Home
http://www.faz.net/-gqe-1690t
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Luftverkehr steht still Geht es auch ohne Flugzeuge?

18.04.2010 ·  Auf Orchideen aus Übersee könnten wir verzichten. Und auf Mallorca waren wir schon. Aber die Vorzüge der Fernbeziehung wollen wir nicht missen. Hoffentlich beruhigt sich der wild gewordene Vulkan.

Von Patrick Bernau
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (21)

Mancher Minister fährt mit dem Nachtzug zum Gipfeltreffen – manch anderer bleibt gleich zu Hause und geht stattdessen einkaufen oder Kaffee trinken. Der Burda-Chef sagt einen Kongress ab. Liebespaare verzichten auf ihre Wochenend-Rendezvous, weil sie nicht zueinanderkommen. Und selbst ihre Briefe brauchen ein paar Tage länger.

So sieht sie aus, die Welt ohne Flugzeuge. Und wenn der isländische Vulkan Eyjafjallajökull (sprich: „Eia-fjatla-jökütl“) Lust hat, bleibt es in Europa noch lange so. Solange über dem Vulkan noch Gletschereis übrig ist, kann dieses verdampfen – der Wasserdampf transportiert die Asche durch die Luft, und in Europa bleiben die Flugzeuge am Boden. „Das kann noch einige Wochen dauern, möglicherweise Monate“, sagt der isländische Vulkanologe Reynir Bödvarsson.

Was, wenn es wirklich so kommt? Wie sieht die Welt aus, wenn wochen- oder monatelang kein Flugzeug mehr über Europa fliegen kann? Unser Essen, unsere Arbeit, unsere Kommunikation und unsere Reisen ändern sich. Und die Wirtschaftswelt kennt neue Gewinner und Verlierer.

„Alles rollt, was rollen kann“

Zuerst werden die Früchte knapp. Die kommen aus fernen Ländern häufig mit dem Flugzeug. Dann kommt die Kleidung. Aus China, Kambodscha, Laos stammen die T-Shirts, welche die Deutschen tragen, aus Taiwan die Chips in den Computern. Umgekehrt finden die deutschen Produkte kaum noch einen Weg zu ihren Abnehmern im Ausland. Zwar sei es denkbar, die Fracht per Bahn und Lkw zu Ersatzflughäfen zu bringen und sie über diesen Umweg zum Bestimmungsort auszufliegen, sagt ein Sprecher des Logistikkonzerns Schenker. Aber die Zahl der Flugzeuge sei eben begrenzt, zumal viele Maschinen in den gesperrten Gebieten festhängen. Und: Würde der Luftraum über Europa länger gesperrt, bliebe nach Übersee nur noch der lange Seeweg.

Die Schiffstour zwischen Asien und Europa braucht rund 30 Tage, das Flugzeug elf Stunden. Bis der Seetransport in die Wege geleitet ist, fehlen für einige Monate dann die T-Shirts komplett. Was modisch noch tragbar sein mag, ist für frische Waren extrem verderblich. Orchideen aus Thailand, Fisch aus Japan, vollreif geerntete Ananas – auf sie müssten die Europäer wohl ganz verzichten.

Selbst wer sich seine Bücher per Internet bestellt, muss warten. Denn in einer Welt ohne Flugzeuge lahmt auch die Post. Briefe und Päckchen müssten dann per Lastwagen und Bahn transportiert werden, sagt ein Postsprecher.

Auch die Menschen selbst blieben häufiger daheim. Viele Geschäftsreisen fielen aus. Ohnehin sparen die Firmen seit Jahren an ihren Reisekosten – selbst die Unternehmensberater, deren Vielfliegerei legendär geworden ist. Das Bild des Beraters, der mindestens zweimal die Woche zwischen Kunde und „Office“ hin und her fliegt, sei überholt, sagt Kai Peter Rath, Sprecher von McKinsey. Spätestens seit 2007, als die Firma untersucht habe, wie die Wirtschaft das Klima schonen könne, habe man die Devise ausgegeben, auf Flüge möglichst zu verzichten. Inzwischen seien Telefon- und Videokonferenzen so weit ausgereift, dass man auch heikle Themen über Distanz diskutieren könne. Überhaupt seien Flugreisen die ineffizienteste Reiseart, findet Rath: „Die Reise ist zerstückelt in Etappen, in denen man nicht arbeiten kann. Sie haben kein Telefon, kein Internet – da nimmt man doch lieber die Bahn.“

Doch lustig ist eine Bahnfahrt in einer Welt ohne Flugzeuge nicht. Denn die Züge werden nur voller, aber kaum länger. „Alles rollt, was rollen kann“, sagt ein Sprecher der Bahn. „Wir können den Betrieb so eine Weile durchhalten.“ Doch dieser Betrieb ist für viele Fahrgäste eine Zumutung: Am vergangenen Freitag, dem ersten Tag mit aschebedingtem Andrang, waren mindestens zwei Züge so voll, dass sie keine Fahrgäste mehr mitnehmen konnten. Die Polizei wuchtete bockige Fahrgäste zurück aufs Gleis, das Online-Buchungsportal kollabierte.

