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Leitartikel Wirtschaft Solare Zukunft

 ·  VON HOLGER SCHMIDT

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Der Gegensatz könnte nicht größer sein: Nur 0,16 Prozent des Stroms in Deutschland wurden im vergangenen Jahr mit Sonnenenergie erzeugt. An der Börse aber sind die Photovoltaikunternehmen die Superstars. Bis zu 400 Prozent legten Werte wie der Branchenprimus Solarworld in den vergangenen zwölf Monaten zu. Unterbrochen von kurzen Konsolidierungsphasen, in denen Anleger ihre Gewinne mitnehmen, setzt sich der Aufwärtstrend bei den heißgelaufenen Solaraktien fort. Denn an der Börse wird die Zukunft gehandelt - und die sieht rosig aus: In einer Phase, in der überall auf der Welt nach Alternativen zu den fossilen Energieträgern Öl und Gas gesucht wird, gehört die Solarenergie zu den wichtigen Hoffnungsträgern. Schon heute erzielen die Solarmärkte rund 20 Prozent Wachstum im Jahr. Wenn in den nächsten Jahren der Engpaß in der Aufbereitungskapazität für den Basisrohstoff Silizium überwunden ist, wird sich das Wachstum noch einmal beschleunigen.

Die Hoffnung beruht auf einigen offensichtlichen Vorteilen der Solarenergie: Sie ist im Überfluß vorhanden, quasi unerschöpflich, verursacht keine klimaschädlichen Kohlendioxyd-Emissionen und ist dezentral verfügbar. Dieser vierte Aspekt macht die Sonnenenergie vor allem für Entwicklungsländer interessant, deren Energienachfrage stark steigen wird, die sich aber den Aufbau eines flächendeckenden Stromnetzes sparen wollen.

Allerdings hätte die Photovoltaikindustrie ohne staatliche Förderung noch keine Chance am Markt. Die Produktionskosten für eine Kilowattstunde Strom sind um ein Vielfaches höher als in herkömmlichen, meist abgeschriebenen Atom-, Kohle- oder Gaskraftwerken. Deshalb subventioniert heute jeder Stromverbraucher in Deutschland den Solarstrom mit etwa 0,1 Cent je Kilowattstunde. Im Jahr kostet dies einen Durchschnittshaushalt rund 3,50 Euro. Insgesamt ergibt sich ein Fördervolumen von 400 Millionen Euro für eine Branche, die drei Milliarden Euro Umsatz erzielt und 25000 Arbeitsplätze bietet.

Die langfristig angelegte Förderung im Erneuerbare-Energien-Gesetz hat der Solarindustrie die nötige Starthilfe gegeben, um Skaleneffekte zu erzielen. Nur mit Hilfe dieser Effekte können die Photovoltaikunternehmen Strom zu ähnlichen Kosten wie konventionelle Kraftwerke erzeugen. Obwohl sicher noch ein Jahrzehnt vergeht, bis der Sonnenstrom konkurrenzfähig ist, hat ein Förderwettbewerb in den Industrieländern eingesetzt. Deutschland und Japan waren die Vorreiter, setzen aber längst nicht mehr allein auf die Sonnenenergie. Es mag ein später Triumph für den ehemaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin sein, daß sein umstrittenes Erneuerbare-Energien-Gesetz ein Exportschlager geworden ist. Spanien, Italien und China haben den Grundgedanken übernommen, Solarstrom mit Hilfe von Einspeisevergütungen in das Stromnetz zu fördern. Auch in den Vereinigten Staaten sind milliardenschwere Förderprogramme für die Solarenergie aufgelegt worden.

Die vom Stromverbraucher finanzierten Pioniergewinne aber streichen Deutschland und Japan ein. Denn neben der Erhöhung des Anteils der erneuerbaren Energie an der Stromproduktion sollte die solare Industriepolitik auch den Aufbau exportfähiger Industrien fördern, die den Heimatmarkt als Basis für die internationale Expansion nutzen. Das ist gelungen. Deutsche Unternehmen wie Solarworld, Conergy, Q-Cells und Ersol konkurrieren heute mit japanischen Anbietern wie Sharp, Kyocera und Sanyo um die Dominanz auf den Weltmärkten. Nur wenige andere können mit Deutschen und Japanern mithalten.

Auf den - jährlich sinkenden - Fördersätzen im Heimatland kann und darf sich aber kein deutsches Solarunternehmen ausruhen. Für die deutschen Anbieter stehen Wachstum und Auslandsexpansion als Wettbewerbsparameter im Vordergrund: Wachstum, um möglichst schnell die nötigen Skaleneffekte zu erzielen, und Auslandsexpansion, um die Abhängigkeit vom klimatisch unattraktiven Heimatmarkt zu verringern, wo zudem von 2007 an mit sinkenden Einspeisevergütungen gerechnet werden muß.

Die Börse honoriert, daß die großen Anbieter beide Ziele zur Zeit erreichen. Solarworld ist im vergangenen Jahr um 75 Prozent gewachsen und hat seinen Auslandsumsatz auf 40 Prozent ausgeweitet. Q-Cells ist mit rund 125 Prozent Umsatzwachstum und 36 Prozent Auslandsanteil auf seinem Weg auf die solaren Weltmärkte ebenfalls gut unterwegs. Conergy hat seinen Umsatz um 86 Prozent gesteigert und seinen Auslandsanteil verdreifacht. Die Auftragsbücher der Solarunternehmen sind auf Jahre prall gefüllt.

Wegen ihrer schon hohen Bewertungen steigt mit jedem Euro Kurssteigerung aber zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit für Kurskorrekturen. Obwohl die steigenden Bewertungen der profitablen Solarunternehmen nicht mit den Irrationalitäten am Neuen Markt vergleichbar sind, ist eine Parallele nicht zu übersehen: Die Aktien laufen beinahe im Gleichschritt; Differenzierungen nach dem Geschäftsmodell oder dem Erfolg im Ausland sind nur selten zu beobachten. Zum Beispiel stiegen nach der Ankündigung des kalifornischen Förderprogramms fast alle Solaraktien, obwohl längst nicht alle direkt profitieren.

Anleger sollten sich die Unternehmen daher genau anschauen. Denn in der High-Tech-Branche sind große Investitionen in Forschung und Entwicklung notwendig, um an der Weltspitze mithalten zu können. Die Konkurrenz wächst ständig; amerikanische Anbieter drängen ebenso auf den Weltmarkt wie chinesische Firmen. In diesem turbulenten Wettbewerbsumfeld werden die deutschen Solarunternehmen beweisen müssen, daß sie sich auf Dauer ohne Hilfe des Staates am Markt behaupten können.

Quelle: F.A.Z., 06.03.2006, Nr. 55 / Seite 13
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