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Lkw-Maut "Und nun noch den Gateway dranpfriemeln ..."

 ·  Chaos an Bord: Die wahren Gründe dafür, warum die deutsche Lkw-Maut nicht funktioniert.

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Mindestens die Brummi-Fahrer haben jetzt jede Menge Unterhaltung an Bord. Der Kasten, der seit kurzem mit im Führerhaus sitzt, kann praktisch alles: falsch rechnen, Maut-Kilometer rückwärts zählen, den Betrieb spontan einstellen oder sogar das Rangieren auf dem Speditionsparkplatz neben der Autobahn mit Maut belegen. Nur eines können die neuen OBUs (On-Board Units) offenbar noch nicht so gut: das, wofür sie konstruiert wurden.

Mit seinen hinreichend dokumentierten Fehlern blamiert sich seit Wochen ein System, das wegen seiner umweltpolitischen Grundlage gern als "rot-grünes Prestigeprojekt" bezeichnet wird. Jeder Monat Verspätung kostet den Bundeshaushalt zirka 160 Millionen Euro. Aus der "Vorreiterrolle in Europa und weltweit", von der das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Wohnungswesen immer noch auf seiner Homepage schwärmt, droht eindeutig eine Lachnummer zu werden. Dabei war die Zielvorgabe unter konsekutiver Führung der Minister Müntefering, Klimmt, Bodewig und Stolpe eigentlich recht hübsch formuliert worden: "Die weltweit erstmalige Realisierung eines solchen Systems kann in Deutschland auch auf anderen Feldern der Informationstechnologie einen Innovationsschub auslösen." Selbst die Grünen stehen gar nicht gut da; die ökologisch eigentlich sinnvolle Grundidee wurde ausgerechnet mit einem System umgesetzt, das genausogut die flächendeckende Überwachung aller mobilen Bundesbürger ermöglicht.

Das ganze Ausmaß des Desasters

Die lustigen Nachrichten über das Versagen der On-Board Units verhüllen eher das ganze Ausmaß des Desasters, als es zu erklären. "Der Fehler liegt im System", heißt es von beteiligten Technikern zur gerade angelaufenen Rückrufaktion. Sie meinen damit das Betriebssystem, die zentrale Software der kleinen Kästen. Der wahre Fehler im System steckt allerdings noch erheblich tiefer. Es ist der Glaube an die Beherrschbarkeit eines Großprojektes mittels einer Methode, die man in der Computerindustrie "Best of Breed" nennt: Man nehme einfach die besten Komponenten, und schon hat man auch das beste Gesamtsystem.

Ausgerechnet der Weltkonzern Daimler-Chrysler, der mindestens dreißig Monate für die Entwicklung eines neuen Lkws benötigt, unterschrieb als Gesellschafter von Toll Collect im September 2002 einen Vertrag für ein System, das weitaus komplexer ist als jeder Lkw. Entwicklungszeit: 15 Monate. Von diesen 15 Monaten ließ man sich von der Politik auf elf herunterhandeln und bekam im Ausgleich vier Monate Zusatzzeit, in der eine Verspätung noch keine Vertragsstrafe kostet - jener Punkt also, über den jetzt alle zetern. Toll Collect gehört zu je 45 Prozent Daimler-Chrysler und der Deutschen Telekom, zu 10 Prozent der französischen Autobahn-Betreiberfirma Cofiroute. Als aussichtsreichster Konkurrent galt bei der Vergabe des Auftrags das Ages-Konsortium (Vodafone, BP/Aral, Shell/Dea); es wurde unter anderem deswegen ausgeschlossen, weil es die Terminvorgaben von Anfang an als "unhaltbar" bezeichnete.

Reines Wunschdenken

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.09.2003, Nr. 39 / Seite 62
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