Wie hat er das bloß hingekriegt? Viele Beobachter hatten beim ersten Lipobay-Prozeß in Amerika schon mit dem Schlimmsten für die Bayer AG gerechnet. Stattdessen hat Bayer-Anwalt Phil Beck einen Sieg auf der ganzen Linie herausgeholt. Er habe einfach nur die Fakten präsentiert und Zusammenhänge geschaffen, sagt er im Nachhinein, und vor allem habe er versucht, den Geschworenen möglichst ihre Unvoreingenommheit zu bewahren. Das sei gar nicht so einfach gewesen: "Die Jury besteht aus einfachen Leuten aus der Arbeiterklasse, und die Gegenseite hat sich alle Mühe gegeben, Vorurteile zu schüren. Etwa indem sie ständig darauf hingewiesen haben, daß es sich bei Bayer um kein amerikanisches, sondern um ein deutsches Unternehmen handelt", sagt Beck.
Jetzt kann sich der Anwalt erst einmal als der große Sieger fühlen. "Wie ein Auswärtssieg war das", meint er genüßlich. Immerhin war es der Klägeranwalt Mikal Watts, der den ersten Prozeß aus seinen insgesamt 1400 Lipobay-Mandanten ausgewählt und die texanische Stadt Corpus Christi zum Austragungsort des ersten Verfahrens gemacht hat. Dieser Teil von Texas gilt in Produkthaftungsklagen als sehr verbraucherfreundlich. Das ist vom Mechanismus vergleichbar mit der Tendenz von Geschworenen-Gerichten in Kalifornien, krebskranken Rauchern eher hohe Schadenersatzsummen von Tabakkonzernen zuzusprechen als anderswo.
Spektakulärster Referenzfall: Bushs Wahlsieg 2000
Der Erfolg von Beck ist umso höher zu bewerten, als er es in Corpus Christi mit einem wirklich starken Gegner zu tun hatte. Mikal Watts ist Spezialist für Produkthaftungsfälle, und er ist außerdem Spezialist dafür, bei öffentlichkeitswirksamen Schadenersatzfällen das erste Gerichtsverfahren im ganzen Land zu führen. Aus vielen sehr prominenten Prozessen ist Watts als Sieger hervorgegangen.
Allerdings hat auch der 51 Jahre alte Phil Beck, der in einem Vorort von Chicago aufgewachsen ist, einige spektakuläre Referenzfälle vorzuweisen. Sein prominentester ist der Kampf für den Wahlsieg des amerikanischen Präsidenten George W. Bush im Jahr 2000. Beck war damals der Hauptanwalt in dem Verfahren, mit dem eine Neuauszählung der Stimmen im Bundesstaat Florida verhindert wurde. Das Urteil in diesem Verfahren wurde später vom Obersten Bundesgericht bestätigt und legte den Grundstein für den Sieg von George W. Bush.
Kein Cent für den Kläger
Wenig später wurde er Hauptanwalt des amerikanischen Justizministeriums im aufsehenerregenden Kartellverfahren gegen den Softwarekonzern Microsoft. Pikanterweise ersetzte er damals David Boies, der in dem Wahlprozeß den Bush-Widersacher Al Gore vertreten hatte. Beck hat an dem Vergleich des Justizministeriums mit Microsoft Ende des Jahres 2001 mitgewirkt, der schließlich Ende vergangenen Jahres bestätigt worden ist.
Eine einzige Stellungnahme von Phil Beck nach dem Urteil in Texas deckte sich mit den Aussagen von Watts: "Hollis Haltom ist ein sehr netter Mensch", sagte er und fügte hinzu, persönlich täte ihm der Verfahrensausgang für den 82 Jahre alten Kläger sehr leid. Das wird gleichwohl nichts an seiner harten Linie ändern, daß Haltom nun keinen Cent von Bayer bekommen wird, sollte es nicht in einem Berufungsverfahren zu einem anderen Urteil kommen. "Wir können ihn ja nicht dafür belohnen, daß er uns vor Gericht gebracht hat".
Vor dem Prozeß hatte Beck Haltom wie vielen anderen Klägern auch eine außergerichtliche Vergleichszahlung angeboten. Phil Beck arbeitet in den wenigsten Fällen mit Stundensätzen, wie er sagt. Seine Fälle sind meistens so umfangreich, daß er mit den Klienten in der Regel vorher ein Honorar für das Gesamtprojekt abspricht. Was Bayer ihm für seine Dienste im Lipobay-Rechtsstreit bezahlen muß, will er nicht preisgeben. Nach dem Urteil vom Dienstag dürfte aber klar sein, daß er für Bayer bisher jeden Cent wert.