attacken zumindest beim Publikum bislang nicht zu schaden. CNN und andere Nachrichtenkanäle erfreuen sich gestiegener Einschaltquoten, die „New York Times“ teilte kürzlich mit, sie habe im ersten Quartal 308000 neue Abonnenten für ihre Digitalausgabe gewonnen und damit so viele wie noch nie. Jarvis glaubt aber nicht daran, dass Trump den Medien wirklich hilft.

          „Wenn Trump schlecht für die Demokratie ist, dann ist er auch schlecht für die Medien. Journalismus kann nicht blühen, wenn den Leuten Fakten egal sind.“ Im Übrigen meint Jarvis, der gegenwärtige Schub bei den Einschaltquoten und Abonnentenzahlen werde sich als vorübergehend erweisen. Er habe selbst schon von Medienhäusern gehört, der „Trump Bump“ flache wieder ab. An den grundsätzlichen Herausforderungen der Medien im digitalen Zeitalter werde sich durch Trump letztlich nichts ändern. „Wir müssen uns noch immer neu erfinden.“

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