Der Buchbranche geht es gut, auch wenn das Internet den Verlagen das Leben zunehmend schwermacht.
Das Buch lebt. Wenn an diesem Mittwoch die 58. Frankfurter Buchmesse öffnet, wird über mehr als 100 000 Neuerscheinungen gesprochen werden. Die Erinnerungen von Günter Grass, die Bücher über Papst Benedikt XVI. sowie die Nachlesen zur Fußball-Weltmeisterschaft sind ebenso Titel mit bestsellerverdächtigen Höchstauflagen wie die zahlreichen Titel zur Phantasie- oder Ratgeberliteratur, die abseits der professionellen Literaturkritik ihr opulentes Dasein führen. An Nachfrage nach Büchern mangelt es nicht. Und der Branchenumsatz von knapp zehn Milliarden Euro zeigt dabei noch nicht einmal alles. Immer mehr Bücher werden heute gebraucht gekauft. Ein Blick in den Internet-Handelsplatz Ebay zeigt, wieviel Umsatz hier an den Verlagen und Buchhändlern vorbeigeht.
Sorge bereitet den Verlegern aber eine andere Vermarktung ihrer Inhalte. Sie befürchten, an der elektronischen Verwertung ihrer Texte nicht mehr hinreichend beteiligt zu sein, also ihre Rechte gar nicht mehr wahrnehmen zu können. Dabei geht es weniger um Volltextversionen, die etablierte Internet-Anbieter wie Amazon oder Google zur Verfügung stellen. Hierbei handelt es sich oft um Bücher, deren Urheberrechte ausgelaufen sind oder bei den Anbietern liegen. Es geht auch nicht darum, daß vor allem Wissenschaftsverlage immer mehr Texte auch oder ausschließlich (Print-on-Demand) digital zum Ausdruck auf dem heimischen Drucker zur Verfügung stellen. Auch hier sind die Urheberrechte gewahrt. Sorge bereiten die vor allem über Internet-Tauschbörsen vervielfältigten und versandten Bücher. Hinter dem Angebot, sich den Text eines Buches aus dem Netz herunterladen zu können, stehen oft dubiose und kaum zu identifizierende Anbieter. Viele Raubkopien des Bestsellers "Der Schwarm" wurden über russische Websites möglich, deren Inhaber für die Justiz offenbar unerreichbar sind.
Wie groß der Schaden ist, der der Buchbranche dadurch entsteht, daß Buchtexte oder Hörbücher im Internet illegal eingescannt und weitergegeben werden, weiß natürlich niemand genau. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat für einige Bestseller mehr als eine Million illegaler Anbieter ausgemacht. Obwohl es derzeit nicht danach aussieht, daß die Buchbranche ähnlich katastrophale Folgen hinnehmen muß wie die Musikbranche, ist der Gesetzgeber schon aktiv geworden. Ein geplantes Gesetz sieht vor, daß geschädigte Verlage vom Internet-Provider Auskunft über die Person der Urheberrechtsverletzung einholen können, wenn die Urheberrechtsverletzungen ein gewerbliches Ausmaß vermuten lasse. Ansonsten läßt das Gesetz die Strafverfolgung unter dem Hinweis auf einen Bagatellfall gar nicht erst zu. Das ist das stille Eingeständnis, daß nationale Regelungen hier wenig oder gar nichts bringen, vielleicht sind hier auch gar nicht so sehr staatliche als vielmehr in erster Linie technische Vorkehrungen gefragt, die ein Einscannen erschweren oder unmöglich machen.
In einem anderen Bereich könnte der Gesetzgeber schon helfen, indem er sich zurückzöge: Ein Schwerpunkt der Messe ist das Thema Bildung. Aber die Veranstaltungsthemen lassen befürchten, daß man hier nur abermals die geringen Ausgaben des Staates beklagen wird - völlig zu Unrecht. Der Schulbuchmarkt würde sich schlagartig beleben, müßten Eltern wieder selbst Bücher für ihre Kinder kaufen, statt al- te Bücher vom Staat geliehen zu bekommen. Erstens hätten alle Schüler neue Bücher. Zweitens würde auf diese Art gerade Kindern aus bildungsschwachen Bevölkerungsschichten die Möglichkeit eröffnet, sich eine erste kleine Bibliothek anzulegen und den Umgang mit eigenen Büchern zu erlernen.
Die dritte Sorge neben dem Urheberrecht und den niedrigen Schulbuchumsätzen gilt der zunehmenden Konzentration im stationären Buchhandel. Mit der Zusammenführung der Buchhandelsketten Weltbild und Hugendubel ist eine Buchhandelskette mit mehr als 700 Millionen Euro Umsatz entstanden, die sich vor den bisherigen Ersten, die Buchhandelskette Thalia, geschoben hat. Ob Thalia eine Kooperation mit dem Bertelsmann Buchclub eingeht und damit wieder den Kampf um die führende Position in deutschen Buchläden aufnimmt, ist offen.
Als sicher darf gelten, daß es zu weiteren Fusionen und Übernahmen kommen wird. Der Buchmarkt wird noch weitgehend von kleinen und mittleren Unternehmen beherrscht. Durch Konzentration sind hier noch Effizienzgewinne möglich. Die Konzentration läßt andererseits aber auch wieder Nischen für Neugründungen. Die Angst, die Konzentration führe zu einer Einschränkung des Angebots, ist derzeit unbegründet. Gerade die bevorstehende Messe zeigt mit ihrem wieder gestiegenen Anteil von Klein- und Kleinstverlagen, wie lebendig diese Branche weiterhin ist. Mehr als 7000 Verlage aus mehr als hundert Ländern zeigen fast 400 000 Bücher.
Der medienwirksame Auftritt um die bekannten Schriftsteller und die Großverlage von Bertelsmann (Random House) über Klett und Langenscheidt bis zu Suhrkamp und Ullstein ist daher nur ein Teil dieser Messe. Bei allem Rummel um Autoren und Titel geht es den Verlagen in Frankfurt in allererster Linie um den Verkauf von Rechten - um den Verkauf der Buchrechte an andere, vor allem ausländische Verlage, an elektronische Verwerter oder an Filmproduzenten. Der Rechtehandel ist das wirtschaftliche Rückgrat der Branche. Er steht daher mit gutem Grund im Mittelpunkt der Ausstellung, wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung und wegen der aktuellen Gefahren. Lösungen sollten aber aus der Branche kommen. Sie hat die Kraft dazu, denn das Buch lebt.