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Libertärer Paternalismus : Sklavenhalter der Zukunft

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Wasser für den Herren: Der heutige Staat kennt subtilere Formen der Versklavung als die Antike. Bild: akg-images / Peter Connolly

Der libertäre Paternalismus weiß genau, was für den Menschen gut ist. Er handelt zum Wohl der Bürger und bringt sie auf den rechten Weg. Oberflächlich betrachtet entfaltet dieses Modell enormen Charme – in Wahrheit ist es ein Anschlag auf die Freiheit.

          Es klage nur kein Ökonom, sein Fach zeitige keine Auswirkung auf die Wirklichkeit. Auch wenn der politische Prozess so manche wichtige wirtschaftliche Einsicht zerreibt, ist der mentalitätsprägende Einfluss der Wissenschaft groß. Er macht sich nur erst mit Verzögerung bemerkbar. Der Satz von John Maynard Keynes, einem Ökonomen, der die Nachwelt geprägt hat wie kaum ein anderer, gilt nach wie vor: „Die Ideen der Nationalökonomen und der politischen Philosophen, gleichgültig, ob sie nun richtig oder falsch sind, sind von weit größerem Einfluss, als man gemeinhin annimmt. In Wirklichkeit wird die Welt von fast nichts anderem regiert. Praktiker, die sich frei von jeglichem intellektuellen Einfluss wähnen, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines verstorbenen Nationalökonomen.“

          Die Sklavenhalter der Zukunft werden wohl dem Feld der Verhaltensökonomik entstammen. Mit ihrer Hilfe könnte der Albtraum der perfekten Staatskunst, der sich kein Bürger zu entziehen vermag, Wahrheit werden. Ihr Forschungsprogramm sieht sich beflügelt von der gegenwärtigen Flut an Verschwörungstheorien, kryptischen Vorwürfen und Vorschlägen, mit denen diverse Geisteswissenschaftler ihre Verachtung gegenüber allem hervorstoßen, was mit Ökonomie zusammenhängt. Ein alter Hut zwar, ist in diesem Milieu die Aufregung derzeit wieder einmal groß über die neoklassische Theorie und die Figur des „Homo oeconomicus“, die beide im „neoliberalen Mainstream“ ihr Unheil anrichteten. Wie bitte?

          Die Mär vom Konsens der Ökonomen

          Mit „neoliberal“ ist wohl - in Verkennung der ideengeschichtlichen Tatsachen - eine radikale Minimalstaatsideologie gemeint. Dass es einen dahin gehenden Konsens der Ökonomen gebe, ist indes eine Mär. Der Begriff „Neoklassik“ wiederum bezeichnet eine Methodik, nach der gesamtwirtschaftliche Erscheinungen auf individuelles Handeln zurückgeführt werden, Wirtschaft also stets von unten - statt kollektivistisch von oben - gedacht wird. Und wenn irgendetwas in der Ökonomik Mainstream ist, dann dies. Seit der „neoklassischen Synthese“ (Paul Samuelson), der Übersetzung der keynesianischen Theorie in die Modellsprache der Neoklassik, wird letztere von jedermann genutzt.

          Zu den großen Schwächen der Neoklassik und aller auf ihr aufbauenden Forschungszweige gehört ihre Statik. Mit diesem Instrumentarium sind dynamische, evolutionäre Prozesse nicht zu fassen. Doch gegen dieses tatsächliche Defizit richtet sich die Kritik gar nicht. Sie beißt sich fest am „Homo oeconomicus“, einer vereinfachenden Verhaltensannahme: Menschen handeln zweckorientiert, entscheiden halbwegs vernünftig und nutzen die zur Verfügung stehende Information. Diese Abstraktion wird gern zum diffamierenden Dreiklang „Egoismus-Rationalität-Allwissenheit“ zugespitzt; man missinterpretiert sie als ein Menschenbild.

          Der Nichtökonom schüttelt sich angesichts der moralischen Krüppel, mit denen es die Ökonomenzunft zu tun hat. Schlimmer noch, sie züchte sie sogar heran, heißt es. Doch gemach: In verhaltensökonomischen Laborexperimenten zeigt sich, dass der reale Mensch weder zur perfekten Rationalität und Informationsverarbeitung fähig noch durchgängig eigennützig ist.

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