22.02.2005 · Von Carola Kaps, Brüssel
Ob wohl die Präsidenten George Bush und Wladimir Putin während ihres Treffens in der slowakischen Hauptstadt Bratislava Zeit haben werden, einen genaueren Blick auf das gastgebende Land zu werfen? Lohnen würde es sich für beide. Denn von dem bemerkenswerten Aufstieg der Slowakei aus sozialistischer Rückständigkeit zum Klassenbesten unter den Wirtschaftsreformern und zu einem der attraktivsten Investitionsstandorte des europäischen Kontinents können auch Bush und Putin Anregungen für die eigene Wirtschaftspolitik mitnehmen. So hat beispielsweise die Slowakei den Übergang zu einem modernen, auf drei Säulen ruhenden Rentensystem schon vollzogen, während sich amerikanische Rentner noch immer weitgehend auf das veraltete Umlageverfahren stützen. Kremlchef Putin könnte am Beispiel der Slowakei lernen, wie man ein freundliches Unternehmensklima schafft, in dem sich ausländische und heimische Investoren ohne Angst vor der Willkür des Staates und dessen unberechenbaren Begehrlichkeiten frei bewegen können.
Für viele Menschen in Europa und Amerika mag die Slowakei zwar noch immer ein unbeschriebenes Blatt sein. Wer jedoch einen günstigen Investitionsstandort sucht, kennt die Slowakei genau. Wer sich über die zu hohen Steuern im eigenen Land beschwert, führt die Slowakei als leuchtendes Beispiel dafür an, wie man es besser machen kann. Wer sich nach Politikern sehnt, die Visionen haben und diese auch durchzusetzen wissen, blickt ebenfalls in die Slowakei. Dort hat sich um den ehrgeizigen und weitsichtigen Finanzminister Ivan Miklos eine junge Truppe von zumeist im Ausland geschulten Fachleuten gesammelt, die ihr Land voranbringen und die große Einkommenslücke zu den alten EU-Ländern schließen wollen.
Irland ist das große Vorbild der Slowakei. Genau wie die kleine Inselrepublik, die sich dank umfassender und konsequenter Strukturreformen binnen zehn Jahren vom Armenhaus der EU zum vielfach beneideten Wohlstandsparadies entwickelt hat, will sich auch die Slowakei vom häßlichen Entlein in einen schönen Schwan verwandeln. Die Slowakei hat es allerdings eiliger als Irland. Während die Iren nach dem EU-Beitritt 1973 mehr als eine Dekade brauchten, um zu begreifen, daß die Mitgliedschaft in der EU nicht automatisch Wohlstand, sondern nur die Chance beinhaltet, sich diesen zu erarbeiten, haben die Slowaken noch vor der EU-Mitgliedschaft im Mai 2004 den Reformprozeß in Gang gesetzt. Die jungen Reformer begnügten sich freilich nicht mit einer radikalen Steuerreform, sie bauten alle wichtigen Wirtschaftsinstitutionen um, wohlwissend, daß nur die Summe gut koordinierter und verzahnter Reformen nachhaltiges Wachstum, mehr Beschäftigung und einen erhöhten Wohlstand für alle garantieren werde.
Die hohen Wachstumsraten, vor allem aber der eindrucksvolle Zustrom ausländischer Investitionen sind wohl die beste Bestätigung dafür, daß die Slowakei den richtigen Kurs eingeschlagen hat. Miklos und seine Mitarbeiter wollen freilich mehr. Wohlwissend, daß der wahre Kern des anhaltenden irischen Erfolgs hohe Investitionen in Erziehung und Ausbildung sowie die bewußte Förderung von Forschung und Entwicklung sind, stellen sie nun Weichen für die Entwicklung der Slowakei zur Wissensgesellschaft. Miklos sieht dazu keine Alternative, gibt es doch selbst in dem Niedriglohnland Slowakei schon Anzeichen dafür, daß billige Massenproduktionen in die noch billigeren Länder weiter im Osten abwandern. Mit der "Wettbewerbsstrategie 2010" soll das kreative Potential der slowakischen Wirtschaft ausgeschöpft werden. Slowakische Arbeitskräfte sollen zu jeder Zeit in der Lage sein, Wissen zu produzieren und es auch in der Praxis anzuwenden. Letztlich soll es gelingen, das Markenzeichen "Slowakei" zu kreieren: Im In- und Ausland soll es für hervorragend ausgebildete, kreative Menschen stehen, die innovative und technisch hochwertige Produkte und Dienstleistungen herstellen.
Diese Strategie, mit der die Slowakei ihren Teil dazu beitragen will, die EU in eine der "dynamischsten, wettbewerbsstärksten Regionen der Erde" zu verwandeln, überzeugt durch ihre einfache, klare Struktur. Im Gegensatz zur mit vielen Zielen überfrachteten Lissabon-Strategie der EU gibt es hier nur vier Schwerpunkte: Erziehung, Informationsgesellschaft, Unternehmensklima sowie Forschung und Entwicklung. Außerdem sollen detaillierte Aktionspläne erstellt und deren Fortschritt laufend überwacht werden. Beeindruckend ist dabei, daß die Mehrheit der Bevölkerung die Strategie der Regierung für richtig hält und bereit ist, das Abenteuer zu wagen.
Wenn dennoch Zweifel bleiben, ob die Reformer in ihrer Eile nicht doch den Bogen überspannen, liegt dies vor allem an dem derzeitigen Zustand der slowakischen Gesellschaft. Die Slowakei ist keine urbane, moderne Gesellschaft, sondern relativ arm, ländlich in Ausrichtung und Denken, überdies ohne echte Eliten, da viele junge, gut ausgebildete Menschen zur Zeit des Sozialismus, aber auch in den Meciar-Jahren ausgewandert sind. Urban, modern, weltoffen und wohlhabend ist allein Bratislava. In den weiter östlich liegenden Regionen herrscht bei einer Arbeitslosenrate bis zu 30 Prozent tiefe Armut. Mit diesen Menschen ist der Sprung in die Wissensgesellschaft sobald nicht möglich. Hier müssen erst einmal die mentalen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine dauerhafte Überwindung der Armut geschaffen werden. Das kostet Zeit und verlangt nach geduldiger Aufbauarbeit. Je mehr die Regierung daneben in Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen investiert, desto besser. Die Wissensgesellschaft mag noch sehr fern sein, hochkarätige Ausbildungssysteme sind jedoch ein guter Start.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3237 | −0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 118,32 $ | +0,36% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |