27.06.2005 · Bob Geldof & Co machen Entwicklungspolitik. Gnadenlos nutzen sie ihre Popularität und wecken Illusionen. Die Jugend glaubt ihnen - und wird in Scharen zum Live-8-Konzert pilgern.
Von Winand von PetersdorffDer Sänger der Boomtown Rats, Gründer von Live Aid und Organisator der Neuauflage des Konzerts Live 8, Bob Geldof, schrieb kürzlich in der britischen Zeitung „Times“, dank der Veranstaltung beginne sich die Achse der Welt langsam zu verschieben.
Offenbar führte der Popstar mit entwicklungspolitischen Ambitionen den Schuldenerlaß, auf den sich die G-8-Staaten auf Drängen des britischen Premierministers Tony Blair verständigt hatten, auf sein segensreiches Wirken zurück. So sind eben Stars. Sie haben einen leichten Hang zum Größenwahn. Und das könnte ein Problem werden. Denn große reiche Unterhaltungskünstler haben die Armut und den Hunger in der Dritten Welt entdeckt.
Der Einfluß der Stars nimmt zu
Selbst Hollywood ist aufgewacht. Regelmäßig besuchen Filmstars wie Brad Pitt und Angelina Jolie Entwicklungsprojekte, gelegentlich in Begleitung der Promifotografen. Nur für den Tierschutz geben sich zur Zeit noch mehr Prominente her.
Der Einfluß der Stars nimmt zu. Bono, der Frontmann von U2, gehört schon lange zu der Gruppe jener, die mit Geld und Engagement nicht nur helfen, sondern ihre Popularität nutzen, um Politik zu machen. Bono wurde allen Ernstes als möglicher Präsident der Weltbank gehandelt. Kurz zumindest. Macht gewinnen Stars, weil sie auf Politiker eine geradezu magische Anziehungskraft ausüben, erhoffen die sich doch einen Imagetransfer und einen Zugang zu den meist jüngeren Anhängern der Prominenten. Der britische Premierminister Tony Blair läßt sich gerne mit Sir Bob Geldof und Co. ablichten, um seinen wegen des Irak-Krieges ramponierten Ruf zu polieren.
Zu kompliziert für einen Popsong
Was problematisch ist: Geldof löst zur Zeit für seine Live-8-Konzertreihe einen wahren Hype aus: Er feuert Jugendliche an, eine Woche lang die Schule zu schwänzen und statt dessen nach Edinburgh zum G8-Gipfel zu marschieren. Demonstranten aus Frankreich sollen durch eine riesige „Dünkirchen-Flotte“ über den Kanal geschifft werden. „Idiotie“ nannte die „Zeit“ diesen Vorschlag, weil über kaum einen Kanal so viele Schiffe verkehren.
Erwartet wird, daß nun Hunderttausende junge Menschen dem Ruf des Popgurus nach Edinburgh folgen - um enttäuscht zu werden. Denn jetzt schon ist klar, daß sich die Politiker nicht auf das große Hilfsprogramm verständigen werden. Denn so einfach ist die Lösung nicht, und mit Humanität und gutem Willen allein ist es eben nicht getan. Es gibt gute Gründe, sich einem neuen Geldsegen für die Hungernden dieser Welt zu widersetzen. Aber sie sind vor allem jungen Menschen schwer zu vermitteln: Sie sind zu kompliziert für einen Popsong.
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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