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Mikropartikel : 37 Milliarden Euro für neue Kläranlagen?

Neue Kläranlagen gegen Arzneimittel-Partikel könnten Milliarden Euro Kosten. Bild: Reuters

Das Problem heißt Mikroplastik: Kleine Teilchen von Arznei und Dünger schwimmen im Abwasser. Nur zwei Drittel der Teilchen können weggefischt werden. Das wird teuer.

          Im Abwasser schwimmt vieles, was da nicht hineingehört. Die Sorglosigkeit mancher Zeitgenossen, die die Kanalisation als eine erweiterte Mülldeponie betrachten, kostet die kommunalen Abwasserbetriebe – und damit deren Kunden, die Wasserverbraucher – viel Geld. Denn das Abwasser muss aufwendig gereinigt werden, mechanisch und biologisch. Drei Stufen durchläuft der Prozess in der Regel, bevor das Wasser so weit geklärt ist, dass es in den natürlichen Kreislauf eingespeist und zu Grund- und Trinkwasser werden kann.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Doch drei Reinigungsstufen reichen oft nicht mehr aus. Zunehmend breiten sich Kleinstpartikel aus, die nicht ins Wasser gehören und wenn nicht dem Menschen, so aber anderen Lebewesen gefährlich werden können. Die Liste solcher Mikroteilchen ist lang und wird durch immer feinere Analysemethoden immer länger. Die Teilchen stammen aus Kosmetika, Körperpflegemitteln, Arzneien, Pflanzenschutzmitteln oder auch aus künstlich gesüßten Limonaden. Als sehr hartnäckig gelten Stoffe wie das in Schmerzmitteln enthaltene Diclofenac oder Röntgenkontrastmittel.

          Gut zwei Drittel solcher Mikroschadstoffe werden in modernen Großreinigungsanlagen weggefischt. Der EU ist das nicht genug. Um einen „guten ökologischen Zustand“ der Gewässer zu erreichen, plädiert sie in ihrer „Wasserrahmenrichtlinie“ deshalb für eine weitere, vierte Reinigungsstufe. Darunter werden unterschiedliche technische Optionen verstanden: Ozonierung, Membranfiltration oder Aktivkohlefiltration. Mit diesen Verfahren können auch hartnäckige Spurenstoffe geknackt und entsorgt werden. Teilweise wird das schon angewandt, etwa bei den Berliner Wasserbetrieben.

          Europaweit Kosten von 110 Milliarden Euro

          Die Abwasserwirtschaft fürchtet sich vor dem Gedanken, dass solche Verfahren deutschland- oder europaweit vorgeschrieben werden könnten. Denn das würde ein große Stange Geld kosten. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat dazu ein Gutachten anfertigen lassen. Seine Ergebnisse liegen der F.A.Z. vor. Allein für Deutschland haben die Forscher Mehrausgaben von 37 Milliarden Euro in den nächsten 30 Jahren ermittelt, zu Preisen von 2014 gerechnet; europaweit würden Investitionen von 110 Milliarden Euro notwendig.

          „Damit würden auf die Bürger zusätzliche Milliardenkosten zukommen, die sie entweder über höhere Abwassergebühren oder indirekt über öffentliche Zuschüsse zu tragen hätten“, sagt Martin Weyand. Er ist beim BDEW für Wasser und Abwasser verantwortlich. Um die Ausgaben zu verhindern, verlangt er „eine Kehrtwende von der kurzfristigen Reparaturmentalität zur nachhaltigen Vorsorgestrategie nach dem Verursacherprinzip“.

          Konkret gehe es darum, dafür zu sorgen, dass Schadstoffe erst gar nicht ins Abwasser gelangen. Dann müsse man später auch weniger aufwendig herausfischen. Die Alterung der Gesellschaft und der steigende Pro-Kopf-Verbrauch an Medikamenten führe in den kommenden 30 Jahren zu einem Anstieg des Medikamentenverbrauchs um bis zu 70 Prozent, rechnet Weyand vor. Viel davon werde im Abwasser landen, nicht nur auf dem natürlichen Weg durch Ausscheidungen, sondern auch, weil viele Leute abgelaufene oder nicht mehr benötigte Arzneimittel immer noch über die Toilette entsorgten.

          Der Lobbyist der Wasserwirtschaft hat auch einen Vorschlag, wie das verhindert werden könnte. Er plädiert für eine „neue Arzneimittelstrategie“ in Deutschland und „eine Wende in der Agrarpolitik“. Beides müsse künftig mehr auf dem Verursacherprinzip aufbauen. Unschwer lässt sich neben der Landwirtschaft, mit der die Wasserwirtschaft wegen der zu hohen Nitratwerte im Grundwasser als Folge der Überdüngung der Äcker eh über Kreuz liegt, die Pharmaindustrie als Ziel identifizieren. „Wenn heute Milliarden Umweltkosten von Bürgern getragen werden müssen, führt dies die umweltökonomischen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte ad absurdum“, meint Weyand. Er verlangt „eine umfassende Strategie mit Umsetzung des Verursacherprinzips entlang der Akteurskette“.

          Studie pünktlich zum Start der Koalitionsverhandlungen

          Im vergangenen Jahr hatten die Grünen im Bundesrat dazu schon einmal einen von der Wasserwirtschaft begrüßten Vorstoß unternommen. Demnach sollten die Pharmahersteller „in die finanzielle Verantwortung zur Entfernung problematischer Stoffe aus der aquatischen Umwelt einbezogen werden“. Die Bundesregierung sollte Umsetzungsvorschläge machen, was sie aber nicht getan hat.

          In dem Antrag wurde auch auf den wegen der Alterung der Gesellschaft zusätzlich wachsenden Gebrauch von Arzneimitteln und dessen Folgen auf den Gewässerschutz hingewiesen. Es bedürfe deshalb „frühzeitiger Maßnahmen zur deutlichen Reduzierung des Stoffeintrags“.

          Konkret verlangte der vom Umweltausschuss der Länderkammer beschlossene „Initiativantrag“ drei Schritte: Hersteller sollten die Wirkung neuer Produkte nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf die Umwelt sowie die Möglichkeiten zur Entfernung aus dem Abwasser besser erforschen. Verbraucher sollen auf Verpackungen „über deutlich lesbare Hinweise“ angehalten werden, Reste von Arzneimitteln über den Hausmüll zu entsorgen – wozu die Bundesregierung rät. Zudem müssten sie für die zusätzlichen Kosten der Abwasseraufbereitung wie den Bau neuer Aktivkohlefilter „im Sinne einer erweiterten Produktverantwortung herangezogen werden“.

          Dass der BDEW die Studie just zum Start der Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl vorlegt, verwundert nicht. Werden doch in den kommenden Monaten die Weichen auch dafür gestellt, wie die Abwässer künftig gereinigt werden und wer das alles bezahlen soll.

          Quelle: F.A.Z.

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