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London Schimpf und Schande sollen in der City ein Ende finden

06.08.2003 ·  Nach dem Urteil gegen Cantor klagen immer mehr Londoner Angestellte gegen Einschüchterungen am Arbeitsplatz. Die Banken beugen vor und schulen ihre Mitarbeiter im Umgang mit Minderheiten.

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In der Londoner City wollen sich immer mehr Angestellte gegen Einschüchterungsversuche durch Vorgesetzte und Kollegen wehren. Denn wie ein Urteil im Fall Cantor Fitzgerald in der vergangenen Woche zeigte, sind die Gerichte heute bereit, betroffenen Arbeitnehmern hohe Schadenersatzzahlungen zuzusprechen. Damit könnte auch langsam ein Umdenken in manchen Unternehmen einsetzen, glauben Rechtsexperten. Da die Finanzhäuser erheblichen Imageschaden befürchten müssen, werden sie gegen einen rauhen Umgangston mit Beschimpfungen, abfälligen Bemerkungen und Diskriminierung vorgehen, lautet die Hoffnung.

Steven Horkulak, Managing Director in der Londoner Niederlassung der amerikanischen Brokerfirma Cantor Fitzgerald, war bis zum Jahr 2000 monatelangen Drohungen durch seinen Vorgesetzten ausgesetzt. Der für das internationale Geschäft zuständige Chief Executive Officer Lee Amaitis brüllte unter anderem Sätze wie "Ich brech' dich entzwei" oder "Ich reiß' dir den Kopf" ab. Horkulak, der zeitweise von Kokain und Alkohol abhängig gewesen war, kündigte im Jahr 2000 und klagte gegen Cantor. Das Unternehmen argumentierte, Horkulak habe nicht die erwarteten Leistungen gebracht; im streßgeprägten Geschäft der Geldbroker würden die Emotionen zudem immer mal wieder hochschießen. Doch der Richter verglich die Ausfälle von Amitis mit Einschüchterungsversuchen aus dem kriminellen Milieu und sprach Horkulak eine Million Pfund (1,4 Millionen Euro) an Schadenersatz zu.

Fälle bekommen zunehmend Öffentlichkeit

"Wir verzeichnen seit geraumer Zeit beträchtliches Interesse an solchen Fällen", sagt Horkulaks Anwalt James Libson. Seine Kanzlei Mishcon de Reya hat sich auf derartige Einschüchterungsversuche ("bullying") und Diskriminierung spezialisiert. Die Nachfrage sei so groß, daß die Kanzlei in fünf Jahren die Anwälte von zwei auf elf erhöht habe. Horkulaks Fall sei von Bedeutung, weil sich erstmals in einem profilträchtigen Fall ein Angestellter nicht auf Geschlechter- oder Rassendiskriminierung berief und dennoch gewann. "Ich glaube, daß manche Unternehmen jetzt vorsichtiger werden", sagt Libson.

In der Londoner City kommt es immer wieder zu Vorfällen von Machtmißbrauch - von älteren gegenüber jüngeren Angestellten, Männern gegenüber Frauen und Chef gegenüber Untergebenen. Zunehmend erfährt davon auch die Öffentlichkeit. Vor zwei Jahren einigte sich ein Angestellter mit der Brokerfirma Tullett & Tokyo auf einen außergerichtlichen Vergleich, weil deren Manager ihn auf ungewöhnliche Art für das verspätete Erscheinen zur Arbeit bestrafen wollten: Sie verlangten von dem Mann jüdischen Glaubens, dessen Großmutter in Auschwitz ums Leben gekommen war, eine Nazi-Uniform zu tragen. In der "Sunday Times" berichtete eine ehemalige Brokerin kürzlich über Initiierungsriten bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber: Ein 17 Jahre alter Lehrling wurde splitternackt ausgezogen, mit einem Klebeband an den Bürostuhl festgebunden im Aufzug auf und ab gefahren. Bei Credit Suisse First Boston behauptete ein in Pakistan geborener Händler, er habe immer Tee kochen müssen und sei von Kollegen "wie ein Sklave" behandelt worden. Die Bank bestritt die Äußerungen und einigte sich mit dem Mann außergerichtlich auf die Zahlung von 200 000 Pfund.

Benimm-Kurse für Banker

Solche Fälle entstehen häufig in einer höchst gespannten Büro-Atmosphäre. Da sitzen viele Dutzend Männer auf engstem Raum täglich beieinander, nehmen kaum die Augen von ihren Bildschirmen und handeln mit hohen Geldsummen. Frauen sind zwar zunehmend sichtbar, doch bleiben in der Minderheit. Blitzschnelle Entscheidungen sind gefragt und führen zu großem Streß. Viele Händler sind unter dreißig, haben die Schule vor dem Abitur verlassen und sind rasch zu viel Geld gekommen. Die beliebteste Lektüre ist nicht die "Financial Times", sondern die Boulevardzeitung "Sun". Der Teamgeist ist stark, aber auch der Druck auf Minderheiten. Die Fehler des einen können den Bonus der ganzen Abteilung verderben und am Ruf des Chefs nagen. Eine "Macho-Kultur" prägt das Arbeitsumfeld, in dem auch Nachtklubbesuche mit Kunden keine Seltenheit sind. Der Chef des Broker-Unternehmens ICAP, Michael Spencer, verschickte einmal eine zwanzigseitige Weihnachtskarte, für die er sich und Kollegen mehr oder weniger leicht bekleidet mit mehreren Damen im gleichen Zustand ablichten ließ.

"Allmählich werden sich die Sitten ändern. Die Unternehmen wollen in einem Licht gesehen werden, daß sie etwas tun", sagt Valmai Adams, Anwältin bei der Kanzlei Nabarro Nathanson. Führende Banken in der Londoner City haben schon begonnen, ihre Angestellten in Kursen zum Thema "Umgang mit den verschiedenen Minderheiten" zu schulen. Dort sollen sie lernen, mit der Tatsache klarzukommen, daß sie heute mehr Frauen und Angehörige anderer ethnischer Gruppen als Kollegen haben. "Der Wandel wird aber nicht über Nacht kommen. Etliche Angestellte nehmen viel in Kauf, denn aufgrund der ökonomischen Situation liegen die Jobs nicht auf der Straße", sagt Adams weiter.

Cantor macht fleißig weiter

Im Horkulak-Fall hat der Richter auch eine "faire und vernünftige" Bonus-Vergabe durch Cantor Fitzgerald verlangt. 95 Prozent aller Boni werden nach Angaben von Anwalt Libson in der City immer noch nach kaum nachvollziehbaren Kriterien vergeben. Die Unternehmen müßten künftig mehr Transparenz und Systematik zeigen.

Wieviel das unterlegene Unternehmen Cantor Fitzgerald aus dem Fall Horkulak gelernt hat, ist freilich ungewiß. Es lobt seinen Chef Amitis als "höchst erfolgreiche Führungskraft". Sein Engagement sei ein Schlüssel für das Comeback des Unternehmens gewesen, das bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 einen Großteil seiner Belegschaft verloren hatte. Cantor erwägt, Berufung gegen das Urteil einzulegen.

Quelle: chs., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2003, Nr. 181 / Seite 19
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