12.04.2005 · Mit Öl und Gas verdient Libyen Milliarden. Einen Teil davon will Saif al Gaddafi, der Sohn des Staatsführers, in deutsche Unternehmen investieren, sagte er im Gespräch mit der F.A.Z. auf der Hannover Messe.
Libyen will einen Teil seiner sich auf Milliardenbeträge summierenden jährlichen Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft in deutsche Unternehmen investieren. Entsprechende Pläne würden derzeit geprüft, sagte der Sohn von Staatsführer Muammar al-Gaddafi, Saif al Islam Gaddafi, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Hannover.
Gaddafi leitet eine libysche Delegation auf der Hannover Messe. Eines der derzeit in der Regierung in Tripolis geprüften Projekte sei "der Erwerb von Aktien und Anteilen deutscher Industrieunternehmen". Details wolle er wegen der verabredeten Vertraulichkeit nicht nennen.
Beachtliches Polster an Devisenreserven
Gaddafi wies auf bestehende Überlegungen hin, weite Teile der Devisenreserven des Landes auf den internationalen Finanzmärkten, "vor allem in Amerika", anzulegen. Dies sei nun, nach der Aufhebung der internationalen Sanktionen, wieder möglich. "Das ist bei uns ein aktuelles Thema und wird bereitet", sagte er.
Libyen war vor allem von Amerika viele Jahre geächtet und boykottiert worden, weil es weltweit Terroristen unterstützt hatte. Aus den zwischenzeitlich vor allem nach Europa und auch Deutschland fortgesetzten Ölausfuhren hat sich der nordafrikanische Staat ein beachtliches Polster an Devisenreserven zugelegt. Fachleute beziffern es auf 20 bis 30 Milliarden Dollar. Gaddafi bestätigte dies mit der Bemerkung: "Die Reserven liegen meines Wissens auf dieser Höhe."
Neubau von 500.000 Wohnungen
Der an einer privaten österreichischen Wirtschaftshochschule ausgebildete Gaddafi lobte die traditionell guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Libyen und Deutschland. Deutschland ist der zweitwichtigste Handelspartner Libyens nach Italien. Der Wert der Ausfuhren übersteigt den der Einfuhren aus Deutschland - mehr als 500 Millionen Euro - um das Dreifache. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte das Land Ende vergangenen Jahres mit einer Wirtschaftsdelegation besucht. Gerade bei dem von der libyschen Regierung geplanten Ausbau der Infrastruktur könnten deutsche Unternehmen profitieren, sagte Gaddafi. So gehe es unter anderem um den Neubau von 500.000 Wohnungen. Für diese und andere Maßnahmen habe die Regierung für dieses Jahr 1,5 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. "Deutsche Unternehmen sind aus vielerlei Gründen qualifiziert, einen Großteil dieser Projekte zu übernehmen", sagte der 32 Jahre alte Präsidentensohn, dem großer Einfluß auf die wirtschaftspolitische Entwicklung und außenpolitische Öffnung des Landes zugeschrieben wird.
Die Finanzierung der ehrgeizigen Aufbauprojekte - zweistellige Milliardenbeträge sollen nach früheren Berichten im kommenden Jahrzehnt investiert werden - kann das Land vermutlich aus den laufenden Einnahmen des wachsenden Öl- und Gasgeschäftes finanzieren. Für das laufende Jahr rechnet er mit Ölpreisen um die 50 Dollar je Barrel, die bei Engpässen auch auf bis zu 70 Dollar steigen könnten. Die Produktion soll 3 Milliarden Barrel erreichen.
Gaddafi rät Deutschen „aggressivere Angebote“
Erst Ende Januar waren neue Bohr- und Förderkonzessionen für Öl und Gas ausgeschrieben worden, bei denen deutsche Bieter - RWE/Dea oder die BASF-Tochter Wintershall, die seit 1958 in dem Land tätig ist - nicht zum Zuge gekommen waren. "Amerikanische Angebote waren aggressiver und mutiger als die der europäischen Konkurrenz", sagte Gaddafi. Das europäische Monopol der Exploration und Förderung in Libyen sei mit der Aufhebung der Sanktionen zusammengebrochen. "Nun ist die Sprache des Marktes und der Konkurrenz maßgeblich."
Mit Blick auf die nächste Runde der Ausschreibungen im Mai - eine dritte sei für Ende des Jahres geplant - sagte Gaddafi: "Das ist mein Ratschlag an die Deutschen: Sie müssen aggressivere und konkurrenzfähigere Angebote machen."
Privatisierung von etwa 100 Unternehmen
Libyen wolle beim anstehenden Umbau der Staatswirtschaft in eine privatwirtschaftlich geführte und dominierte Struktur seinen eigenen Weg gehen, sagte Gaddafi. Man habe aus den Transformationsprozessen in Osteuropa und Rußland gelernt. Derzeit würden an die 100 Unternehmen privatisiert. Dabei würde sichergestellt, daß die Anteile an die libysche Bevölkerung fielen. Ausländische Investoren könnten prinzipiell bei den Privatisierungen auch zum Zuge kommen, aber nur, wenn es sich nicht um strategisch wichtige Wirtschaftsbereiche handle.
Im Fall der zum Tode verurteilten bulgarischen Krankenschwestern, die libysche Kinder mit Aids infiziert haben sollen, zeigte er sich überzeugt, daß man eine Lösung finden werde, die Libyer und Europäer zufriedenstelle. Seien erst einmal die rund 400 Opfer und ihre Familien entschädigt und sei für ihre medizinische Versorgung gesorgt, dann könnten die inhaftierten Krankenschwestern auch nach Bulgarien überstellt werden.
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