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„Linda“ ist zurück Die Geschichte der abgemeldeten Kartoffel

29.08.2009 ·  Was macht eigentlich die Kartoffelsorte „Linda“? Als sie vor vier Jahren vom Markt genommen wurde, war das Medienecho gewaltig. Ganz verschwunden ist die ehemalige „Kartoffel des Jahres“ aber nie. Nun feiern Linda-Freunde die Wiederzulassung in Großbritannien.

Von Tillmann Neuscheler
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Selten wurde eine Kartoffelsorte so gefeiert wie „Linda“. Keine sei wie sie, schwärmen Anhänger der festkochenden Knolle aus der Lüneburger Heide: Schön gelbfleischig, angenehm buttrig und zudem cremig, heißt es im Kartoffel-Jargon. Als das Zuchtunternehmen Europlant die Kartoffelsorte vor vier Jahren vom Markt nahm, war das Medienecho gewaltig. Verbraucherverbände empörten sich über das vermeintliche „Diktat der Züchter“. Das Unternehmen - so ihr Vorwurf - habe Linda nur deshalb vom Markt genommen, um neueren patentgeschützten Sorten bessere Absatzchancen zu bieten. Linda-Anhänger kürten die Knolle im Jahr 2007 kurzerhand zur „Kartoffel des Jahres“. Auch die Schauspielerin Veronica Ferres und der Fernsehmoderator Alfred Biolek ergriffen Partei für Linda. Ulrich Wickert erinnerte in den Tagesthemen wehmütig daran, dass man aus ihr immer so “köstliche Bratkartoffeln“ hatte zaubern können. Mit dem Slogan „Rettet Linda“ kämpft seither eine kleine Gruppe von Biobauern für die Wiederzulassung der Kartoffel.

Und nun feiern die Linda-Anhänger einen langersehnten Etappenerfolg: Nach zweijähriger Qualitätsprüfung sei Linda in Großbritannien als Pflanzgut zugelassen, teilte in dieser Woche der Lüneburger Bioland-Bauer Karsten Ellenberg mit, der seit Jahren an der Spitze der Linda-Freunde marschiert. Damit sei „die Tür für Linda auch in Deutschland wieder offen“. Hierzulande steht die endgültige Entscheidung des Bundessortenamts zwar noch aus, doch die Linda-Freunde sind zuversichtlich und berufen sich auf europäisches Recht: Mit der Entscheidung in Großbritannien sei die Vorraussetzung geschaffen, dass Linda in den nächsten Jahren wieder in größeren Mengen angeboten weren kann.

Saatkartoffeln brauchen eine „Zulassung“

Dass Kartoffeln überhaupt eine amtliche Zulassung brauchen, verblüfft - stimmt aber zumindest zur Hälfte: Im Grunde kann in Deutschland jeder auf seinem Acker Kartoffeln anbauen, wie er will. Auch die Sorte Linda darf - Zulassung hin oder her - angebaut und auch als Speisekartoffel verkauft werden. Wenn ein Züchter eine Sorte aber gewerblich als Saatgut verkaufen will, muss die Sorte beim Bundessortenamt in Hannover zugelassen sein. So steht es im deutschen Saatgutverkehrsgesetz.

Damit soll sichergestellt werden, dass nur hochwertiges Saatgut verkauft wird. Tatsächlich muss Saatgut über die Jahre gepflegt werden: „Kartoffelsorten altern mit der Zeit“, erklärt Biobauer und Kartoffelzüchter Karsten Ellenberg, „sie bringen dann weniger Ertrag“. Eine Zeit lang könnten die Landwirte die Sorte zwar legal aus der eigenen Ernte selbst vermehren, langfristig aber schleppen die Knollen allerhand schädliche Pilze, Viren und Bakterien mit. Das verringert die Ertragskraft der Pflanze. Für Landwirte lohnt sich dann ein Anbau der Sorte immer weniger; nach und nach verschwindet die Sorte vom Acker. Deshalb sei es wichtig, dass sogenannte „Haltungszüchter“ die Sorte pflegen und Bauern mit zertifiziertem Pflanzgut versorgen.

