Home
http://www.faz.net/-gqe-74kmn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lieferprobleme bei Siemens Der vergebliche Versuch, einen ICE zu bauen

 ·  Großprojekte waren die Stärke von Siemens. Jetzt hakt es: ICE-Züge strotzen vor Pannen, Windparks geraten zum Debakel. Es wird ungemütlich für den Vorstandschef Peter Löscher.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (47)
© dapd Die ICE-Flotte der Bahn wird nicht, wie geplant, vergrößert. Das könnte im Winter zu Problemen führen.

Siemens kann nicht klein, nur groß: Große Turbinen, große Kraftwerke, große Krankenhäuser. Dieses Selbstverständnis pflegt der Konzern seit Jahren: „Das Geschäft mit dem Endkunden beherrschen wir nicht“, sagt ein Vorstand. Simple, schnell drehende Konsumartikel? Nichts für Siemens und seine stolzen Ingenieure.

Folgerichtig hat der Weltkonzern den Kontakt zum Endkunden vor einigen Jahren abgebrochen. Die ruhmlose Handy-Sparte wurde an Asiaten verkauft (was deren Ende nur kurz verzögerte). Als letztes Gerät, das für einen gewöhnlichen Haushalt taugt, hat Siemens die Schnurlos-Telefone (Gigaset) an einen Private-Equity-Investor gegeben. Das war’s.

Geblieben ist unter dem Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher, mittlerweile auch schon fünf Jahre im Amt, das, wofür der Name Siemens seit mehr als 100 Jahren steht: Ausrüstung für Großunternehmen, gerne für den Staat sowie staatsnahe Betriebe. Große Anlagen, große Summen.

Was ist ein Siemens-Konzern wert, der Großprojekte nicht mehr beherrscht?

Was aber, wenn auch groß nicht mehr klappt? Was ist ein Siemens-Konzern wert, der die Technologie für Großprojekte nicht beherrscht? Diese Frage stellt sich nach der Blamage mit den ICE-Zügen, die der Konzern Mitte der Woche einräumen musste: Siemens vermag es nicht, den neuen ICE Velaro pünktlich aufs Gleis zu stellen. Im Winter drohe deswegen ein Chaos, warnt die Bahn flugs. Und die Chefs dort tun prophylaktisch schon mal alles, um die Schuldfrage in ihrem Sinn zu klären: Keine Gnade für Siemens!

„Unsere Kunden fühlen sich von Siemens im Stich gelassen“, sagt der DB-Fernverkehrschef Berthold Huber. „Man muss sich vor Augen führen, dass die Züge im Dezember 2008 bestellt wurden und uns ursprünglich bereits für letzten Dezember versprochen waren.“ Selbst Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), obschon aus Bayern und somit ein natürlicher Siemens-Verbündeter, schont den Münchner Konzern nicht: „Stocksauer“ sei er über die Verzögerung und die nicht eingehaltenen Zusagen von „allerhöchster Stelle“ - dem Siemens-Chef Löscher ist nicht zu trauen, soll das wohl heißen: Mehr Prügel geht nicht. Er sei „offensichtlich überfordert“ muss Peter Löscher nun in einem Kommentar lesen. „Blamage für den Siemens-Chef“, im nächsten: „Wohin geht die Reise, Herr Löscher?“

Zäh ist bisweilen die Bürokratie

Keine Frage: Es wird ungemütlich im Siemens-Hauptquartier. Schneller, effizienter, sauberer wolle er Siemens machen, hatte Löscher zum Amtsantritt versprochen. Nach fünf Jahren lässt sich fest halten: Das mit dem sauber hat geklappt. Die Affäre um Schmiergelder und schwarze Kassen ist ausgestanden.

Mit „schnell und effizient“ ist das eine andere Sache. Da wäre deutlich Luft nach oben. Das ahnt auch Peter Löscher. Ein schwerer Tanker lässt sich nicht ohne weiteres zu einer Flotte von Schnellbooten aufmotzen, sagen sie im Konzern. Zäh ist bisweilen die Bürokratie. Zu Beginn sprach Löscher von einer „Lehmschicht“ im mittleren Management. Die ist nicht so einfach abzutragen, so viel hat er inzwischen gelernt. Im Zweifel ist die Organisation zäher als der Chef.

Solange der Laden läuft, weltweit die Wirtschaft brummt, dies den Konzern zu immer neuen Rekorden treibt, stört das nicht weiter. Nun aber rechnet Löscher mit rückläufigen Zahlen, die Unsicherheiten nehmen zu - und die Siemens-Aktie notiert mit 75 Euro unter dem Wert (jenseits der 100 Euro) zu Zeiten, als der Österreicher angetreten ist. Ein gefährlicher Mix, der das Leben für jeden Konzernchef unbehaglich macht. Das Letzte, was Löscher brauchen kann, sind deshalb Schlagzeilen über Fehlschläge seiner Ingenieure.

Beispiel Windräder: Bei vier Windparks in der Nordsee hapert es an der Anbindung von der Nordsee ans Festland. Ein finanzielles Debakel für den Konzern, der Schaden liegt jenseits einer halben Milliarde Euro. Neue Endtermine werden erst gar nicht mehr genannt.

Beispiel ICE: Acht Hochgeschwindigkeitszüge, aus der Familie der ICE Velaro, hatte die Bahn am 9. Dezember, dem Tag des Fahrplanwechsels, in Betrieb nehmen wollen. Das klappt nicht. Jetzt wird’s zu Weihnachten eng, warnt die Bahn. 3200 Sitzplätze fehlen. Vor sieben Jahren hatte die Bahn die letzten neuen ICE-Züge in die Flotte aufgenommen, 253 ist die Zahl für den jetzigen Bestand. Die acht Velaro waren gedacht als Reserve für turbulente Tage. Da war jedoch die Zulassungsbehörde, das Eisenbahn-Bundesamt, vor, nachdem bei einer Testfahrt unvorhergesehene Software-Probleme aufgetreten sind. Nicht relevant für die Sicherheit, wie Siemens betont, auch habe die Technik zuvor funktioniert. Es hilft nichts: Es gibt keine Betriebsgenehmigung. Die Techniker müssen nacharbeiten. Einen neuen Liefertermin mag Siemens auf Nachfrage auch hier nicht nennen: „Dafür ist es zu früh.“

Schon mehrfach gepatzt

Besonders peinlich: Der Konzern hat schon mehrfach gepatzt beim prestigeträchtigen Kunden Bahn. Ein ums andere Mal wurde die Auslieferung von 16 bestellten ICE Velaro verschoben, mal lag es an den Bremsen, dann an den Klimaanlagen, dann am Wasserabfluss im Bordrestaurant. Als Ausgleich verlangt die Bahn einen 17. Zug gratis obendrauf. Vertraglich ist da zwar noch nichts fixiert, aber die jüngste Panne hat die Verhandlungsposition von Siemens sicher nicht gestärkt. Da nützt auch der Hinweis wenig, dass die ICE-Velaro-Familie insgesamt 3,3 Milliarden Kilometer ohne nennenswerte technische Schwierigkeiten hinter sich gebracht hat: in Spanien, Russland und China.

Längst hätte die Bahn wohl den Hersteller gewechselt, wäre die Konkurrenz nicht so klein. Bombardier in Berlin hat sich mit dem Nahverkehrszug „Talent“ selbst ähnlich blamiert wie Siemens. Alstom baut in Frankreich erfolgreich den TGV, brauchte aber wohl Jahre, um auch ICE liefern zu können. Nicht viel besser sieht es mit Hitachi aus, dem Hersteller des Shinkansen in Japan. Zudem fürchtet die Bahn offenbar Ärger mit der Bundesregierung - sollte sie ihre Vorzeige-Züge im Ausland kaufen und hierzulande Arbeitsplätze gefährden. Aber will ein stolzer Konzern wie Siemens wirklich Bestellungen, die vorwiegend industriepolitisch motiviert sind?

In der Energiefrage verheddert

Verheddert hat sich Siemens, der altgediente Kraftwerkbauer, auch in der Energiefrage: Der aufgekündigte Atompakt mit der französischen Areva und das versuchte Bündnis mit den Russen kostete jahrelang Geld und Nerven. Zählbares Ergebnis: mehr als 600 Millionen Euro Vertragsstrafe. Wie teuer den Konzern der Ausflug in die Solarenergie kommt, muss sich erst noch zeigen: Der Kauf des israelische Solarunternehmen Solel, angeschoben von Löscher persönlich, half sicher fürs Image als grüner Technologiekonzern, die bezahlten 284 Millionen Euro aber waren für die Katz: Das Abenteuer ist beendet. Käufer dringend gesucht. Hinfällig wird damit auch die Mitgliedschaft im Desertec-Projekt, der Vision vom billigen Wüstenstrom aus der Sahara, die wohl noch etliche Jahre der Verwirklichung harren wird.

Fehlschläge wie diese machen den Vorstandschef angreifbar, extern wie intern. Zwei Lager stehen sich im Haus gegenüber, erzählt ein Top-Manager: Die Antreiber, die das Wachstum forcieren wollen, mit Löscher vorneweg, der ein mittelfristiges Umsatzziel von 100 Milliarden Euro rausgehauen hat. Auf der anderen Seite stehen die konservativen Kräfte, Leute wie Finanzvorstand Joe Kaeser, die zuvorderst auf Kosten, auf Rendite und Börsenkurs achten. Man habe zu spät umgeschaltet, merkte Kaeser jüngst an - deswegen konnte die Konkurrenz, etwa der ewige Rivale GE, in der Profitabilität davon spurten. Und die Amerikaner haben auch keinen Ärger mit der Deutschen Bahn.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Geld her!

Von Rainer Hank

Wir wollen nur das eine, sagt Rot-Grün dem Bürger: dein Geld. Das ist ehrlich und unverschämt zugleich. Mehr 2

Umfrage

Gentests machen Aussagen über das Risiko künftiger Krankheiten. Wollen Sie Ihr Risiko kennen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Umfrage

Sollen Ein- und Zwei-Cent-Münzen abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --
Umfrage

Soll die Selbstanzeige für Steuerhinterzieher abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.