Ruhe in der Einflugschneise

Am Ende blieben viel mehr Leute zu Hause als sonst. Selbst wenn die Asche sich eines Tages wieder verzöge. „Die Leute würden sich fragen: Warum muss ich überhaupt noch so teure Flugreisen machen?“, glaubt Axel Schulz, Verkehrsprofessor an der Fachhochschule Kempten. Gut möglich allerdings, dass es die Fluggesellschaften dann auch nicht mehr großartig störte, wenn die Kunden dauerhaft ausblieben – weil es die Airlines schon gar nicht mehr gäbe.

„In weniger als einem Monat könnten viele Airlines pleite sein“, schätzt Verkehrsprofessor Schulz. Jetzt schon hat die Fluggesellschaft SAS Kurzarbeit angemeldet. Manager anderer Airlines erwarten, dass bald die ersten Fluggesellschaften die EU-Staaten um Bürgschaften und Hilfen anbetteln.

Leute, die in Flughafennähe wohnen, hätten dagegen eine paradiesische Zeit. Endlich Ruhe! Wo die Flugzeuge in der Einflugschneise sonst so laut dröhnen, dass sie sogar Telefongespräche übertönen, versteht man plötzlich wieder sein eigenes Wort. Jetzt können sie auch am Tag entspannt im Garten sitzen. Vielleicht würden sogar die Start- und Landebahnen zum Spielplatz. Auf dem britischen Flughafen Bristol jedenfalls nutzten die Mitarbeiter ihre Flugzeug-Startbahn schon am Freitag als Startbahn für ihre Lenkdrachen.

Der Flughafen leidet dagegen enorm – und zwar nicht nur unter den fehlenden Flugzeugen, sondern auch unter den fehlenden Passagieren. Wenn keiner mehr dort abfliegt und umsteigt, kauft auch keiner mehr ein. Am Ende trifft es damit auch die Städte. In Frankfurt ist der Flughafen neben den Banken der wichtigste Gewerbesteuerzahler, 71.000 Menschen arbeiten am Airport – und wenn sie in Kurzarbeit geschickt werden, geben sie auch in der Stadt weniger Geld aus. Auch die Hoteliers könnten nur noch auf deutlich weniger Messegäste hoffen.

Dafür kämen in die deutschen Ferienregionen mehr Urlauber, schließlich fällt der Urlaub in der Ferne für viele aus. Schon jetzt bleibt die Hälfte der Deutschen im eigenen Land. „Dann würden das noch einige mehr“, sagt Verkehrsprofessor Schulz. Die Reiseveranstalter kämen allerdings in Bedrängnis, schließlich können sich die Urlauber ihre Deutschland-Reisen auch selbst organisieren, ohne Reisebüro.

Einige würden trotzdem nach Mallorca kommen, hofft ein Hotelier in Palma. Die Touristen, die „wegen des schönen Hinterlandes“ nach Mallorca fahren, könnten das künftig mit dem Auto und dem Schiff tun. An ihren Badetagen hätten sie am Strand ganz viel Platz. Denn die Kurzurlauber, die für ein Party-Wochenende nach Mallorca fliegen, dürften ausbleiben. Als Bonus gäbe es dann auch im Sommer eine Sehenswürdigkeit der seltenen Art: der Ballermann ohne Briten und Deutsche vor ausgestorbenen Bettenburgen.

Die besten Island-Witze

- Erst haben wir unsere Kohle in Island verbrannt, jetzt bekommen wir die Asche zurück.
- Sage niemals zu einem Isländer: „Asche auf mein Haupt.“ Er könnte maßlos übertreiben.
- Islands Letzter Wille: Verstreut meine Asche über Europa.
- Dear Icelanders! You misunderstood. We said: Give us cash. Not: Give us ash.

(mit Melanie Amann, Björn Boch, Konrad Mrusek, Dyrk Scherff, Carola Sonnet und Dirk Ulmer)

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Die Freiheit des Rauchers

Von Winand von Petersdorff

Verbote und Steuern zeigen Wirkung, vor allem bei jungen Leuten. Für Liberale ist das schwer zu schlucken. Mehr 6 18

10.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.692,96 −1,41%
 OK
10.02.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.692,96 −1,41%
FAZ-INDEX 1.495,13 −1,32%
TecDAX 769,89 −0,43%
MDAX 10.249,10 −1,04%
SDAX 4.985,13 −0,71%
REX 421,06 −0,02%
Eurostoxx 50 2.480,76 −1,65%
F.A.Z. EURO INDEX 80,01 −1,60%
Dow Jones 12.801,20 −0,69%
Nasdaq 100 2.547,32 −0,65%
S&P500 1.342,64 −0,69%
Nikkei225 8.947,17 −0,61%
EUR/USD 1,3195 −0,67%
Rohöl Brent Crude 117,61 $ −0,91%
Gold 1.711,50 $ −2,09%
Bund Future 138,62 € +1,01%