30.03.2010 · Von Hanno Mußler
Ein für Unternehmen existenzgefährdender Engpass ist beseitigt: Vier bisher nicht börsennotierte Unternehmen haben jetzt an der Deutschen Börse zusammen 1,8 Milliarden Euro Eigenkapital erlöst. Nimmt man die 4,1 Milliarden Euro der Kapitalerhöhung des schon lange börsennotierten Volkswagen-Konzerns hinzu, brachten Anleger in zwei Wochen sogar fast 6 Milliarden Eigenkapital auf. Damit können die Bilanzen von Unternehmen, die gerade nach der Krise oft eine starke Verschuldung aufweisen, ins Lot gebracht werden.
Eigenkapitalerhöhungen börsennotierter Gesellschaften gelingen seit einem Jahr. Sogar Sanierungsfälle wie Infineon, Continental und Heidelberger Cement erhielten über die Börse Eigenkapital und konnten sich retten. Noch nicht börsennotierte Unternehmen aber scheiterten immer wieder mit dem Versuch, durch einen Börsengang Eigenkapital einzusammeln. Noch im Februar mussten in Europa mehrere Börsengänge abgesagt werden. Zu stark klaffen seit Monaten die Preisvorstellungen der Alteigner und der Anleger auseinander. Während die Verkäufer an den vertrauten Unternehmenswerten vor der Krise festhielten, trauten die als Käufer umworbenen Anleger der Erholung der Konjunktur und den vorhergesagten Gewinnzuwächsen der Firmen nicht.
Viele deutsche Unternehmen sind durchaus eigenkapitalstark in die Krise gegangen. Schlagartig wegbrechende Umsätze und daraufhin oft unvermeidlich eintretende Verluste lassen aber die Kapitalpolster schrumpfen. Neue Bankkredite sind teuer, wenn sie von geschwächten Kreditinstituten überhaupt bereitgestellt werden. Das Jahr 2009 haben deshalb viele Unternehmen dazu genutzt, sich am Anleihemarkt Geld zu besorgen. Erstmals überstieg das Volumen der Unternehmensanleihen das der Bankkredite mit einem Verhältnis von zwei zu eins deutlich. Inzwischen gehen zwischen zehn und dreißig Prozent einer Anleiheemission an Privatanleger.
Mit ihrer Begeisterung für Fremdkapital handeln viele Privatanleger prozyklisch. Ihre hohe Nachfrage nach Anleihen kommt Staaten zupass. Auch Unternehmen profitieren, die Kredite umschulden. Auf Dauer brauchen verschuldete Unternehmen aber neues Eigenkapital. Nur damit können sie Verluste abfedern, bleiben kreditwürdig und können Investitionen finanzieren. Im Kampf gegen eine Kreditklemme winken daher sogar Banken mit Eigenkapital. Der mit 300 Millionen Euro Genussrechtskapital gespeiste Mittelstandsfonds der Deutschen Bank zielt ebenso wie die von Sparkassen und Genossenschaftsbanken aufgestockten Beteiligungsfonds darauf, auslaufende Kredit- und Mezzaninefinanzierungen wenigstens teilweise mit Eigenkapital zu ersetzen. Doch die Gelder der Banken reichen nicht. Umso wichtiger ist, dass die Börse als Beschaffungsort für Eigenkapital wieder funktioniert.
Allerdings ist die Vergabe von Eigenkapital für Banken und Anleger viel riskanter als die von Fremdkapital. Eigenkapital haftet, wenn ein Unternehmen Verlust macht. Insofern muss man nicht bedauern, dass anders als vor zehn Jahren am Neuen Markt Privatanleger heute mit ihrer Aktiennachfrage bei Börsengängen keine Rolle spielen. Schon bedenklicher stimmt, dass deutsche Fondsgesellschaften nur bei kleinen Aktienneuemissionen wie Tom Tailor den Ausschlag dafür geben, ob ein Börsengang gelingt. Unter den zwanzig wichtigsten Käufern der Kapitalerhöhung von VW waren nur zwei deutsche institutionelle Investoren. Und auch die Aktien des Börsengangs von Kabel Deutschland wurden ganz wesentlich von britischen Anlegern gekauft.
Der Grund für die Abhängigkeit großer deutscher Unternehmen von angelsächsischen Investoren ist der schwach ausgebildete deutsche Kapitalmarkt. Nicht nur eine die direkte Anlage diskriminierende Steuergesetzgebung macht den Deutschen die Aktie madig. Aktionäre haben, gemessen am Dax, in der vergangenen Dekade Verluste gemacht. Nach Fiaskos mit der Deutschen Telekom und so manchem Sternchen am Neuen Markt überrascht es nicht, dass auch in die deutschen Aktienfonds trotz der schon seit einem Jahr laufenden Hausse am Aktienmarkt kaum Mittel fließen. Deutsche Fondsmanager müssen oft vorher Aktien verkaufen, wenn sie Aktien von Börsenneulingen kaufen.
Gleichwohl spricht in der Abwägung zwischen Eigen- und Fremdkapital trotz der höheren Risiken derzeit vieles für die Anlage in Eigenkapital. Neue Anleihen gibt es im Überfluss, das Angebot an neuen Aktien aber wird knapp bleiben. Zwar ist der Weg an die Börse für Unternehmen jetzt wieder frei. Einen Ansturm aber wird es in den kommenden Wochen kaum geben. Viele Börsenaspiranten haben, abgeschreckt von den vielen Fehlversuchen, ihre Pläne auf das zweite Halbjahr verschoben. Wer dennoch in den kommenden Wochen zur Eigenkapitalaufnahme antritt, wird wie die vier jüngsten Börsenneulinge Preiszugeständnisse machen müssen. Die angelsächsischen Investoren spielen ihre Macht aus und drücken im Vorfeld die Preise. Obwohl ein Privatanleger von diesem Kampf ausgeschlossen ist, kann er davon profitieren. Es gab schon ungünstigere Zeiten, Aktien von Börsenneulingen zu kaufen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,30 | −1,07% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2446 | −0,34% |
| Rohöl Brent Crude | 105,45 $ | −1,31% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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