10.10.2006 · Bei Airbus müssen die Mitarbeiter weiter zittern. Nicht nur schmerzhafte Jobverluste hat der neue Chef Louis Gallois angekündigt. Auch „die Frage nach den Werken“ dürfe kein Tabu sein. Spekulationen über die Verlegung der A380-Produktion nach Südfrankreich sind wohl nicht vom Tisch.
Der neue Airbus-Chef Louis Gallois tritt in die Fußstapfen seines Vorgängers und stellt weiterhin die Existenz von Airbus-Werken in Frage: Er werde Streiffs Sanierungsplan „Power8“ sofort voll umsetzen, sagte Gallois im französischen Rundfunk. Mit „Power8“ sollen die Kosten binnen vier Jahren um mindestens zwei Milliarden Euro gedrückt werden. Das bedeute „Stelleneinbußen in der Verwaltung“, bekräftigte Gallois. Darüber hinaus machte der neue Airbus-Vorstand deutlich, daß „die Frage nach den Werken“ kein Tabu sein dürfe. Die Aufgabenverteilung zwischen den Airbus-Standorten Hamburg und Toulouse ist umstritten; Streiff hatte die A380-Fertigung ganz nach Südfrankreich verlegen wollen.
Es scheint, als wolle Gallois die Einschnitte auf diplomatischere Weise verkaufen als sein Vorgänger. Er versprach, das Sparprogramm „im Dialog und Gleichgewicht“ umzusetzen. Insbesondere die Gemeinkosten sollen um 30 Prozent sinken. In der Produktion sollen keine Stellen abgebaut werden, bekräftigte er. In Frankreich wird allerdings befürchtet, daß der Stellenabbau vor allem die Airbus-Hauptverwaltung in Toulouse trifft. Gallois sagte weiter, er unterstütze die Entwicklung des A350 als Konkurrenzprodukt zur Boeing 787. Er werde das Projekt dem Vorstand in Kürze in „positivem Lichte“ darstellen. Die Entscheidung über das neue Milliardenprojekt steht dem Konzern in den kommenden Wochen bevor.
Gallois scheint eher zur Umsetzung in der Lage
Beobachter glauben, daß der neue Vorstandsvorsitzende eher als Streiff in der Lage sein wird den harten Sanierungskurs Realität werden zu lassen. Analysten verwiesen darauf, daß Gallois nun die Airbus-Führung und den Posten des Ko-Chefs bei EADS in sich vereine. „Durch diese Entscheidung scheint ein
Hierarchieniveau beseitigt worden zu sein“, erklärten die Luftfahrtexperten der französischen Geschäftsbank Société Générale. Auch der Pariser Finanzdienstleister Ixis Securities betonte, damit sei die Konzernstruktur vereinfacht worden und Entscheidung könnten nun leichter getroffen werden.
Gallois übernimmt nach dem Rücktritt von Airbus-Chef Christian Streiff dessen Aufgaben. Nach 100 Tagen im Amt hatte dieser am Montag seinen Job hingeworfen. Auch der Mutterkonzern EADS machte deutlich, daß er diesen Schritt nutzen will, um den Flugzeugbauer an die kürzere Leine zu nehmen. Nach erneuten Lieferverzögerungen beim neuen Superjumbo A380 haben sich die Bestellungen bei Airbus im bisherigen Jahresverlauf nahezu halbiert.
Streiff rechnet ab
Der zurückgetretene Streiff machte Hamburg als „schwächstes Glied“ für die Probleme in der A380-Fertigung verantwortlich. Die Schwierigkeiten lägen aber generell in der Organisation, sagte er der Zeitung „Le Figaro“. In einem Interview mit dem Blatt kritisierte er seinen früheren Arbeitgeber scharf: Die Doppelführung des Konzerns habe die Durchsetzung seines Sanierungsplans nicht erlaubt. Airbus müsse „Pilot im eigenen Flugzeug“ sein und dürfe nicht „über EADS gesteuert“ werden. „Schließlich wollte ich die nötige operative Macht.“ In der EADS-Führung wird Streiff vorgeworfen, bei seinem Amtsantritt die Doppelführung akzeptiert zu haben, um später mit seiner Rücktrittsdrohung eine Änderung zu erreichen. „Das wurde als Erpressung wahrgenommen“, hieß es in Konzernkreisen.
Die Berufung von Louis Gallois zu seinem Nachfolger und die damit einhergehende Verbindung zwischen Mutterkonzern EADS und Airbus begrüßte Streiff als „Schritt in die richtige Richtung.“ Sein Nachfolger brauche genügend „Ellenbogenfreiheit“. Wenn sich die Unternehmensführung nicht weiterentwickele, müsse man sich um die Unternehmenszukunft Sorgen machen, zitiert die Zeitung den Manager weiter.
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