Der britische Staat hat seine Rentner nie verwöhnt. 488 Euro im Monat erhält ein britischer Rentner derzeit als Sockel. Das sind gerade einmal 15,5 Prozent des britischen Durchschnittslohns. Diese spärliche Summe wird zwar oft durch eine einkommensabhängige Zusatzrente aufgestockt. Da der jährliche Rentenanstieg seit 1980 nur noch an die Inflation und nicht an die Einkommensentwicklung gekoppelt ist, sank der Lebensstandard der Rentner stark. Der Verdruß der alten Leute über die zunehmende "Rentnerarmut" trug daher mit zu dem Regierungswechsel von 1997 bei. Schatzkanzler Gordon Brown versucht seither mit allerlei Flickwerk, der Rentnerarmut Herr zu werden. Nicht ohne Erfolg, es geht der alten Generation heute in Großbritannien besser als zuvor. Doch diese Flickschusterei änderte nichts daran, daß sich die Regierung einer grundlegenden Rentenreform stellen mußte.
Lange funktionierte das britische System einer sehr moderaten Staatsrente, weil viele die Möglichkeit hatten, diese Rente über eine betriebliche Altersversorgung aufzustocken. Doch seit 1970 ist die Zahl der Arbeitgeber, die eine Betriebsrente anbieten, erheblich gesunken. Die steigende Lebenserwartung, steuerliche Belastungen und zuletzt die großen Kursverluste an den Aktienbörsen 2001 und 2002 veranlaßten die Arbeitgeber, ihre Betriebsrenten einzuschränken. Zwar wird seit einigen Jahren das Sparen über Belegschaftsaktien forciert, doch sparen etwa zwölf Millionen Briten während ihres Berufslebens zuwenig, um im Alter erträglich leben zu können.
Dies gilt um so mehr, als die von Margaret Thatcher eingeführte Koppelung der Rentenzuwächse an die Inflation bedeutet, daß die staatliche Grundrente im Jahr 2050 nur noch 6,5 Prozent des Durchschnittseinkommens ausmachen wird. Die demographische Entwicklung verschärft zudem die prekäre Lage im britischen Rentensystem: In den kommenden fünfzig Jahren wird die Zahl der Rentner in Großbritannien um 78 Prozent ansteigen. Zusammen mit der höheren Lebenserwartung und angesichts der niedrigen Geburtenrate bedeutet dies, daß 2050 auf einen Rentner noch zwei berufstätige Personen entfallen - und nicht mehr vier Berufstätige, wie dies jetzt der Fall ist.
In der Konsequenz heißt dies, ohne Reform würde das Einkommen der Rentner um 30 Prozent sinken, es sei denn, die staatlichen Rentenausgaben würden von 6,1 auf 11,3 Prozent des Bruttosozialproduktes angehoben, also fast verdoppelt. Die zweite Möglichkeit läge darin, daß die Briten privat den doppelten Kapitalstock für die private Altersversorgung ansparen.
Dies sind keine realistischen Alternativen. Es ist Premierminister Tony Blair und Schatzkanzler Brown daher anzurechnen, daß sie eine Reformkommission unter Leitung des ehemaligen Chefs des britischen Industrieverbandes, Adair Turner, einberiefen, um die Grundzüge einer umfassenden Reform aufzuzeigen. Es zeugt vom Pragmatismus, daß Blair Turners nüchternen Vorschlägen ohne große Abstriche folgen will: Der Staat hält die Renten langfristig auf dem derzeitigen Einkommensniveau. Dafür müssen Frauen und Männer demnächst bis 68 Jahre arbeiten. Gleichzeitig müssen die Bürger mehr sparen, um die spärliche Staatsrente im Alter aufstocken zu können und nicht in die Armut zu gleiten. Zu einem entsprechenden automatischen Sparprogramm sollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen beitragen. Zudem wird das gesamte Rentensystem vereinfacht und insofern gerechter gestaltet, als daß mehr Frauen über Anrechnungszeiten in den Genuß einer Altersversorgung kommen.
Die Reform kostet freilich Geld. Ohne Steuererhöhungen wird sie langfristig kaum finanziert werden können. Allein die vorgesehene Koppelung des Rentenanstieges an die durchschnittlichen Lohnsteigerungen und die damit auf Dauer großzügigere Grundrente kostet den Staat im Jahr 2050 etwa 1,7 Prozent des Volkseinkommens mehr. Durch die Anhebung des Rentenalters verringert sich diese Summe jedoch um einen Prozentpunkt. Angesichts Einsparungen von weiteren 0,2 Prozent des Volkseinkommens im Rahmen der Reform muß der britische Staat langfristig also "nur" ein halbes Prozent des Volkseinkommens zusätzlich für die Rentenausgaben aufbringen.
Selbst mit der Reform wird der britische Staat auf Dauer nur zwei Drittel des Geldes für Renten ausgeben, das andere EU-Länder im Durchschnitt für künftige Rentenausgaben einplanen. Die Reform der Briten bietet keinen Luxus: Rentnern wird langfristig eine Grundrente von knapp 14,1 Prozent des durchschnittlichen Einkommens und ein Aufschlag von weiteren 12,3 Prozent garantiert. Die Staatsrente beläuft sich so 2050 auf etwa 26 Prozent des durchschnittlichen Einkommens. Das zusätzliche privatwirtschaftliche Sparprogramm soll diese Staatsrente um weitere zehn Prozent aufstocken.
Gelingen wird dies nur, wenn sich nicht zu viele Arbeitnehmer aus dem privaten Rentensparprogramm verabschieden, was sie durchaus können. Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten zeigen jedoch, daß die meisten Arbeitnehmer in solchen Sparprogrammen bleiben. Schließlich verlieren sie sonst den Zuschuß ihres Arbeitgebers zur privaten Altersvorsorge. Zudem müssen die Briten seit jeher die spärliche Staatsrente für ihr Alter aufstocken. Die meisten tun dies über Hauseigentum, das im Alter an die nächste Generation verkauft wird.
Die Briten müssen in einen sauren Apfel beißen: Für eine auch künftig sparsame Staatsrente werden sie länger arbeiten und mehr sparen. Für den Staat dürfte diese Reform dafür mit überschaubaren Haushaltsbelastungen verbunden sein. Das läßt hoffen, daß sie die Wachstumsgrundlagen nicht beschädigt, die Quelle allen Wohlstands - auch im Alter.