Home
http://www.faz.net/-gqe-74kmn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
CIO View

Lieferprobleme bei Siemens Der vergebliche Versuch, einen ICE zu bauen

Großprojekte waren die Stärke von Siemens. Jetzt hakt es: ICE-Züge strotzen vor Pannen, Windparks geraten zum Debakel. Es wird ungemütlich für den Vorstandschef Peter Löscher.

© dapd Die ICE-Flotte der Bahn wird nicht, wie geplant, vergrößert. Das könnte im Winter zu Problemen führen.

Siemens kann nicht klein, nur groß: Große Turbinen, große Kraftwerke, große Krankenhäuser. Dieses Selbstverständnis pflegt der Konzern seit Jahren: „Das Geschäft mit dem Endkunden beherrschen wir nicht“, sagt ein Vorstand. Simple, schnell drehende Konsumartikel? Nichts für Siemens und seine stolzen Ingenieure.

Georg Meck Folgen: Christian Siedenbiedel Folgen:

Folgerichtig hat der Weltkonzern den Kontakt zum Endkunden vor einigen Jahren abgebrochen. Die ruhmlose Handy-Sparte wurde an Asiaten verkauft (was deren Ende nur kurz verzögerte). Als letztes Gerät, das für einen gewöhnlichen Haushalt taugt, hat Siemens die Schnurlos-Telefone (Gigaset) an einen Private-Equity-Investor gegeben. Das war’s.

Geblieben ist unter dem Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher, mittlerweile auch schon fünf Jahre im Amt, das, wofür der Name Siemens seit mehr als 100 Jahren steht: Ausrüstung für Großunternehmen, gerne für den Staat sowie staatsnahe Betriebe. Große Anlagen, große Summen.

Was ist ein Siemens-Konzern wert, der Großprojekte nicht mehr beherrscht?

Was aber, wenn auch groß nicht mehr klappt? Was ist ein Siemens-Konzern wert, der die Technologie für Großprojekte nicht beherrscht? Diese Frage stellt sich nach der Blamage mit den ICE-Zügen, die der Konzern Mitte der Woche einräumen musste: Siemens vermag es nicht, den neuen ICE Velaro pünktlich aufs Gleis zu stellen. Im Winter drohe deswegen ein Chaos, warnt die Bahn flugs. Und die Chefs dort tun prophylaktisch schon mal alles, um die Schuldfrage in ihrem Sinn zu klären: Keine Gnade für Siemens!

„Unsere Kunden fühlen sich von Siemens im Stich gelassen“, sagt der DB-Fernverkehrschef Berthold Huber. „Man muss sich vor Augen führen, dass die Züge im Dezember 2008 bestellt wurden und uns ursprünglich bereits für letzten Dezember versprochen waren.“ Selbst Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), obschon aus Bayern und somit ein natürlicher Siemens-Verbündeter, schont den Münchner Konzern nicht: „Stocksauer“ sei er über die Verzögerung und die nicht eingehaltenen Zusagen von „allerhöchster Stelle“ - dem Siemens-Chef Löscher ist nicht zu trauen, soll das wohl heißen: Mehr Prügel geht nicht. Er sei „offensichtlich überfordert“ muss Peter Löscher nun in einem Kommentar lesen. „Blamage für den Siemens-Chef“, im nächsten: „Wohin geht die Reise, Herr Löscher?“

Zäh ist bisweilen die Bürokratie

Keine Frage: Es wird ungemütlich im Siemens-Hauptquartier. Schneller, effizienter, sauberer wolle er Siemens machen, hatte Löscher zum Amtsantritt versprochen. Nach fünf Jahren lässt sich fest halten: Das mit dem sauber hat geklappt. Die Affäre um Schmiergelder und schwarze Kassen ist ausgestanden.

