Home
http://www.faz.net/-gqe-75o74
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 11.01.2013, 18:20 Uhr

Londoner „Tube“ Die Baustelle

Vor 150 Jahren war der Bau der Londoner U-Bahn ein Weltwunder privaten Unternehmertums. Heute wundert sich die Welt, dass der Sanierungsfall immer noch rollt.

© Kien Hoang Le Der Eingang zur U-Bahn-Station am Piccadilly Circus in London

Sonntagnachmittag in London Heathrow. Auf Europas größtem Flughafen rollt die Rückreisewelle nach dem Weihnachtsurlaub. „Tut mir leid“, sagt der Mitarbeiter der städtischen Verkehrsbetriebe Transport for London. Wegen „planmäßiger Reparaturarbeiten“ fahre keine U-Bahn in die Innenstadt. „Beim nächsten Mal sollten Sie sich besser vor Reiseantritt informieren“, tadelt der Mann in der blauen Uniform. Da hat er recht. Selbst schuld, wer glaubt, er könne am Wochenende einfach so mit der U-Bahn in das Stadtzentrum fahren. Wir sind hier schließlich in London. Taxifahrer wollen auch leben.

Marcus Theurer Folgen:

So war es immer. So wird es immer sein. Die älteste U-Bahn der Welt war, ist und bleibt eine Baustelle. Diese Woche ist es genau 150 Jahre her, dass die ersten Züge in der Unterwelt rollten. Damals war das ein technisches Weltwunder. Heute besteht das Wunder eher darin, dass sich die Räder der in weiten Teilen altersschwachen „Underground“ überhaupt noch drehen. Auf vielen der nostalgischen Bahnsteige scheint in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten die Zeit stehengeblieben zu sein. Die „Tube“ (Röhre), wie die Londoner ihre U-Bahn nennen, ist ein Oldtimer. Manche der Signalanlagen sind neunzig Jahre alt. Wenn ein Bauteil kaputtgeht, muss es als Einzelstück nachgefertigt werden.

Das mit Abstand wichtigste Stück Verkehrsinfrastruktur

Der Verkehr im Londoner Untergrund ist ein ständiges Improvisieren, Basteln und Durchwursteln. Großbritanniens Hauptstadt ist mit mehr als 8 Millionen Einwohnern die größte europäische Stadt. London schläft nie. Aber ein U-Bahn-Betrieb rund um die Uhr wie etwa in New York ist an der Themse undenkbar. Die Nachtstunden werden ebenso wie die Wochenenden dringend gebraucht, um die aller nötigsten Reparaturen am mehr als 400 Kilometer langen und über Jahrzehnte hinweg vernachlässigten Streckennetz auszuführen. Londoner sind es gewohnt, dass an Samstagen und Sonntagen mitunter die Hälfte der elf U-Bahn-Linien ganz oder teilweise gesperrt ist. Irgendwann muss ja geflickschustert werden. Wer in den frühen Morgenstunden unterwegs ist, kann die müden Bauarbeiter-Trupps in ihren gelben Warnwesten nach der Nachtschicht aus den viktorianischen Bahnstollen kriechen sehen. Ihnen geht die Arbeit nie aus.

Der Frust über die Zumutungen der zu Stoßzeiten hoffnungslos überlasteten Underground gehört zu London wie Nieselregen und Regenschirme. Andererseits: Trotz aller Malaisen ist die Leistungsfähigkeit des müden und ächzenden Kolosses unter Londons Straßen erstaunlich. 1,2 Milliarden Fahrgäste quetschten sich vergangenes Jahr in die engen Waggons. Die Tube befördert damit jeden Tag so viele Passagiere wie das gesamte britische Eisenbahnnetz und mehr als doppelt so viele wie die U-Bahn in Berlin. Erstaunlich auch: So altersschwach Londons unterirdisches Verkehrsmuseum auch sein mag - mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 33 Stundenkilometern ist sie nur geringfügig langsamer als die mehr als ein Jahrhundert später gebaute Münchner U-Bahn.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
U2 bis Bad Homburger Bahnhof Verlängerung der U-Bahn genehmigt

Die U-Bahn-Line 2 soll verlängert werden. Dann ist nicht mehr Bad Homburg-Gonzenheim die Endhaltstelle, sondern der Bahnhof. Doch der Oberbürgermeister der Stadt reagiert verhalten auf die Nachricht. Mehr Von Bernhard Biener, Bad Homburg

04.02.2016, 09:36 Uhr | Rhein-Main
Filmtechnik Oscarnominierung für Londoner 3D-Animation in Gravity

Das Weltraum-Drama Gravity lebt von computeranimierten Spezialeffekten. Auch dank der Londoner Trick-Schmiede Framestore ist der Film mit Sandra Bullock einer der Oscar-Favoriten. Mehr

04.02.2016, 16:46 Uhr | Feuilleton
Infrastruktur Die Bahn investiert ins Schienennetz - auf 850 Baustellen am Tag

Schienen, Weichen und Brücken werden erneuert. Kostenpunkt: 5,5 Milliarden Euro kosten. Die Kunden müssen mit Verzögerungen auf einigen Strecken rechnen. Mehr

01.02.2016, 13:58 Uhr | Wirtschaft
Großbritannien Londoner Taxifahrer gegen Uber

Tausende Taxifahrer blockierten am Mittwoch Londons Straßen aus Protest gegen den Fahrdienstvermittler Uber. Die Fahrer kritisieren, dass Uber Gesetze umgehe und Steuern im Ausland zahle, indem es sich als IT-Unternehmen bezeichne. Mehr

11.02.2016, 14:32 Uhr | Wirtschaft
Mainzer Fastnacht Sturmwarnung für Rosenmontag

In den Fastnachtshochburgen wie Mainz wird der Wetterbericht zur Pflichtlektüre. Bis Windstärke acht könne der Zug wie geplant laufen, sagen die Veranstalter. Mehr Von Markus Schug, Mainz

06.02.2016, 11:02 Uhr | Rhein-Main

Das Syriza-Virus

Von Leo Wieland, Lissabon

Wie in Griechenland gefährdet in Portugal und Spanien die Politik die wirtschaftliche Erholung. Portugals Ministerpräsident sagt das Richtige, tut dann aber das Falsche. Mehr 31 29


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“