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Live 8 Singen für Afrika

01.07.2005 ·  Stars sammeln für den guten Zweck und machen gegen die Armut mobil. Doch so wohlwollend die Aktion gemeint ist - es bleibt die Gefahr, daß Hilfszusagen verdoppelt, nicht aber die Probleme Afrikas gelöst werden.

Von Manfred Schäfers
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Afrika ist an diesem Wochenende überall. In Berlin, London, Philadelphia, Paris, Rom, Tokio und Ottawa dröhnt Live 8 (siehe auch Live 8: Pop gegen Armut in aller Welt). Nicht zufällig klingt der Konzerttitel im Englischen wie Lebenshilfe. Das als größtes Musikspektakel aller Zeiten gepriesene Festival ist der Bekämpfung von Hunger und Armut in Afrika gewidmet.

Dabei ist, was in der Musikszene Rang und Namen hat: U2, Paul McCartney, Madonna und sogar die Mitglieder von Pink Floyd werden sich für das Konzert noch einmal zusammenfinden. Mit diesen Veranstaltungen soll Druck auf die Staats- und Regierungschefs ausgeübt werden, die sich am kommenden Mittwoch in Schottland zum Gipfel der führenden Industrienationen (G8) versammeln werden.

Populärer Wunsch

In Berlin ist die Ost-West-Verkehrsachse zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor, die am Wochenende regelmäßig zur Partymeile umfunktioniert wird, für das Festival reserviert. Sechs Stunden reiht sich am Samstag Band an Band. Parallel werden das Brandenburger Tor und die Gedächtniskirche mit weißen Bändern im Riesenformat geschmückt. Dort finden sich die Unterschriften der Unterstützer, vom Modell Claudia Schiffer über den Sänger Herbert Grönemeyer bis zu Bischof Wolfgang Huber.

Live 8: Singen für Afrika

Vor einigen Monaten haben zudem zahlreiche Prominente Bundeskanzler Gerhard Schröder in einem offenen Brief zu einem größeren entwicklungspolitischen Engagement aufgefordert. Diese Aktionen zeigen, wie populär der Wunsch ist, den Menschen in Afrika zu helfen. Daß die Unterstützer nicht nur selbstlos handeln, indem sie sich im Dienst einer guten Sache selbst ins rechte Licht rücken, tut dem keinen Abbruch.

Halbierung der Armut bis 2015

Es gibt genügend Gründe, sich nicht mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Die Aktion, die im Internet um Stimmen gegen Armut wirbt, listet das Elend auf: Danach kosten Hunger und Unterernährung jeden Tag 24.000 Menschen das Leben, sterben jährlich elf Millionen Kinder an vermeidbaren Krankheiten, überlebt eine von 48 Frauen in den ärmsten Ländern die Entbindung nicht. Mehr als eine Milliarde Menschen hat kein sauberes Trinkwasser.

Unter dem wachsenden öffentlichen Druck haben sich die Finanzminister der großen Industrieländer daher schon darauf verständigt, den ärmsten Entwicklungsländern ihre Schulden komplett zu erlassen. Das befreit achtzehn Länder von einer rund 40 Milliarden Dollar schweren Last. Vierzehn der begünstigten Staaten liegen südlich der Sahara. Doch das reicht den Afrika-Unterstützern noch nicht. Mit der britischen Regierung an der Spitze werben sie für eine Verdoppelung der Entwicklungsausgaben, um die von den Vereinten Nationen im Jahr 2000 beschlossenen Ziele erreichen zu können. Dabei geht es vor allem um das Versprechen, die extreme Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren.

Entwicklungszusammenarbeit grandios gescheitert

Während der Anteil der Menschen, die täglich von weniger als einem Dollar leben müssen, in der Welt schon seit einiger Zeit sinkt, steigt die Zahl der Hungernden und Armen im südlichen Afrika weiter. Daran hat die jahrzehntelange Hilfe der Industrieländer nichts ändern können. Wenn man sich die Fakten nüchtern vor Augen führt und den Mut zur Ehrlichkeit hat, führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit ist grandios gescheitert - auch weil sie eine der letzten planwirtschaftlichen Bastionen ist.

Immer noch bestimmen hier Regierungen, in welche Bereiche wieviel Geld fließen soll. Das hat im Ostblock nicht funktioniert, und das mußte in Afrika mißlingen. Während sich China, Indien oder Vietnam nach ihrem Abschied von der Planwirtschaft dank umfassender privater Initiative rapide entwickeln, fallen die dauerunterstützten Staaten Schwarzafrikas weiter zurück. Natürlich leiden sie unter den subventionierten Landwirtschaftsprodukten und den dicht abgeschotteten Agrarmärkten des Nordens.

Mangel an politischer Stabilität

Aber das allein reicht zur Erklärung des afrikanischen Elends nicht aus: Denn andere Länder leiden unter denselben Widrigkeiten und holen trotzdem wirtschaftlich rasant auf. Man kommt daher nicht umhin, die Gründe für die Misere in Afrika selbst zu suchen. Potentiell reiche Länder haben nur die Potentaten reich gemacht.

Kenia, Kongo, Togo, Zimbabwe sind nur die erschreckendsten und bekanntesten Fälle von Mißwirtschaft und Mißregentschaft. Vielfach fehlt die Basis für jede langfristige Investition. Es mangelt an politischer Stabilität, dem Schutz von Eigentumsrechten und an der Infrastruktur. Das verhindert auch eine fruchtbare entwicklungspolitische Zusammenarbeit.

Sorgenkind der Welt

Die Afrikabeauftragte des Bundeskanzlers ist eine engagierte Politikerin, die den Kontinent so gut wie wenig andere kennt. Wenn die Grüne Uschi Eid davor warnt, vor lauter wohlmeinendem Helfenwollen davon abzulassen, den Afrikanern Eigenanstrengungen abzuverlangen, dann sollte das zu denken geben. Sie spricht von der Gefahr, daß die Hilfszusagen verdoppelt, nicht aber die Probleme Afrikas gelöst werden.

Afrika bleibt somit auf absehbare Zeit das Sorgenkind der Welt. Solange dort viele Regierungen nicht daran interessiert sind, ihr Land aufzubauen, sondern allein daran denken, ihre Macht zu nutzen, um die eigenen Taschen und die ihrer Clans zu füllen, hilft alles Geld der Welt nichts. Es klingt zynisch, ist aber nur die bittere Wahrheit: Wo Kleptokraten herrschen, wo Bürgerkriege wüten, wo Präsidenten einen Kampf gegen das eigene Volk führen, gelangt die Hilfe nicht zu den Menschen. Da kann man in London oder Berlin soviel singen und sammeln, wie man will.

Quelle: F.A.Z., 01.07.2005, Nr. 150 / Seite 11
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Jahrgang 1961, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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