Home
http://www.faz.net/-gqe-v984
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leitartikel Wirtschaft Nokias Häutung

16.09.2007 ·  VON JOHANNES WINKELHAGE

Artikel Lesermeinungen (0)

Der finnische Handyhersteller Nokia ist den Wandel gewöhnt. Als Papierfabrik gegründet, kam das Unternehmen erst über den Umweg einer Gummistiefel- und Reifenherstellung an den Punkt, an dem es jetzt steht: Die Finnen sind der mit weitem Abstand größte Anbieter von Mobiltelefonen der Welt. Der stetig wachsende Marktanteil von derzeit rund 37 Prozent lehrt die Wettbewerber das Fürchten. Noch dazu ist das Unternehmen mit einer operativen Marge von rund 20 Prozent deutlich profitabler als alle seine Konkurrenten. Kein drängender Grund also, Nokia abermals von Grund auf neu zu erfinden.

Das sieht der Vorstandsvorsitzende Oli-Pekka Kallasvuo allerdings ganz anders. Sein Credo lautet: "Nur Geräte herzustellen ist nicht genug." Daher steht Nokia nun abermals vor einem Umbau. Der Konzern häutet sich. Kallasvuo geht den richtigen Weg.

Dabei hat er nicht vor, dem erfolgreichen Handygeschäft weniger Bedeutung beizumessen. Kern der neuen Nokia-Strategie ist vielmehr eine generelle Ausweitung des Geschäftsmodells. Nokia soll in den Markt mit mobilen Datendiensten einsteigen, und das ist durchaus erfolgversprechend.

Damit geht der Konzern einen in der Branche bisher nicht üblichen Weg, der auch zu erheblichen Konflikten führen könnte. Bisher waren die Spielregeln zwischen Netzbetreiber und Handylieferant klar: Der Gerätehersteller kümmerte sich um die Technik und gestaltete die Software - häufig nach den Vorgaben des Netzbetreibers. Dem blieb es dann überlassen, die Kunden mit eigenen Datendiensten auf den Geräten zu begeistern. Das ist den Netzbetreibern bisher aber nur mit mäßigem Erfolg gelungen.

Diese Arbeitsteilung kündigt Nokia jetzt auf. Unter dem Titel Ovi - dem finnischen Wort für Tür - wird das Unternehmen zum Anbieter von Diensten und Inhalten. Der Konzern versucht selber, die Potentiale, die unter anderem in den Communities des Web 2.0 liegen, zu erschließen. Dabei kommt dem Unternehmen zugute, dass die modernen Handys zu einem immer größeren Teil kleine Computer sind. Kamera und Musikabspieler sind heute schon ebenso selbstverständlich integriert wie vorinstallierte Spiele. Auch eine Navigationsfunktion zur Orientierung wird immer öfter auf den Handys angeboten. Damit sind auch schon die Geschäftsfelder angedeutet, die Nokia künftig selber beackern will.

So hat Kallasvuo jüngst einen eigenen Musikdienst angekündigt, der im Herbst starten soll und ähnlich funktioniert wie der erfolgreiche iTunes Store von Apple. Das ist Konkurrenz sowohl für Apple als auch für die Netzbetreiber, die - wie zum Beispiel Vodafone - versuchen, eigene Musikgeschäfte im Netz zu installieren.

Gleiches versucht Nokia auch in Sachen Navigation. Mit einem eigenen Dienst, der dem Kunden Karten und Navigationshilfen zu niedrigen Preisen auf das Handy schickt, sind die Finnen seit einem Vierteljahr auf dem Markt und machen sowohl den Platzhirschen der Navigationsbranche wie Tom Tom als auch den Mobilfunkanbietern und deren eigenen Navigationslösungen Konkurrenz.

Kallasvuo weiß genau, was er will und warum er den sich abzeichnenden Streit mit den Netzbetreibern nicht scheut. Das Wachstum des Mobilfunkmarktes liegt mittelfristig in den mobilen Datenanwendungen, die die Kunden mit der Außenwelt verbinden. Die Zukunft liegt in den nützlichen oder unterhaltsamen Diensten und Inhalten. Dies künftige Umsatzpotential ist noch nicht verteilt. Daher handelt Nokia jetzt. Kallasvuo will einen Teil von diesem Kuchen für sein Unternehmen reservieren - bevor es andere tun.

Der Marktführer im Handygeschäft kann und darf nicht tatenlos zusehen, wie zum Beispiel ein Unternehmen wie Apple mit dem iPhone diesen Weg geht und es dabei sogar schafft, den Netzbetreibern einen Zehnten des Datenumsatzes, der mit diesen Geräten erzielt wird, aus den Rippen zu schneiden. Apples Wundergerät macht Nokia heute noch keine Sorgen, was die verkauften Stückzahlen angeht. Die Befürchtungen richten sich auf das Konzept des iPhones als universeller Helfer in allen Lebenslagen. Nicht umsonst präsentierte Nokia vor einigen Tagen ein Gerät, das dem iPhone zum Verwechseln ähnlich ist. Kallasvuo weiß, dass er sich diesen Angriff von Apple keine Minute gefallen lassen darf.

Dafür gibt er sogar lange gepflegte Feindschaften auf. So fährt Nokia inzwischen eine Art Schmusekurs gegenüber dem früheren Erzfeind Microsoft. Das Unternehmen wird zum Beispiel ein Microsoft-Programm zum Management der digitalen Rechte in seinem Online-Musikgeschäft nutzen. Zudem ist die Nokia-Navigationslösung auch für Handys mit dem Windows-Mobile-Betriebssystem erhältlich. Damit wird auf der einen Seite einer größeren Nutzergruppe die Chance gegeben, diese Dienste von Nokia zu nutzen. Auf der anderen Seite instrumentalisiert Nokia damit die alte Feindschaft zwischen Apple und Microsoft. Die Kunden müssen sich entscheiden: Apple oder Nokia und das Microsoft-Lager mit seiner Dominanz bei der Computer-Software.

So zielt die Nokia-Strategie auf der einen Seite darauf, sich gegen neue Wettbewerber zu verteidigen. Auf der anderen Seite geht es Kallasvuo um die Etablierung der Marke Nokia im Geschäft mit mobilen Datendiensten. Dies geschieht zum richtigen Zeitpunkt. Dem Konzern geht es dank seines florierenden Handygeschäftes ausgezeichnet, und er hat mit 7,5 Milliarden Euro genug flüssige Mittel auf der hohen Kante, um kräftig in den Aufbau der neuen Geschäftsfelder investieren zu können. Das garantiert zwar nicht den Erfolg, aber es erhöht die Chancen.

Quelle: F.A.Z., 17.09.2007, Nr. 216 / Seite 11
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 11 15

30.05.2012 11:16 Uhr
  Vortag
Dax 6.324,75 −1,13%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.378,45 −1,13%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2446 −0,34%
Rohöl Brent Crude 105,45 $ −1,31%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.