Bauern hüteten ihre Schafe im Olympiastadion, Bergleute marschierten mit rußverschmierten Gesichtern ein, Krankenschwestern tanzten. Mediale Exportschlager wie der ewige Beatle Paul McCartney und James Bond hatten ihre Auftritte. Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London vor einer Woche war eine Leistungsschau britischer Errungenschaften, von der industriellen Revolution bis zum einst revolutionären Gesundheitsdienst NHS. Ein Berufsstand aber fehlte in der Olympia-Show. Ausgerechnet jener, der das Bild, das sich die Welt von Großbritannien macht, in den vergangenen Jahren geprägt hat, wie kein anderer: Der der Banker.
Aber die einstige Vorzeigebranche ist nicht mehr vorzeigbar. Im olympischen Jahr ist das zweitgrößte Finanzzentrum der Erde ist zur Welthauptstadt der Bankenskandale geworden. Fast alles, was in den vergangenen zwölf Monaten in der Welt des großen Geldes so richtig schiefgegangen ist, hatte in der einen oder anderen Weise mit London zu tun. Es fing an im vergangenen September in der Londoner Niederlassung der UBS. Die Schweizer Bank gab bekannt, einer ihrer Händler dort habe 2,3 Milliarden Dollar mit nicht autorisierten Geschäften verloren. Im Mai dieses Jahres folgte die amerikanische Großbank JP Morgan, eine der ersten Adressen an der New Yorker Wall Street. Auch dort hatte sich ein Händler verzockt. Bis heute hat das den Finanzriesen 5,8 Milliarden Dollar gekostet - und wieder war der Täter ein Mitarbeiter in London.
Kein Monat ohne neue Horrorgeschichten
Im Juni folgte der nächste Schlag: Barclays, die führende britische Investmentbank, sorgte dafür, dass heute sehr viel mehr Menschen wissen, was die London Interbank Offered Rate (Libor) ist. Barclays-Händler hatten über Jahre hinweg versucht, den Zinssatz, der zu den wichtigsten im internationalen Kreditgeschäft zählt, zu manipulieren. 290 Millionen Pfund Strafe musste die Bank dafür in den Vereinigten Staaten und Großbritannien bezahlen. Bob Diamond, der Vorstandschef von Barclays, hatte noch im Frühjahr, entgegen aller Kritik, auf einem Jahressalär von mehr als 20 Millionen Pfund beharrt. Nun trat er erst zurück, als der britische Notenbankchef Mervyn King persönlich die Bank dazu aufforderte. Gegen weitere Finanzhäuser wird ermittelt - auch gegen die Royal Bank of Scotland (RBS).
Kein Monat ohne neue Horrorgeschichten: Im Juli war die ebenfalls in London börsennotierte HSBC dran. Manager der britischen Großbank wurden vor einen Parlamentsausschuss in Washington zitiert. Der Vorwurf: Mexikanische Drogenhändler und andere Kriminelle sollen im großen Stil Konten bei der HSBC in den Vereinigten Staaten zur Geldwäsche genutzt haben, ohne dass die Bank eingeschritten wäre. Es flossen Milliardenbeträge.
Dazu kommen noch zwei Skandale, die international weniger Schlagzeilen machten, in Großbritannien dafür umso mehr. Alle vier großen britischen Kreditinstitute - Barclays, RBS, Lloyds und HSBC - müssen Quartal um Quartal gewaltige Rückstellungen für die Entschädigung falsch beratener Kunden bilden. Zusammen sind es bisher rund 8 Milliarden Pfund. Auf der Jagd nach „Erfolgsboni“ wurden unter anderem zehntausenden von Kleinunternehmen, darunter Metzgereien und Imbissbuden, komplexe Finanzprodukte angedreht.
Weil weder die Kunden noch ihr Bankberater diese verstanden, gingen zahlreiche Firmen pleite. Bei der RBS, die der Staat vor vier Jahren mit der Rekordsumme von 45 Milliarden Pfund vor der Pleite retten musste, ging unterdessen Ende Juni ein Software-Update gründlich schief. Tagelang streikten die Computer. Millionen von Geldtransaktionen blieben liegen. Die RBS brauchte Wochen um den Rückstand aufzuholen.
