19.11.2006 · VON CARSTEN KNOP
Immer mehr Patente laufen aus. Aber der Erfolg im Labor läßt sich nicht kaufen.
In der Pharmabranche werden die Zeiten ungemütlicher. Eine ganze Medikamentengruppe wurde in Deutschland inzwischen aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen. Weitere für die Branche schlechte Nachrichten in dieser Hinsicht sind in Kürze zu erwarten. Die Betriebsräte von Sanofi-Aventis befürchten wegen der Arzneimittelpolitik schon einen spürbaren Stellenabbau in dem Konzern, der in Frankfurt 8000 Mitarbeiter beschäftigt. Denn nachdem einem in Frankfurt hergestellten Kurzzeitinsulin die Erstattungsfähigkeit entzogen wurde, ist jüngst auch das neue Schlankheitsmittel Acomplia als "Lifestyle"-Mittel eingestuft worden, das ebenfalls nicht erstattet werden solle. Ähnliche Einschränkungen drohen zwei weiteren wichtigen Sanofi-Medikamenten, dem Blutverdünner Plavix und dem Insulin-Derivat Lantus.
In das Stimmungsbild paßt, daß die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) den Bezug bestimmter Arzneimittel im Volumen mehrerer Milliarden Euro künftig gemeinsam ausschreiben wollen. Sie haben Pharmahersteller aufgefordert, ihnen dafür hohe Rabatte zu gewähren. Die Pharmaverbände protestieren pflichtgemäß. Aber die Argumentation der Branche wird dadurch nicht leichter, daß sie bisher noch kräftig verdient. Die profitabelsten Unternehmen erwirtschaften Ergebnismargen vor Zinsen und Abschreibungen von mehr als 35 Prozent. Selbst die schlechteren schneiden nur rund zehn Prozentpunkte schwächer ab.
Die hohen Renditen der Pharmabranche wecken seit langem Begehrlichkeiten der Politik. Dabei verstehen die Unternehmen selbst die Rendite als Risikoprämie für ihre aufwendige Forschung, Entwicklung und Zulassung - die jederzeit scheitern kann, aber rund 800 Millionen Dollar je erfolgreiches Medikament kostet. Und gerade der Produktnachschub ist heute wichtiger denn je. In den vergangenen fünf Jahren sind noch nie so viele Patente mit so hoher Umsatzbedeutung für die Branche ausgelaufen wie in diesem Jahr. Der Umsatzverlust dürfte 2006 bei rund 23 Milliarden Dollar liegen. So geht es weiter: Bis zum Jahr 2010 laufen bei insgesamt 39 wichtigen Medikamenten wie Epogen, Zocor oder Zoloft die Patente aus.
Für den stetigen Nachschub aus der eigenen Forschung investieren die Hersteller in der Regel zwischen 15 und 20 Prozent ihres Umsatzes. Doch läßt sich der Erfolg im Labor leider nicht kaufen. Das mußte erst kürzlich Astra Zeneca erfahren, das mit einem in der Entwicklung weit fortgeschrittenen Produkt gescheitert ist. Das Unternehmen hat nun nur noch ein einziges Medikament in der Forschungspipeline, das vor dem Jahr 2010 für neuen Umsatz sorgen könnte. Auch Jean-Pierre Garnier, der Chef von Glaxo Smith Kline, mußte bei Vorlage der Quartalsbilanz vom Aufschub des künftigen Wachstumsträgers Cervarix berichten. Der Marktstart für das neue Medikament zur Behandlung von Gebärmutterhals-krebs werde sich voraussichtlich bis April 2007 verzögern.
Die Konzerne haben auf den Druck schon in der Vergangenheit mit diversen Zusammenschlüssen reagiert. Die Branche ist jedoch noch immer stark fragmentiert, auch wenn die hohen Transaktionssummen und die in den vergangenen Monaten besonders große Zahl der Übernahmen anderes nahelegen. Die bisher größte Transaktion war die Fusion von Pfizer und Warner-Lambert mit einem Wert von 90 Milliarden Dollar im Jahr 2000. Der Konsolidierungsdruck hat inzwischen aber auch die mittelgroßen Anbieter erreicht, wofür der Verkauf von Altana Pharma, der Kauf von Serono durch Merck und von Schwarz Pharma durch die belgische UCB die besten Beispiele sind.
Den hohen Kosten für die Forschung und die Vermarktung durch ein weltumspannendes Vertriebsnetz stehen bei mittelständischen Anbietern erst recht zu wenige junge Präparate aus der eigenen Entwicklung gegenüber, die diese Struktur auch in Zukunft rechtfertigen würden. Eine breite Risikostreuung gibt es nicht. Weitere Zusammenschlüsse werden deshalb folgen. Die belgische Solvay soll an Teilen von Altana interessiert gewesen sein und muß sich nun weiter umschauen. Anbieter wie UCB, Solvay und Novo Nordisk oder Lundbeck aus Dänemark sind ihrerseits zwar durch Familienmehrheiten oder Stiftungsbesitz vor Übernahmen geschützt, was aber einvernehmliche Zusammenschlüsse nicht ausschließt. Neben den jüngsten Übernahmen geht das Rennen um den Kauf von Medikamentenrechten weiter, die von dritten Unternehmen entwickelt worden sind (Einlizenzierungen). Hier kommen auch wieder die großen Pharmakonzerne ins Spiel, die Quellen neuen Wachstums häufig nur bei Biotechunternehmen finden.
Selbst in Amerika, dem wichtigsten und für die Unternehmen gewinnträchtigsten Pharmamarkt der Welt, könnten die Zeiten bald schlechter werden. Dort drohen staatlich kontrollierte Preise im Gesundheitswesen, wenn die Demokraten nach der Wahl 2008 auch den Präsidenten der Vereinigten Staaten stellen sollten. Daß in zwei Jahren die populäre und soeben im Amt bestätigte New Yorker Senatorin Hillary Clinton für die Demokraten antreten könnte, ist für die Branche nach Ansicht von Analysten eine schlechte Aussicht. Ihre wenig liberale Einstellung gegenüber der Pharmabranche sei sogar ein Grund, die Aktien der betreffenden Unternehmen schon jetzt zu verkaufen.
Schadenfreude über die heikle Lage ist aber fehl am Platz, denn die Innovations- und Wachstumsschwierigkeiten der Pharmaindustrie gehen alle an: die Kranken, aber auch die Gesunden. Sie zahlen viel Geld an die Kassen - und können dafür künftig nicht mehr unbedingt eine Behandlung mit modernsten Medikamenten erwarten.
Irreführend?
Hermann Trouvain (liwiz)
- 19.11.2006, 22:47 Uhr
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