Eine freie Kartoffel für freie Äcker

Der Streit um Linda schwelt seit Jahren. In den Details ist die Geschichte reichlich verworren. Und ganz verschwunden war Linda ohnehin nie: In Supermärkten und auf Wochenmärkten ist die Knolle noch immer erhältlich. Sie wurde aber seltener. Wie kommt das? Um die Geschichte wirklich zu verstehen, hilft nur der Blick zurück. Angefangen hat alles ganz friedlich in der Lüneburger Heide. Dort hat ein Bauer namens Friedrich Böhm die Sorte in den 70er Jahren, gezüchtet und ab 1974 vermarktet. Und weil es für Neuzüchtungen den „Sortenschutz“ gibt - eine Art Patent auf Pflanzensorten, konnte sein Unternehmen die Kartoffelsorte 30 Jahre lang als Monopolanbieter anbauen. Wer Saatkartoffeln der Sorte Linda anbauen wollte, musste sie bei Europlant kaufen.

Das Problem begann erst nachdem der Sortenschutz ausgelaufen war. Nun hätte „Linda“ eigentlich zu dem werden sollen, was die Sorte „Sieglinde“ schon lange ist: Eine freie Kartoffel für freie Äcker - ohne besondere Schutzrechte für den ursprünglichen Züchter. Viel Geld ist dann zwar kaum noch zu verdienen. Für die Sortenvielfalt aber wäre das eine feine Sache. So dachten zumindest viele Biobauern.

Europlant dachte anders: Das Saatgutunternehmen hat - anstatt die Sache einfach weiterlaufen zu lassen - nach dem Auslaufen des Sortenschutzes die Kartoffel im Jahr 2005 beim Bundessortenamt auch noch „abgemeldet“. Aus verschiedenen Gründen: Der Sortenschutz war ausgelaufen, die Erträge entsprechend gering. Zudem haben „Haltungszüchter“ einer Saatkartoffel bestimmte Pflichten gegenüber dem Amt - etwa das regelmäßige Einschicken von Kartoffeln, damit die Beamten die Qualität des „Materials“ überprüfen können. Und schließlich galt Linda als anfällig für Kraut- und Knollenfäule und Virusnekrosen. „Es gab inzwischen bessere Sorten, die weniger anfällig gegen Krankheiten sind“, erklärt Jörg Renatus, Geschäftsführer von Europlant. Als Nachfolger wurden die Sorten „Belana“ und „Allians“ präsentiert. „Wir sortieren - wie alle anderen Züchter auch - jedes Jahr einige Sorten aus“, erklärt Renatus, „das ist die Aufgabe von Züchtern“. Niemand habe sich je daran gestört. Bis zu jenem Tag, als die Sorte Linda aufgegeben wurde.

Letzte Rettung: flüssiger Stickstoff

Wie auch immer der Fall letztlich ausgehen wird: Vollständig verloren für die Nachwelt wäre Linda auch dann nicht, wenn es mit der Wiederzulassung in Deutschland doch nicht klappt. Dafür sorgt eine „Genbank“ bei Gatersleben. In dem kleinen Ort im nördlichen Harzvorland kämpfen Wissenschaftler im Auftrag des Staates gegen das Aussterben von Kulturpflanzen. Ausgemusterte Nutzpflanzen werden hier für die Nachwelt dauerhaft aufbewahrt. Wird eine Kartoffel aus dem Saatgutregister gelöscht, dann werden ein paar Exemplare nach Gatersleben geschickt. Dort kümmern sich Wissenschaftler in der Saatgutbibliothek um den Erhalt aller Sorten, an denen kein kommerzielles Interesse mehr besteht

In flüssigem Stickstoff bei Minus 196 Grad sind die Kartoffeln praktisch unbegrenzt lagerfähig, erklärt Bereichsleiter Andreas Börner. Rund 2500 Kartoffelsorten werden hier nicht nur in Kühlhäusern gelagert, sondern auch regelmäßig im Glas unter künstlichem Licht und auf dem Acker nachgezüchtet. Wenn ein Bauer später die Sorte wieder anpflanzen will, kann er sich aus Gatersleben kostenlos ein paar Knollen schicken lassen - rund 1000 Proben werden im Jahr versendet. „Es gibt Sorten, die wir seit Jahrzehnten pflegen“, sagt Börner, „Wir haben auch einen Platz für Linda“.

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Jahrgang 1973, Redakteur in der Wirtschaft.

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