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Leitartikel Wirtschaft Unter dem Mantel der sozialen Verantwortung

20.06.2006 ·  VON KAREN HORN

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Eine Politik, der es an Mut gebricht, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wirklich zu verbessern, verlegt sich auf Seelenmassage, moralische Appelle und emotionale Nötigung. Ein Beispiel für diese Strategie ist die Bekämpfung der Misere auf dem Ausbildungsmarkt. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel schreibt jetzt Briefe an 200 bis 300 große Betriebe, um dafür zu werben, daß die Unternehmen mehr Lehrstellen zur Verfügung stellen. "Wir erwarten, daß sich da etwas ändert", heißt es leise drohend. Es lohnt sich für die Unternehmen in Deutschland zwar immer weniger, in Ausbildung zu investieren - aber aus sozialer Verantwortung sollen sie dies einfach trotzdem tun.

Ähnlich argumentiert die Kanzlerin mit Blick auf die Umweltpolitik. So hat sie die Unternehmen aufgefordert, zum "Trendsetter" in Umwelt- und Klimaschutz zu werden: "Wir haben die moralische Verantwortung, mit unseren technischen Fähigkeiten Wege für die Zukunft aufzuzeigen, die als Exportschlager eingesetzt werden können." Die Liste der Fälle, in denen Politiker der Wirtschaft ein klar bestimmtes Engagement abfordern, ließe sich fortsetzen. Bezeichnend ist nicht nur, daß sie vorgeben zu wissen, in welche Richtung die Reise gehen sollte. Bemerkenswert ist auch, wie überaus weit sich der begriffliche Mantel der moralischen und sozialen "Verantwortung von Unternehmen" ausbreiten läßt.

Diese Übung wird zunehmend auch von der Wissenschaft angefeuert. Im Jahr 1970 schrieb Milton Friedman zwar noch, die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen bestehe darin, Gewinne zu erzielen. Legendär ist sein grandios platter Satz, mit dem er einen Ausspruch des General-Motors-Präsidenten Alfred Sloan von 1923 kopierte: "The Business of Business is Business." Heute hingegen widmen sich ganze Heerscharen von Wirtschaftsethikern unter Labels wie "Corporate Social Responsibility" und "Corporate Citizenship" dem Versuch nachzuweisen, daß das Business des Business eben nicht nur aus Business besteht.

Ein Großteil der akademischen Debatte um die Verantwortung der Unternehmen ist dabei freilich nur ein Zeichen von Begriffsverwirrung. Fast alles hängt hier von den Definitionen ab - unter anderem davon, was man mit "Business" erfassen will. Liberale wie Friedman legen den Begriff durchaus nicht so eng aus, daß lediglich ein kurzfristiges und damit auch kurzsichtiges Gewinnstreben ohne Sorge um Nachhaltigkeit gemeint ist. Doch der Respekt vor dem Eigentum steht stets im Vordergrund. Das Management sollte demnach nicht mit sozial motivierten Wunschvorstellungen bedrängt werden, die es von seinem ureigenen Auftrag durch die Eigentümer entfremden.

Ob das Gewinnerzielungsinteresse der Anteilseigner (Shareholder) dabei mit den Wünschen der anderen interessierten Parteien (Stakeholder) in Kollision gerät, ist letztlich nur eine Frage der Präferenzen und des Zeithorizonts der Eigentümer. Wenn diese auf Gewinne aus sind und ihr Horizont unbeschränkt ist, liegt es im selbstverständlichen "Business"-Interesse, Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten zu pflegen sowie in künftige Absatzmöglichkeiten, ins eigene Image, in Rekrutierungsreservoirs und Zulieferbeziehungen zu investieren. Ihre Verantwortung für Dritte leitet sich dann aus einem langfristigen unternehmerischen Interesse ab - statt dieses nur künstlich zu ergänzen.

Von den jüngeren wirtschaftsethischen Theorien trennt diese Sichtweise dabei weniger, als man denkt. Gemeinsam ist beiden eine Erkenntnis, die zu verinnerlichen wiederum die Politik wohl nicht das geringste Interesse haben kann: daß Unternehmen in einem wettbewerblichen Umfeld nicht dazu gedrängt werden dürfen, echte Opfer zu bringen. Opfer sind im ökonomischen Diesseits niemals sinnvoll, sie schwächen bloß die Wettbewerbsfähigkeit und führen mittelfristig zum Ausscheiden aus dem Markt. Damit ist niemandem gedient. Jedes Engagement für die Gesellschaft muß sich als Investition in die Voraussetzungen einer künftigen Gewinnerzielung begründen und aufrechterhalten lassen - und es muß sich tatsächlich rechnen.

Der Unterschied zwischen den akademischen Standpunkten liegt darin, wie weit man den Katalog dessen faßt, was Unternehmen für die Aufrechterhaltung ihrer Märkte im eigenen Interesse tun sollten. Hier hat die Wirtschaftsethik mittlerweile eine kritische Grenze überschritten. Neben der klassischen Handlungsverantwortung von Unternehmen, die von der schlichten Gesetzesbefolgung bis zur Stiftungsaktivität reicht, identifizieren Wissenschaftler um den angesehenen Wirtschaftsethiker Karl Homann eine breite "Ordnungsverantwortung". Unternehmensführer sollten die Sicherung von Eigentumsrechten, die Pflege des Rechtsstaats und leistungsfähiger Steuersysteme, die Vorsorge für Ausbildung und Gesundheit als "genuine Managementaufgabe sehen, für die sie von den Shareholdern bezahlt werden". Viele dieser ordnungspolitischen Aufgaben könne das politische System nicht mehr bewältigen; die Unternehmen seien daher mit zuständig für die Sicherung gedeihlicher Rahmenbedingungen. Mit Selbstverpflichtungen und Kodizes wie beispielsweise dem "Global Compact" sollten sie zudem Standards setzen, die einmal Recht werden könnten.

Das klingt nur vordergründig gut. Ein demokratisches Mandat für ein so weitgehendes mittelbares politisches Handeln von Unternehmen gibt es nicht; auch fehlen Interventionsschranken und Sanktionen. Der Auftrag würde sie zudem überfrachten. Angesichts dessen sind diese modernen Theorien wohl vor allem als Hilferuf zu werten - angesichts einer defizitären, zumal großkoalitionären Politik, die ihre Verantwortung allzu leicht auf die Wirtschaft abwälzt. Statt wie Umweltminister Sigmar Gabriel den angeblichen Verlust eines Primats der Politik zu beklagen, ist es Zeit, sich der politischen Arbeit an den Rahmenbedingungen zuzuwenden.

Quelle: F.A.Z., 21.06.2006, Nr. 141 / Seite 11
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