Home
http://www.faz.net/-gqe-75o74
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Londoner „Tube“ Die Baustelle

Vor 150 Jahren war der Bau der Londoner U-Bahn ein Weltwunder privaten Unternehmertums. Heute wundert sich die Welt, dass der Sanierungsfall immer noch rollt.

© Kien Hoang Le Vergrößern Der Eingang zur U-Bahn-Station am Piccadilly Circus in London

Sonntagnachmittag in London Heathrow. Auf Europas größtem Flughafen rollt die Rückreisewelle nach dem Weihnachtsurlaub. „Tut mir leid“, sagt der Mitarbeiter der städtischen Verkehrsbetriebe Transport for London. Wegen „planmäßiger Reparaturarbeiten“ fahre keine U-Bahn in die Innenstadt. „Beim nächsten Mal sollten Sie sich besser vor Reiseantritt informieren“, tadelt der Mann in der blauen Uniform. Da hat er recht. Selbst schuld, wer glaubt, er könne am Wochenende einfach so mit der U-Bahn in das Stadtzentrum fahren. Wir sind hier schließlich in London. Taxifahrer wollen auch leben.

Marcus Theurer Folgen:  

So war es immer. So wird es immer sein. Die älteste U-Bahn der Welt war, ist und bleibt eine Baustelle. Diese Woche ist es genau 150 Jahre her, dass die ersten Züge in der Unterwelt rollten. Damals war das ein technisches Weltwunder. Heute besteht das Wunder eher darin, dass sich die Räder der in weiten Teilen altersschwachen „Underground“ überhaupt noch drehen. Auf vielen der nostalgischen Bahnsteige scheint in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten die Zeit stehengeblieben zu sein. Die „Tube“ (Röhre), wie die Londoner ihre U-Bahn nennen, ist ein Oldtimer. Manche der Signalanlagen sind neunzig Jahre alt. Wenn ein Bauteil kaputtgeht, muss es als Einzelstück nachgefertigt werden.

Das mit Abstand wichtigste Stück Verkehrsinfrastruktur

Der Verkehr im Londoner Untergrund ist ein ständiges Improvisieren, Basteln und Durchwursteln. Großbritanniens Hauptstadt ist mit mehr als 8 Millionen Einwohnern die größte europäische Stadt. London schläft nie. Aber ein U-Bahn-Betrieb rund um die Uhr wie etwa in New York ist an der Themse undenkbar. Die Nachtstunden werden ebenso wie die Wochenenden dringend gebraucht, um die aller nötigsten Reparaturen am mehr als 400 Kilometer langen und über Jahrzehnte hinweg vernachlässigten Streckennetz auszuführen. Londoner sind es gewohnt, dass an Samstagen und Sonntagen mitunter die Hälfte der elf U-Bahn-Linien ganz oder teilweise gesperrt ist. Irgendwann muss ja geflickschustert werden. Wer in den frühen Morgenstunden unterwegs ist, kann die müden Bauarbeiter-Trupps in ihren gelben Warnwesten nach der Nachtschicht aus den viktorianischen Bahnstollen kriechen sehen. Ihnen geht die Arbeit nie aus.

Der Frust über die Zumutungen der zu Stoßzeiten hoffnungslos überlasteten Underground gehört zu London wie Nieselregen und Regenschirme. Andererseits: Trotz aller Malaisen ist die Leistungsfähigkeit des müden und ächzenden Kolosses unter Londons Straßen erstaunlich. 1,2 Milliarden Fahrgäste quetschten sich vergangenes Jahr in die engen Waggons. Die Tube befördert damit jeden Tag so viele Passagiere wie das gesamte britische Eisenbahnnetz und mehr als doppelt so viele wie die U-Bahn in Berlin. Erstaunlich auch: So altersschwach Londons unterirdisches Verkehrsmuseum auch sein mag - mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 33 Stundenkilometern ist sie nur geringfügig langsamer als die mehr als ein Jahrhundert später gebaute Münchner U-Bahn.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Niedergang der Lokführer Einsam

Keiner träumt mehr davon, Lokführer zu werden: Ein Beruf, mäßig bezahlt, todlangweilig und mit schwindendem Ansehen. Mehr Von Lena Schipper

09.11.2014, 12:37 Uhr | Wirtschaft
Aktie im Aufschwung Verdienen am Eurotunnel

Ein Tunnel, der England mit dem Festland verbindet, war schon vor Jahrhunderten ein Traum. Vor 20 Jahren wurde er endlich wahr. Doch unter der Last der hohen Baukosten rutschte die Tunnel-Aktie in die Tiefe. Nun hat sie sich endlich wieder berappelt. Mehr Von Dyrk Scherff

16.11.2014, 18:35 Uhr | Finanzen
Frankfurt Blockupy demonstriert vor der EZB

Von 14 Uhr an wollen Demonstranten von der Innenstadt zur neuen EZB im Frankfurter Osten ziehen. Die Polizei rechnet mit einem friedlichen Verlauf, weil man aus den Geschehnissen vom vergangenen Jahr gelernt habe. Mehr Von Katharina Iskandar

22.11.2014, 06:00 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.01.2013, 18:20 Uhr

Abschied vom Veggie-Day

Von Ralph Bollmann

Die Grünen nehmen Abschied von dem Image der Verbotspartei - und zeigen sich nun betont profillos. Damit könnten sie zur neuen FDP aufsteigen: einer Dauerregierungspartei, die mit jedem kann. Mehr 9


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Deutsche fühlen sich für Unternehmerdasein nicht gerüstet

Nur 34 Prozent der Deutschen glauben, ihre Ausbildung habe ihnen die Fähigkeit vermittelt, ein eigenes Unternehmen zu führen. Mehr 4