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Leitartikel Wirtschaft Es geht noch bergauf

VON FOLKER DRIES

Die Optimisten bleiben am Drücker: 2006 wird aller Voraussicht nach das vierte Jahr in Folge sein, in dem das Wachstum der Weltwirtschaft eine Vier vor dem Komma haben und damit über dem langjährigen Schnitt von 3,7 Prozent liegen wird. Offenbar sind die Volkswirtschaften rund um den Globus widerstandsfähiger geworden. Weder die kräftigen Zinserhöhungen in den Vereinigten Staaten noch die teilweise dramatisch gestiegenen Rohstoffpreise, noch die Naturkatastrophen in Asien und Amerika haben den Aufschwung abgewürgt. Allerdings ist der Ausblick nicht mehr ganz so rosig wie noch vor zwölf Monaten. Die Risiken sind in dem schon weit fortgeschrittenen Stadium dieses Aufschwungs gestiegen. Denn ein wichtiger, wenn nicht sogar "der" Treibstoff dieses Aufschwungs - billiges Zentralbankgeld - wird knapper. 2006 wird wohl ein Jahr werden, in dem die drei wichtigsten Notenbanken der Welt die Zügel anziehen. Man muß schon bis 1979 zurückblicken, um einen Präzedenzfall zu finden. Allerdings beschränkt sich dieser Gleichklang auf das Kalenderjahr. Die Geldpolitik der großen Zentralbanken befindet sich jeweils auf einer anderen Stufe: Die amerikanische Federal Reserve wird ihren Erhöhungszyklus wohl schon in Kürze abschließen, die Europäische Zentralbank hat mit Zinserhöhungen gerade erst begonnen, und die Bank von Japan streitet noch mit der Regierung über den richtigen Zeitpunkt für die Zinswende.

Doch bei allen drei Zentralbanken ist nur von einer Normalisierung der Geldpolitik die Rede. Und das ist aus der Sicht der Finanzmärkte ein wichtiger Punkt. Es geht den Notenbanken nicht darum, das Wachstum der Weltwirtschaft aus Angst vor einer Überhitzung zu bremsen. Vielmehr soll den Märkten lediglich ein Stimulans genommen werden, das nach dem Zusammenbruch der "New Economy" zur Stabilisierung der Weltwirtschaft erwünscht und wohl auch notwendig war, letztlich aber neue Spekulationsblasen erzeugte, etwa an den Immobilienmärkten.

Freilich ist es eine Illusion zu glauben, daß die Notenbanken genau bei dem Leitzinssatz haltmachen werden, der die Geldpolitik zum konjunkturpolitischen Neutrum macht. Denn keine Zentralbank weiß genau, welcher Leitzinssatz konjunkturneutral ist. Gerade in Amerika, wo der Leitzins mit 4,25 Prozent schon auf einem Niveau angekommen ist, auf dem viele Ökonomen den neutralen Leitzinssatz wähnen, ist deshalb nicht auszuschließen, daß die Zentralbank über das Ziel hinausschießt. 2006 wird ohnehin das Jahr werden, in dem die amerikanische Geldpolitik nach 18 Jahren ein neues Gesicht bekommt. Ben Bernanke, der Nachfolger von Alan Greenspan, wird versucht sein, durch mindestens ein oder zwei weitere Zinserhöhungen seine feste Haltung als Inflationsbekämpfer unter Beweis zu stellen. Der Zinserhöhungszyklus dürfte deshalb eher bei 5 als bei 4,5 Prozent enden.

Die Konjunkturentwicklung in Amerika birgt denn auch 2006 das größte Rückschlagsrisiko für die Weltwirtschaft. Unter dem Strich trauen Ökonomen der größten Volkswirtschaft der Welt noch ein Wachstum von etwas mehr als 3 Prozent zu. Die Unsicherheit über das Ausgabeverhalten der privaten Haushalte - die Ausgaben stehen für zwei Drittel des amerikanischen Bruttoinlandprodukts - ist aber groß. In den beiden vergangenen Jahren haben stark gestiegene Häuserpreise die Verbraucher bei Laune gehalten. Ein großer Teil des Vermögenszuwachses wurde über eine höhere Beleihung der Eigenheime in den Konsum umgelenkt. Mit den steigenden Zinsen dürfte dieser Boom abebben. Selbst wenn die Häuserpreise nur stagnieren, wird die Sparneigung zu Lasten des Konsums zunehmen. Daß dies kein unrealistisches Szenario ist, zeigt die jüngere Entwicklung in Großbritannien.

Der wachsenden Konjunkturskepsis in Amerika stehen ermutigende Entwicklungen in anderen Teilen der Welt gegenüber. Japan, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, hat sein langjähriges Koma überwunden. Das hat die Börse in Tokio zuletzt mit einem regelrechten Feuerwerk honoriert. Und selbst in Deutschland, der drittgrößten Wirtschaftsnation, macht sich trotz der lahmen Binnenkonjunktur Zuversicht breit. 2006 dürfte ein Wirtschaftswachstum von mindestens 1,5 Prozent bescheren, das beste Ergebnis seit dem Hoch im Jahr 2000. Und natürlich nicht zu vergessen ist China, das sich unlängst durch einen statistischen Federstrich zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgeschwungen hat. Das seit Jahren konstant auf 9 Prozent bezifferte Wirtschaftswachstum sollte sich, wenn überhaupt, nur unmerklich verlangsamen. Das wiederum wird gewährleisten, daß die Nachfrage nach Rohstoffen wie Öl oder Eisenerz nicht abebbt, was rohstoffreichen Schwellenländern wie Brasilien und Rußland helfen wird.

Kurzum: Es geht mit der Weltwirtschaft auch in diesem Jahr bergauf, wenn auch eine Nuance langsamer als 2005. Steht Anlegern somit ein ähnlich gutes Jahr bevor wie 2005, wo sie mit fast allen Vermögensklassen gut verdient haben? Wohl kaum. 2006 wird für die Kapitalanlage ein schwierigeres Jahr werden. In einem Umfeld steigender Zinsen werden Anleihegläubiger froh sein, wenn ihre Kupons die Kursverluste kompensieren. Das ChanceRisiko-Verhältnis für Aktien sieht zumindest auf dem Papier weit besser aus, zumal das Wachstum der Unternehmensgewinne in den vergangenen zwei Jahren höher ausfiel als das der Aktienkurse. Mit anderen Worten: Aktien sind bewertungstechnisch billiger geworden, obwohl der Dax allein im vergangenen Jahr um 27 Prozent gestiegen ist. Die Aktienhausse wird sich aber nur fortsetzen, wenn die Unternehmensgewinne weiter steigen. Die Chancen dafür stehen angesichts des Konjunkturausblicks nicht schlecht.

Quelle: F.A.Z., 02.01.2006, Nr. 1 / Seite 11

 
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Veröffentlicht: 01.01.2006, 17:35 Uhr

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