Auf Demut geschaltet
„Inkompetenz, Korruption und Gier sind endemisch geworden im britischen Bankenwesen“, schrieb Großbritanniens Wirtschaftsminister Vince Cable in einem Gastbeitrag für die Zeitung „Guardian“. Vier Jahre ist es her, dass nach der Pleite von Lehman Brothers die Banken und mit ihnen die Weltwirtschaft in den Abgrund blickten. Hinterher gelobten Banker, Aufsichtsbehörden und Politiker, sie hätten die Lektionen der Weltfinanzkrise gelernt. Nie mehr sollten Gewinne von den Banken eingestrichen und ihre Verluste sozialisiert werden. Viel ist vom Kulturwandel in den Bankentürmen die Rede, vom Ende der Kasino-Mentalität, von Nachhaltigkeit, statt schnellem Geld. Aber was sich seit dem vergangenen Sommer an der Themse abgespielt hat, lässt die Beteuerungen als bloße Lippenbekenntnisse erscheinen.
In der City, dem Finanzviertel im Herzen Londons, haben die Bankenherrscher flugs den Hebel umgelegt und zurück auf Demut geschaltet. Auf einmal reden alle wieder vom verlorenen Vertrauen, das zurückgewonnen werden müsse. „Diese Häufung an Vorfällen ist wirklich unglücklich“, sagt Raquel Hughes, Direktorin von CityUK, einem Lobbyverband der britischen Geldbranche. „Unsere Reputation ist stark angeschlagen“, räumt Hughes ein. Vor allem der Libor-Fall gefährdet das Vertrauen in den Finanzplatz London, denn er rückt den Bankenverband, die Finanzaufsichtsbehörde FSA und die Notenbank in ein schlechtes Licht. Die FSA wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern.
„Die Aufseher sind Trottel und Schurken zugleich“
Michael Mainelli ist kein Bankenhasser, er ist Teil des Establishments in der Londoner City. Der Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Z/Yen Group, zählt zahlreiche Großunternehmen aus der City zu seinen Kunden. Für die Stadtverwaltung ermittelt er regelmäßig ein Ranking der globalen Finanzzentren, in dem meistens London ganz oben steht. Aber Mainelli geht mit dem Finanzplatz hart ins Gericht: „Der Libor-Skandal ist ein schlimmes Eigentor für London“, sagt er. Die Aufsichtsbehörden, also die FSA und die Bank of England, hätten schwer versagt.
„Die Libor-Ungereimtheiten waren in der Branche ein sehr offenes Geheimnis“, sagt der Finanzfachmann. Schon im Mai 2008 erschien im „Wall Street Journal“ ein ausführlicher Bericht über Ungereimtheiten bei der Berechnung des Libor. Aber geplatzt ist die Bombe erst vor wenigen Wochen. „Die Aufseher sind Trottel und Schurken zugleich“, sagt Mainelli. „Trottel, weil sie Jahre brauchten, um auf das Problem aufmerksam zu werden, Schurken, weil sie die Aufklärung um weitere Jahre verschleppt haben.“ Die Initiative, überhaupt aktiv zu werden, ging von Washington aus - nicht von London.
