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Leitartikel Wirtschaft Gute und schlechte Aktionäre

 ·  VON JÜRGEN DUNSCH

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Der Vorgang ist skurril, aber vielleicht gerade deswegen erhellend. Oberhalb von Luzern am Vierwaldstätter See thront das Grandhotel Gütsch. Die Schweizer Großbank UBS hatte die Immobilie des Typs verblichene Schönheit im Juli 2005 ersteigert; nicht aus Investoreninteresse, sondern aus der Not des Hauptgläubigers heraus. Vor kurzem kam sogar noch die Standseilbahn aus der Stadt zu dem seit längerem geschlossenen Hotel nolens volens in das Portefeuille der Bank. Jetzt hat die UBS einen weiteren Besitz - und einen kleinen Klotz am Bein.

Was lehrt diese Episode? So manches Bankenengagement ist in der Vergangenheit unfreiwillig zustande gekommen. Was im großen Stil unter dem Namen Deutschland AG bekannt wurde, war zu einem Teil die Folge solcher Notbeteiligungen, erinnert sei nur an die jahrzehntelange Verbindung zwischen dem Kreditgeber Deutsche Bank und Daimler-Benz: Es war die Bank, die 1926 die Fusion der bis dahin unabhängigen Automobilhersteller Daimler und Benz bewerkstelligte und dabei uneinbringliche Kredite in Aktien umwandelte.

Jetzt geht die Verbindung zwischen Banken und Industrieunternehmen ihrem Ende entgegen, der Abschied des früheren Deutsche-Bank-Chefs Hilmar Kopper aus dem Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden von Daimler-Chrysler ist das personelle Symbol dafür. Die neuen wichtigen Spieler heißen Pensionsfonds, Versicherungen und andere institutionelle Anleger. Mit dem Großauftritt von Private-Equity-Fonds und Hedge-Fonds kam allerdings ein neues Element in die deutsche Debatte. Hinter Franz Münteferings Einstufung als "Heuschrecken" verbirgt sich letztlich ein Werturteil. In dieser Sichtweise gibt es gute und schlechte Aktionäre.

Bis vor kurzem war die Einstufung gut oder schlecht in erster Linie mit dem Zeithorizont der Aktionäre verknüpft. Gute Aktionäre, das waren die langfristig orientierten "Entwicklungspartner", diejenigen, die nicht auf jeden Quartalsbericht starrten, sondern den Unternehmen genügend Mittel zum Beispiel für Forschung und Entwicklung beließen. Nicht zuletzt familiendominierte Betriebe zeichnen sich oftmals durch eine solche Langfristorientierung aus. Schlechte Aktionäre, das sind nach dieser Einteilung die "Abzocker", die sich nur für wenige Jahre engagieren, eine engstirnige Profitmaximierung betreiben und dann schnell das Weite suchen - oftmals unter Zurücklassung eines schuldengeplagten und am Rande des Abgrunds manövrierenden Unternehmens. Daß dies selbst bei den "Heuschrecken" nur auf wenige Exemplare zutrifft, steht auf einem anderen Blatt.

Das Bemühen um "nationale Champions" in Europa lenkt das Augenmerk ein weiteres Mal auf die Zusammensetzung des Aktionärskreises. Die industrielle Sinnhaftigkeit oder Fehlkonzeption eines Zusammenführens zweier Unternehmen auf dieser Ebene statt einer internationalen Verbindung ist das eine. Aber auch die Aktionäre verdienen Aufmerksamkeit. Ist zum Beispiel Volkswagen mit den Großaktionären Niedersachsen und Porsche wirklich gut bedient? Muß sich, wie Unicredit in Italien, erst im Heimatland auch auf der Eigentümerseite eine starke Verankerung schaffen, wer international auf Pirsch gehen will? Ist die hohe Staatsbeteiligung bei einer Verbindung Suez/Gaz de France sinnvoll? Solche Beteiligungen sind auf Dauer angelegt. Sind sie aber deswegen schon besser als zeitlich begrenzte Finanzengagements?

Aktiengesellschaften, die sich über die Börse finanzieren, haben an sich keine Präferenz für dauerhafte Aktionäre. Eher das Gegenteil ist richtig: Sie locken die Kapitalgeber mit dem Versprechen, daß diese sich jederzeit wieder verabschieden können. Dennoch haben viele Unternehmen Großaktionäre mit starkem Einfluß. Und Anleger sind viel weniger als früher bereit zu verkaufen, wenn ihnen die große Linie nicht paßt. Vielmehr versuchen sie, das Management auf sich zu verpflichten - oder es gleich zu feuern.

All dies führt zwangsläufig zu Spannungen. Porsche steht bei Volkswagen latent unter dem Verdacht, sich zu Lasten von VW Sondervorteile sichern zu können. Mittal Steel leidet beim Übernahmeversuch des Konkurrenten Arcelor darunter, daß die Familie einen Einfluß ausübt, der weit über den Anteil am Kapital von Mittal Steel hinausgeht. Greift der Staat als Aktionär ein, verschärfen sich die Schwierigkeiten. Leicht versteht er solche Beteiligungen oder gar die Mehrheit in Unternehmen als Hebel für Industriepolitik. Die Aktienpakete geben den Regierungen die Instrumente in die Hand für den Versuch, die wirtschaftliche Zukunft vorhersehen und damit auch "gestalten" zu können. Die Welle an Privatisierungen gerade in Europa widerspricht dem nicht: Sie entstand in erster Linie unter dem Druck hoher Staatsschulden, nicht aus ordnungspolitischer Einsicht.

Unternehmensvorstände wiederum sind mit einem Aktionärskreis ohne bestimmenden Anteilseigner am zufriedensten. Dies verschafft ihnen tendenziell den größten Freiraum, dies erlaubt ihnen, ein Unternehmensinteresse in ihrem Sinne zu formulieren. Der Fall der Hedge-Fonds bei der Deutschen Börse, die in einer Koalition der gemeinsamen Interessen die Übernahme der Londoner Börse verhinderten, hat aber gezeigt, daß dies immer weniger möglich ist. Die Übernahmewelle rollt, die internationale Verflechtung der Wirtschaft nimmt zu, aber auch "national champions" sind modern. Dies führt nur dann zu guten Ergebnissen, wenn die Unternehmenskontrolle (Corporate Governance) sauber geregelt ist - in den Geschäften zwischen Großaktionär und Unternehmen, in der Vertretung im Aufsichtsrat und im Abstimmungsverhalten bei Interessenkonflikten. Das große Mauscheln im Netzwerk der alten Deutschland AG kann nicht das Vorbild sein.

Quelle: F.A.Z., 24.03.2006, Nr. 71 / Seite 13
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