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Leitartikel Wirtschaft Überflüssige Entwicklung

15.10.2007 ·  VON CARL MOSES, BUENOS AIRES

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Es klingt zunächst nach einer guten Nachricht: Die Gründung der Bank des Südens (Banco del Sur), welche die Präsidenten von Argentinien, Bolivien, Brasilien, Ecuador, Paraguay, Uruguay und Venezuela Anfang November besiegeln wollen, zeigt, wie sehr sich die wirtschaftliche Lage Südamerikas in jüngster Zeit verbessert hat. Noch vor wenigen Jahren hingen die meisten Länder der Region am Tropf von multilateralen Kreditgebern wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, die vorwiegend aus den Industrieländern finanziert werden. Nun haben die Südamerikaner das Kapital für eine eigene Entwicklungsbank, mit der sie sich gegenseitig helfen und Projekte für eine engere Zusammenarbeit untereinander vorantreiben wollen. Der unersättliche Rohstoffhunger Chinas und anderer Wachstumsländer ließ Südamerikas Einnahmen aus dem Export von Soja, Kupfer, Erdöl, Eisenerz und Stahl sprudeln. Die Devisenreserven der Region haben sich in fünf Jahren auf mehr als 300 Milliarden Dollar verdreifacht.

Dennoch ist das Bankprojekt umstritten. Venezuelas linkspopulistischer Staatschef Hugo Chávez lancierte die Idee der Südbank Anfang des Jahres mit dem klaren politischen Ziel, die Region ein für alle Mal unabhängig vom IWF zu machen und vom "Imperium" der Vereinigten Staaten loszulösen. Mit seinen hohen Einnahmen aus den Erdölexporten Venezuelas hat Chávez de facto bereits die Rolle des IWF in Südamerika übernommen. Fünf Milliarden Dollar schickte Chávez allein nach Argentinien, um dem Amtskollegen Néstor Kirchner zu helfen, den verhassten IWF auszuzahlen.

Andere Latino-Staaten wie Brasilien, Kolumbien oder Uruguay haben indes mit IWF und Weltbank gute Erfahrungen gemacht. Mit einem Rekordkredit von 30 Milliarden Dollar half der Währungsfonds Brasilien 2002, eine bedrohliche Finanzkrise rasch zu überwinden. In der mit Abstand größten Volkswirtschaft Südamerikas reagierte man denn auch zunächst mit Skepsis auf Chávez' Initiative. Die Brasilianer wollten lieber bestehende Institutionen wie die Interamerikanische Entwicklungsbank (IADB), die Andenbank (CAF) oder den Fonds der La-Plata-Staaten (Fonplata) stärken, statt eine neue Bürokratie mit den gleichen Aufgaben zu schaffen.

Doch als klar wurde, dass Chávez die Südbank notfalls alleine durchsetzen würde, wollten Brasiliens Diplomaten dem Linkspopulisten diese neue Bühne für seinen regionalen Expansionsdrang nicht alleine überlassen. Nichts sei gefährlicher, als Chávez zu isolieren, denken viele Politiker und Wirtschaftsleute in Südamerika. Die Gründungsakte der Südbank, die von den Finanzministern der beteiligten Länder vergangene Woche ausgehandelt wurde, resultiert aus einem Zusammenspiel zwischen dem Größenwahn des Hugo Chávez und dem finanzdiplomatischen Appeasement der Brasilianer. Chávez erhält seine Bank, mit Sitz in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Doch eine Alternative zum IWF und eine Plattform für politische Kredite soll sie nicht werden, vielmehr eine Bank, deren Projekte sich wirtschaftlich rechnen müssen, wie die Finanzminister Brasiliens und Argentiniens beteuern. Im Verwaltungsrat, dem obersten Gremium der neuen Bank, soll jedes Mitgliedsland das gleiche Stimmrecht haben. Das stärkt die Position der wirtschaftlich schwachbrüstigen Chávez-Freunde Bolivien und Ecuador. Doch im Direktorium, das über die konkrete Kreditvergabe entscheiden wird, sollen die Länder entsprechend ihrem finanziellen Beitrag vertreten sein, beschwichtigt Brasiliens Finanzminister. Auch Kolumbiens amerikafreundlicher Präsident Álvaro Uribe möchte nun mit von der Partie sein.

In rein wirtschaftlicher Betrachtung ist die neue Bank überflüssig. Das internationale Privatkapital steht Schlange, um in der rohstoffreichen Wachstumsregion Lateinamerika zu investieren. Die lokalen Kapitalmärkte blühen. Lateinamerikas Aktiengesellschaften haben ihren Marktwert in den letzten Jahren vervielfacht, Börsengänge und Direktinvestitionen steuern neue Rekorde an. Was in der Region fehlt, sind nicht zusätzliche Finanzmittel, sondern bessere gesetzliche und administrative Rahmenbedingungen für private Investitionen. Dann flössen schnell ausreichende Mittel in dringend benötigte Kraftwerke, Straßen, See- und Flughäfen.

Mit einem geplanten Startkapital von 7 Milliarden Dollar - von dem noch nicht klar ist, wann und wie es aufgebracht werden soll - wird die Südbank ohnehin kein allzu großes Rad drehen können. Allein in Brasilien müssten Jahr für Jahr 50 Milliarden Dollar in die Infrastruktur investiert werden. Das von Chávez favorisierte Projekt einer Mega-Gaspipeline von der Karibik bis nach Feuerland könnte mit dem Startkapital der Südbank bestenfalls zu einem Drittel finanziert werden.

Einen Vorteil bringt die Bank des Südens immerhin. Wenn sie nicht funktioniert, können die Latinos die Schuld nicht auf den IWF oder andere böse Kräfte der Welt schieben. So könnte die Südbank ein stärkeres Bewusstsein für die Eigenverantwortung der Region schaffen. Das wäre vielleicht sogar ein paar Milliarden wert.

Quelle: F.A.Z., 16.10.2007, Nr. 240 / Seite 11
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