Warum ist das so? Eine naheliegende Antwort: Weil in keiner großen Volkswirtschaft die Finanzbranche eine so große Rolle spielt wie in Großbritannien. Entsprechend stark ist ihre Lobby. In Relation zur Wirtschaftsleistung des gesamten Landes gesetzt ist die Bilanzsumme des Finanzsektors auf der Insel doppelt so groß wie in Deutschland und siebenmal so groß wie in den Vereinigten Staaten. Ob Goldman Sachs, JP Morgan oder Deutsche Bank - alle bedeutenden Investmentbanken haben große Niederlassungen in London
Bankenaufsicht ist Standortpolitik
Die Finanzbranche sorgt trotz Krise noch immer für rund zwei Millionen gut bezahlte Jobs auf der Insel. Nur gut die Hälfte dieser Arbeitsplätze entfällt auf Banken, Versicherungen und andere Finanzdienstleister, die andere Hälfte auf Anwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfer und Beratungsunternehmen. Zwischen 1997 und 2007, also in den zehn Jahren vor Ausbruch der Weltfinanzkrise, ist der britische Finanzsektor im Schnitt jährlich um 6 Prozent gewachsen - doppelt so stark wie die Wirtschaft insgesamt. Großbritannien ist der weltgrößte Exporteur von Finanzdienstleistungen. Diese sind damit die mit Abstand wichtigste Stütze der britischen Leistungsbilanz. London ist unter anderem im Devisenhandel und bei der Vergabe internationaler Kredite die Nummer Eins.
Bankenaufsicht ist deshalb auch Standortpolitik. Zu viel Regulierung schadet dem Finanzplatz und damit dem Land - das war die erklärte Maxime der britischen Politik, seit Margaret Thatcher vor einem Vierteljahrhundert mit einer Radikalreform die City dereguliert hatte. Bevor die Finanzkrise losbrach, wurde das auch offen ausgesprochen. Im Mai 2005 griff der damalige Premierminister Tony Blair, ein Sozialdemokrat, die Bankenaufseher in einer Rede frontal an: Sie seien „ein gewaltiges Hemmnis für gut funktionierende Unternehmen“, maßregelte der Regierungschef die FSA. Heute würde sich das zwar kein britischer Spitzenpolitiker mehr zu sagen trauen. Aber der Libor-Skandal legt nahe, dass die inzwischen berüchtigte „Light Touch Regulation“ noch immer die Geschäftsgrundlage ist.
Es ist nicht so, dass die Regierung nichts tun würde. Großbritannien will strengere Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung der Banken stellen, als andere EU-Länder. Auch hat die Regierung angekündigt, das riskante Kapitalmarktgeschäft der Banken intern vom Einlagen- und Kreditgeschäft abzutrennen, ein Schritt in Richtung Trennbankensystem, den viele Fachleute befürworten. „Abwarten, der Teufel steckt im Detail“, sagt der Finanzexperte Mainelli dazu nur. Er bezweifelt, dass es die Politiker wirklich ernst meinen: „Was hat sich denn wirklich geändert? Die Banken brauchen etwas mehr Eigenkapital und sie müssen mehr Zeit mit den Aufsichtsbehörden verbringen. Alles weitere ist bisher nur Reformgerede.“
Beispiel Bezahlung: Die im Vergleich zu anderen Branchen extrem hohen „Erfolgsboni“, die in der City ausgeschüttet werden, sind nach Meinung vieler Fachleute noch immer ein Kernproblem, weil sie Anreize schaffen, Gewinne um jeden Preis zu erzielen. Charles Goodhart ist einer der erfahrensten britischen Finanzexperten. Der frühere Wirtschaftsprofessor war Mitglied im Zentralbankrat der Bank of England. „Einige Bezahlungspraktiken sollten sicherlich überdacht werden“, sagt Goodhart. „Aber die Politiker und die Finanzaufsicht sind unwillig, das Problem anzugehen.“ Wenn nur in London, aber nicht in New York, Hongkong und Singapur, die Gehälter gedeckelt würden, schade das dem Finanzplatz an der Themse. „Wir bräuchten einen globalen Konsens“, sagt Goodhart - und räumt im nächsten Satz ein, dass der leider nicht in Sicht sei.
Warum die Situation hoffnungslos ist
Georg Wegner (georgwg)
- 04.08.2012, 14:22 Uhr
Und dabei sitzt GB auf einem so hohen Ross...!
Gus Savel (gsavel)
- 04.08.2012, 11:36 Uhr
Hintertupfingen.
fridolin hinterhuber (montaxxmontaxx)
- 04.08.2012, 11:06 Uhr