06.09.2006 · VON ROLAND LINDNER, NEW YORK
Der Autokonzern steht wieder vor einem Neuanfang.
Am Ende wirkte Bill Ford fast erleichtert. So gelöst wie bei der Pressekonferenz zu seinem Rücktritt hatte man Ford in seiner Zeit als Vorstandschef des gleichnamigen amerikanischen Autoherstellers selten erlebt. Er machte sogar Späße darüber, daß sein Nachfolger Alan Mulally bislang ein Auto aus dem feindlichen Lager fährt: einen Lexus, die Oberklassenmarke aus dem Imperium des großen japanischen Rivalen Toyota.
Der schwer angeschlagene Autokonzern hat mit der Berufung von Mulally zum Vorstandschef für eine Sensation gesorgt. Zwar hat Bill Ford schon länger öffentlich mit dem Gedanken an einen Rücktritt gespielt. Als Nachfolger waren aber andere Namen im Gespräch: So hat Ford selbst zugegeben, daß er Carlos Ghosn vom französisch-japanischen Autoverbund Renault-Nissan holen wollte. Statt dessen zauberte Ford nun einen Branchenfremden aus dem Hut und berief den bisherigen Chef des Zivilflugzeugbaus von Boeing zum Vorstandschef.
Es ist abermals ein Einschnitt in der wechselhaften Geschichte von Ford. Heute erinnert nur noch wenig an die früheren Glanztage. Es gab einmal Zeiten, da kamen mehr als die Hälfte aller Autos auf der ganzen Welt von Ford. Das war Mitte der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, und es handelte sich um das Modell T - jenes legendäre Auto, mit dem Henry Ford den Weltruhm des Unternehmens begründete.
Ford hat seither mehrere Krisen erlebt und dabei oft mit einschneidenden Veränderungen im Top-Management reagiert. Zum Beispiel, als Bill Ford vor fünf Jahren an die Spitze rückte und Jacques Nasser ablöste. Damit führte zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren wieder ein Mitglied aus der Gründerfamilie das Unternehmens. Nun sorgt Ford für ein weiteres Novum, indem erstmals ein Branchenfremder von außen rekrutiert wird.
Der Rücktritt von Bill Ford war überfällig. Seine Anfangserfolge sind längst vergessen. Ford hatte zunächst mit einem drastischen Sanierungsprogramm mehr Entschlossenheit demonstriert, als ihm viele zugetraut hatten. Nach Milliardenverlusten zu Beginn des Jahrzehnts schien es wieder etwas bergauf zu gehen.
In den vergangenen Jahren hat sich die Lage aber wieder zugespitzt. Die Versäumnisse der Geschäftsführung mehrten sich: Ford verlor in Amerika kontinuierlich Marktanteile. Innerhalb von zehn Jahren sanken sie von 25 Prozent auf ein historisches Tief von 17 Prozent. Ford kommt mit seinen Autos bei den amerikanischen Verbrauchern nicht mehr an. In der Amtszeit von Bill Ford gab es nur ein einziges erfolgreiches neues Modell, die Wiederauflage des Sportwagens Mustang. Daneben hat Ford Jahr für Jahr uninspirierte Neuheiten gebracht, die das Unternehmen bald darauf nur mit hohen Rabatten los wurde.
Eine Zeitlang konnte dieses Manko mit dem angestammten Paradegeschäft von Ford kaschiert werden, den gewinnträchtigen Großraumautos wie sportlichen Geländewagen und Transportern. Nun aber hat sich die Lage hier rapide verschlechtert. Die Schwächen von Ford wurden gnadenlos offengelegt. Das Geschäft ist regelrecht weggebrochen. Amerikaner kaufen lieber kleinere Autos, die weniger Benzin verbrauchen. Das ist jedoch die Paradedisziplin von japanischen Herstellern wie Toyota. Die Folge: Ford ist im Autogeschäft tief in die Verlustzone gerutscht.
Bill Ford war nie ein überzeugender Vorstandschef. Er machte immer den Eindruck, er erfülle nur seine Pflicht gegenüber der Familie. Er ist im Unternehmen beliebt, aber alles andere als eine mitreißende Führungsfigur. Seine Bilanz am Ende ist trostlos: eine Erosion der Marktanteile, hohe Verluste, keinerlei Kontinuität im Management.
Man kann Bill Ford nun vorwerfen, daß er nie das Zeug dazu hatte, Ford aus der Krise zu führen. Man muß ihm aber zugestehen, daß er ohne falsche Eitelkeit zu radikalen Schritten bereit war. Sein Rücktritt unterstreicht dies. Daneben hat Ford schon weitere Einschnitte angekündigt, die über ein erst im Januar angekündigtes Restrukturierungprogramm weit hinausgehen sollen. Ford zieht dabei auch den Verkauf ganzer Produktgruppen in Erwägung: Die britische Nobelmarke Aston Martin wurde schon zur Disposition gestellt, weitere Teile der Luxusgruppe Premier Automotive Group (PAG) wie Jaguar oder Land Rover könnten folgen, vielleicht sogar schwächelnde amerikanische Autos wie Lincoln. Daneben hat Ford seine Bereitschaft zu Allianzen mit anderen Autoherstellern signalisiert.
Ford zeigt damit mehr Willen zu umfassenden Veränderungen als GM. Der Wettbewerber ist angesichts der Ford-Krise zwar etwas aus der Schußlinie geraten, aber längst nicht aus dem Schneider. Auch GM macht in seinem Heimatmarkt noch Verluste und mußte kürzlich wie Ford ankündigen, seine Produktionsmengen deutlich zu verringern. GM hat sich bislang aber gegen größere Einschnitte im Produktportfolio gewehrt. Das Unternehmen ging auch widerwillig in die von seinem Großaktionär Kirk Kerkorian angestoßenen Gespräche über eine Allianz mit Renault-Nissan.
Es ist anzunehmen, daß Alan Mulally nicht die erste Wahl bei Ford war. Ob er als Branchenfremder der Mann ist, um das Unternehmen aus der Krise zu führen, daran kann man zumindest Zweifel haben. Denn letztlich werden attraktive Autos über Erfolg oder Mißerfolg entscheiden, und Mulally muß sich als Außenseiter die Frage gefallen lassen, ob er dafür der richtige Mann ist. Die gute Nachricht am Führungswechsel bei Ford ist, daß das Unternehmen den Ernst der Lage erkannt hat und bereit ist, keinen Stein auf dem anderen zu lassen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,30 | −1,07% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2446 | −0,34% |
| Rohöl Brent Crude | 105,45 $ | −1,31% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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