19.09.2007 · VON CLAUS TIGGES, WASHINGTON
Die amerikanischen Währungshüter haben die Börsianer in der ganzen Welt in Begeisterung versetzt: Der Offenmarktausschuss der Federal Reserve (Fed) unter Führung Ben Bernankes hat die Geldschleusen ein gutes Stück weiter geöffnet und den Leitzins, mit dessen Hilfe die Fed das Zinsniveau auf dem Geldmarkt steuert, um einen halben Prozentpunkt auf 4,75 Prozent gesenkt. Der Rat hat damit - nach eigenem Bekunden - auf den Liquiditätsengpass im Finanzsystem und auf die gestiegene Befürchtung eines Knicks in der Konjunktur reagiert.
Der Jubel an den Märkten von New York über Tokio bis Frankfurt ist verständlich. Gleichwohl besteht zu uneingeschränkter Freude kein Anlass. Die Leitzinssenkung mag angesichts der angespannten Lage auf dem Geldmarkt und der Zurückhaltung der Banken in der gegenseitigen Kreditgewährung angemessen erscheinen. Die Fed trägt Sorge dafür, dass das Finanzsystem reibungslos funktioniert und seine unverzichtbare Aufgabe für die Gesamtwirtschaft erfüllt. Doch dieses Ziel wäre auch durch zusätzliche Liquiditätsspritzen im Rahmen der Offenmarktgeschäfte und durch das ebenfalls beschlossene Öffnen des Diskontfensters zu erreichen gewesen. Das Geld hätte dem System dann nach der Normalisierung der Lage leicht wieder entzogen werden können.
Die Senkung des Tagesgeldzinses signalisiert stattdessen einen grundsätzlichen Kurswechsel der amerikanischen Geldpolitik. Diese Richtungsänderung kann sich noch als falsch erweisen, voreilig und riskant ist sie schon jetzt. Es trifft sicher zu, dass die Schwäche des Immobilienmarktes und die Schwierigkeiten auf dem Markt für Hypothekendarlehen inzwischen auch die Konjunktur insgesamt dämpfen. Abzulesen war dies zuletzt an den miserablen Arbeitsmarktdaten für August: Zum ersten Mal seit vier Jahren sind im Saldo einige tausend Stellen mehr gestrichen als geschaffen worden. Für die Beschlüsse in der Zinspolitik darf aber nicht der aktuelle Kranz von Wirtschafts- und Preisdaten den Ausschlag geben, sondern die daraus abgeleitete Prognose der Inflationsentwicklung. Eine solche Vorhersage zu erstellen ist schon unter gewöhnlichen Umständen ein kompliziertes Geschäft. Die Fed hat es mit allerlei Unsicherheiten zu tun, von Ungenauigkeiten der eingehenden Konjunkturdaten bis zu der Unsicherheit, inwieweit das ökonomische Modell der Wirtschaft die tatsächlichen Zusammenhänge realistisch abbildet.
In der aktuellen Situation, die geprägt ist von einer großen Nervosität an den Finanzmärkten, ist die Fortschreibung wichtiger wirtschaftlicher Kennziffern in die Zukunft noch etwas schwieriger. Die düsteren Prophezeiungen einer Rezession, welche derzeit herumgereicht werden, müssen keineswegs eintreten. Sie beruhen auf Annahmen über einen scharfen Rückgang der Immobilienpreise und über ein Versagen der Kreditmärkte, die historisch ohne Beispiel sind. Mit geringem Aufwand und einem gleich hohen Grad an Verlässlichkeit lässt sich auch ein ungleich positiveres Bild von der amerikanischen Konjunktur zeichnen. Zumal die Inflationsgefahr keineswegs gebannt ist: Die Lohnstückkosten steigen schnell, der Dollar ist schwach, der Goldpreis klettert, und der Ölpreis ist erstmals auf mehr als 82 Dollar je Fass gestiegen. Es wäre darum ratsam gewesen, die Währungshüter hätten keinen Zaubergriff getan, sondern eine ruhige Hand bewahrt und gewartet, bis sich aus den gemischten Daten deutlicher eine Tendenz ablesen lässt. Das gilt auch um den Preis einer Enttäuschung der Märkte, die eine Notenbank nicht scheuen darf.
Nun aber läuft die Fed nicht nur Gefahr, das Risiko einer Beschleunigung der Verbraucherpreisinflation zu unterschätzen, sondern auch denselben Fehler zu begehen, der zur aktuellen Misere entscheidend beigetragen hat: durch eine allzu bereitwillige Versorgung der Wirtschaft mit billiger Liquidität die Preise an den Märkten für Vermögenswerte in die Höhe zu treiben und womöglich eine neue Blase zu schaffen. Banken, Hedge-Fonds und andere, die unvorsichtig in riskante Hypothekendarlehen an Schuldner mit schlechter Bonität investiert haben, müssen dank der Fed-Hilfe die Folgen ihrer Fehlentscheidungen nun nicht zur Gänze selbst tragen. Das kann sich rächen, denn es leistet einer abermaligen Fehleinschätzung von Risiken Vorschub. An den Kern der Vertrauenskrise an den Märkten reicht die Geldpolitik ohnehin nicht heran: den Mangel an Transparenz und Information darüber, welche Marktakteure letztlich die in Gestalt komplizierter Finanzmarktprodukte weitergereichten Hypothekenrisiken in Händen halten. Eine strengere Regulierung, insbesondere von Hedge-Fonds, dürfte kaum Abhilfe schaffen, sondern beschleunigte nur weitere Innovation zur Umgehung der Vorschriften. Besser geeignet wäre eine Disziplinierung durch den Markt: Unvorsichtige Kreditgeber werden bestraft, andere Marktakteure lernen aus den Fehlern. Diesem Lernprozess hat sich die Fed nun in den Weg gestellt.
Die amerikanische Geldpolitik neigt dazu, die Konjunktur mit einer Politik billigen Geldes glätten zu wollen. Das hat seinen Grund nicht zuletzt im Notenbankgesetz. Es verpflichtet die Währungshüter nicht nur zur Sicherung der Preisstabilität, sondern trägt ihnen auch auf, für einen möglichst hohen Beschäftigungsstand, sprich: ein hohes Wachstum zu sorgen. Darin spiegeln die Empfehlungen einer keynesianischen Wirtschaftspolitik und die irrige Annahme, die Zentralbank vermöge mittels einer lockeren Geldpolitik der Wirtschaft dauerhaft Schwung zu verleihen. Den besten Beitrag zu Wachstum und Beschäftigung leistet eine Zentralbank aber, indem sie den Wert des Geldes stabil hält. Darauf sollte sich auch die Fed beschränken.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.378,45 | −1,13% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2446 | −0,34% |
| Rohöl Brent Crude | 105,45 $ | −1,31% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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