Home
http://www.faz.net/-gqe-v9fa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leitartikel Wirtschaft Mandat für die Modernisierer

 ·  VON NICO FICKINGER

Artikel Lesermeinungen (0)

Die IG Metall erhält eine neue Doppelspitze. Die Geschmeidigkeit, mit der die Funktionäre den Führungswechsel arrangiert haben, überdeckt den Bruch, der sich dahinter verbirgt: Die Machtübergabe von Jürgen Peters an seinen bisherigen Stellvertreter Berthold Huber sowie Detlef Wetzel läutet eine neue Ära ein. Der programmatische Stillstand, der die größte und mächtigste deutsche Einzelgewerkschaft vier Jahre lang auf der Stelle treten ließ, ist beendet. Die Organisation darf endlich wieder nach vorne blicken.

Sie tut gut daran. Denn Peters' Bilanz ist letztlich mager. Zwar hat die IG Metall unter seiner Führung in ihrem Kerngeschäft ansehnliche Tarifabschlüsse erkämpft und den Mitgliederschwund nahezu gestoppt - doch sind dies beides Erfolge, die, formell jedenfalls, in Hubers Ressort fallen. In seinem eigenen Zuständigkeitsbereich ist Peters blass geblieben; im Schulterschluss mit Verdi hat er den Deutschen Gewerkschaftsbund erst gegen Rot-Grün, dann gegen Schwarz-Rot in Stellung gebracht und den DGB damit als politische Interessenvertretung geschwächt. Die politische Marginalisierung ist also hausgemacht: Der auf Konfrontation getrimmten IG Metall schenkte niemand mehr Gehör. Es ist nun Aufgabe von Huber und Wetzel, die IG Metall von diesem Irrweg wieder zurück in die politische Mitte zu führen.

Auch sonst ist vieles liegengeblieben. Zwar fiel in seine Zeit das vielgerühmte Pforzheim-Abkommen von 2004, das Abweichungen vom Flächentarif nicht nur in Notlagen, sondern auch zum Erhalt und zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und der Investitionsbedingungen erlaubt. Doch hat Peters diesem Tarifwerk nicht aus innerer Überzeugung, sondern nur unter politischem Druck zugestimmt, um die angedrohte gesetzliche Tariföffnung zu verhindern. Überlegungen zu einer stärkeren Differenzierung der Tarifverträge hat Peters sich verschlossen, neue Themen wie Qualifizierung, Innovation, Altersvorsorge, demographischer Wandel oder Familie und Beruf hat er zwar mitgetragen, aber nicht befördert.

Die Ausgangsbedingungen für das Duo Huber-Wetzel könnten kaum besser sein. Die Konjunktur brummt, die Mitgliederentwicklung stabilisiert sich. Erstmals seit 1998, als Walter Riester in die rot-grüne Regierung wechselte und Peters sich den Posten des Vizechefs erkämpfte, ziehen beide Vorsitzenden wieder an einem Strang. Dass sie nicht mehr - wie vor Peters üblich - beide aus dem Südwesten stammen, sondern außer dem traditionellen Pilotbezirk Baden-Württemberg auch noch den größten Bezirk Nordrhein-Westfalen hinter sich wissen, verringert das Gewicht der alles dominierenden Autoindustrie, verschafft den mittelständischen Unternehmen mehr Gehör und stellt einen breiten Konsens sicher. Davon kann die IG Metall nur profitieren.

Anders als Peters haben Huber und Wetzel das Privileg, in längeren Fristen denken zu können. Beide haben noch zwei Amtszeiten vor sich, beiden ist zuzutrauen, dass sie diese acht Jahre nutzen, um Antworten auf die veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu finden.

Wer deshalb auf einen Richtungswechsel hofft, dürfte enttäuscht werden. Unter Huber und Wetzel wird die IG Metall kein handzahmer Verhandlungspartner werden, der sich die Sozialpartnerschaft auf seine Fahnen schreibt; für die Arbeitgeber dürfte es eher teurer werden. Auch wird sie die "Agenda 2010" nicht verklären und der Sozialdemokratie einen ungedeckten Vertrauensvorschuss für weitere Sozialreformen geben. Denn in der Sache, etwa in der Ablehnung der "Rente mit 67", waren sich die als Traditionalisten und Modernisierer etikettierten Flügel der IG Metall immer einig. Umstritten waren bloß die Strategie und der Tonfall, mit denen man reagieren sollte. Auch haben jene Funktionäre, die die IG Metall als bloße Lohnerhöhungsmaschine und politische Gegenmacht begreifen, mit Peters nur ihr prominentestes Sprachrohr, aber (noch) nicht ihren Einfluss im Apparat eingebüßt.

Dennoch wird sich unter Huber und Wetzel einiges ändern, zunächst im Stil und im Umgang miteinander. Beide vertrauen auf die Kraft der Argumente. Unter ihrer Führung dürfte die IG Metall offener werden, diskussionsfreudiger, überzeugender. Beide haben ein ähnliches Selbstverständnis: Sie wollen die Mitglieder in den Betrieben mobilisieren, aus Statisten Protagonisten machen. Die Basis ist das Maß aller Dinge, lautet ihr Credo. Ist die Gewerkschaft im Betrieb erlebbar - nicht nur wenn es um Lohnprozente geht -, wird sie genügend Zulauf erhalten. Und stimmt die Mitgliederentwicklung, braucht sich die IG Metall weder um die gewerkschaftliche Kampfkraft noch um das politische Gehör zu sorgen.

Huber und Wetzel wollen die IG Metall von innen heraus stärken und sind dafür bereit, einen immer größeren Teil der Verantwortung an die Betriebsparteien zu delegieren. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Statt nach dem Staat zu rufen, suchen sie aus eigener Kraft nach Lösungen und nehmen die Regierung anschließend in die Pflicht zur gesetzlichen Flankierung. Diese Geisteshaltung könnte auch dem DGB wieder Auftrieb geben.

Huber und Wetzel wissen, dass die Gewerkschaften nur dann von der Politik ernstgenommen werden, wenn sie sich mit konstruktiven Vorschlägen in die Debatten einmischen und damit bei sich selbst beginnen. Den Willen und die Kraft dazu hat das neue Duo - ihm fehlt dafür bloß noch das Mandat des Gewerkschaftstages. Fällt es so eindeutig aus wie das Votum des Vorstands, muss man mit der IG Metall wieder rechnen.

Quelle: F.A.Z., 05.09.2007, Nr. 206 / Seite 11
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Yahoo kauft Relevanz

Von Roland Lindner

Des Internetkonzerns Yahoo zahlt 1,1 Milliarden Dollar in bar für den Blogging-Dienst Tumblr. Der Zukauf hat den Anschein einer Verzweiflungstat. Mehr 6

Umfrage

Gentests machen Aussagen über das Risiko künftiger Krankheiten. Wollen Sie Ihr Risiko kennen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Umfrage

Sollen Ein- und Zwei-Cent-Münzen abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --
Umfrage

Soll die Selbstanzeige für Steuerhinterzieher abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.