Mit „schnell und effizient“ ist das eine andere Sache. Da wäre deutlich Luft nach oben. Das ahnt auch Peter Löscher. Ein schwerer Tanker lässt sich nicht ohne weiteres zu einer Flotte von Schnellbooten aufmotzen, sagen sie im Konzern. Zäh ist bisweilen die Bürokratie. Zu Beginn sprach Löscher von einer „Lehmschicht“ im mittleren Management. Die ist nicht so einfach abzutragen, so viel hat er inzwischen gelernt. Im Zweifel ist die Organisation zäher als der Chef.

Mehr zum Thema

Solange der Laden läuft, weltweit die Wirtschaft brummt, dies den Konzern zu immer neuen Rekorden treibt, stört das nicht weiter. Nun aber rechnet Löscher mit rückläufigen Zahlen, die Unsicherheiten nehmen zu - und die Siemens-Aktie notiert mit 75 Euro unter dem Wert (jenseits der 100 Euro) zu Zeiten, als der Österreicher angetreten ist. Ein gefährlicher Mix, der das Leben für jeden Konzernchef unbehaglich macht. Das Letzte, was Löscher brauchen kann, sind deshalb Schlagzeilen über Fehlschläge seiner Ingenieure.

Beispiel Windräder: Bei vier Windparks in der Nordsee hapert es an der Anbindung von der Nordsee ans Festland. Ein finanzielles Debakel für den Konzern, der Schaden liegt jenseits einer halben Milliarde Euro. Neue Endtermine werden erst gar nicht mehr genannt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Überraschend solide Zahlen Siemens übertrifft die Erwartungen

Die Geschäfte auf dem Markt für Kraftwerkstechnik laufen mies. Die Konkurrenten von Siemens meldeten zuletzt alle schwache Zahlen. Doch Siemens selbst hat nun überrascht. Mehr

30.07.2015, 08:24 Uhr | Wirtschaft
Siemens-Konzern Betriebsratschefin Birgit Steinborn im Porträt

Deutschlands mächtigste Managerin – das ist Birgit Steinborn. Die 54-Jährige ist Vorsitzende des Siemens-Gesamtbetriebsrats und seit kurzem auch stellvertretende Vorsitzende des Siemens-Aufsichtsrats. Wer ist Birgit Steinborn? Wie hat sie es zu dieser Machtfülle geschafft? Und was sagt sie zu den Jobabbau-Plänen des Vorstands? Mehr

07.05.2015, 11:38 Uhr | Wirtschaft
Manager Vincent Volpe 113 Millionen Dollar fürs Aufhören

Siemens hat gerade den amerikanischen Maschinenbauer Dresser-Rand gekauft. Dessen Chef geht demnächst - und bekommt dafür eine riesige Summe. Mehr

24.07.2015, 10:14 Uhr | Wirtschaft
Eingefrorene Eizellen Den Kinderwunsch auf Eis legen

Frauen in den USA werden immer später Mütter - und dabei könnte das Einfrieren von Eizellen eine zunehmend große Rolle spielen. US-Konzerne wie Facebook und Apple unterstützen ihre Mitarbeiterinnen finanziell dabei, den Kinderwunsch sozusagen auf Eis zu legen. Ob die biologische Uhr damit wirkungsvoll angehalten wird, ist umstritten: Eine Baby-Garantie gibt es nicht. Mehr

03.02.2015, 09:40 Uhr | Gesellschaft
Konzernumbau Bahnchef Grube sucht das Glück

Rüdiger Grube baut mal wieder um. Der Vorstand soll verkleinert werden - neue Köpfe und eine neue Strategie sollen es richten. Warum bekommt der Konzern so wenig auf die Reihe? Mehr Von Georg Meck

27.07.2015, 10:44 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 24.11.2012, 16:38 Uhr

Die Zweifel des IWF

Von Tobias Piller

Der IWF stellt seine Beteiligung an einem neuen Rettungspaket für Griechenland immer heftiger in Frage. Damit wankt das fragile Rettungsgleichgewicht. Mehr 10 20


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --