10.11.2005 · Wettbewerb im Krankenhausmarkt / Von Carsten Knop
Wie paßt das zusammen? In Deutschland werden immer mehr Krankenhäuser wegen Unwirtschaftlichkeit geschlossen. Andererseits investiert der Bad Homburger Gesundheitskonzern Fresenius 1,5 Milliarden Euro in bar in den Kauf eines der größten privaten Krankenhausbetreiber in Deutschland, die Fuldaer Helios Kliniken. Helios mußte Fresenius auch nicht aufgedrängt werden. Im Gegenteil hatte Vorstandschef Ulf Schneider lange auf eine solche Gelegenheit gewartet. Denn private Krankenhausketten dieser Größe waren in Deutschland seit Jahren nicht mehr auf dem Markt. Der scheinbare Widerspruch, Niedergang hier, eine Milliardeninvestition dort, löst sich schnell auf. Das Helios-Geschäft wirft nur ein Schlaglicht auf zwei sich ergänzende Entwicklungen, die sich auf dem Markt der stationären Versorgung in Deutschland vollziehen. Und es zeigt, daß in einen Markt mit einem Volumen von knapp 90 Milliarden Euro Bewegung gekommen ist.
Denn die Deutschen werden älter, und alte Menschen sind häufiger und länger krank. Auch die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wird bedeutend zunehmen. Immer mehr Alte werden in Heimen gepflegt werden, immer weniger von ihnen leben in ihrem familiären Umfeld. Die ambulante Pflegebetreuung wird damit seltener möglich. Auf der anderen Seite sind die öffentlichen Kassen leer. Gemeinnützigen und öffentlichen Trägern fehlt das Geld, um neue Krankenhäuser oder Pflegeheime zu bauen. Deshalb muß der notwendige Aufbau von Kapazitäten aller Voraussicht nach allein privat finanziert werden.
Hinzu kommt: Die Kommunen haben auch nicht mehr die Mittel, um den laufenden Verlust ihrer bestehenden Kliniken noch lange zu tragen. Nach einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts dürfte rund die Hälfte der Kliniken in öffentlicher Hand mit Verlust arbeiten. Es mangelt an der Kraft, deren Wirtschaftlichkeit durch die notwendigen Investitionen nachhaltig zu erhöhen. Aber genau das ist unumgänglich. Denn die Einführung der Fallpauschalen zwingt die Betreiber dazu, eine medizinische Leistung so kostengünstig wie möglich zu erbringen, unter der Einhaltung qualitativer Standards selbstverständlich.
Deshalb schließen vor allem kleinere Kliniken in großer Zahl. Nach einer Prognose der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young wird mittelfristig jedes vierte Krankenhaus vom deutschen Markt verschwinden. Das Angebot der zum Verkauf stehenden Einrichtungen steigt. Zum Glück für die Verkäufer zeichnet sich der Markt zugleich durch eine große Attraktivität für privates Kapital aus. Das Geld wird von guten Wachstumsprognosen angezogen: So rechnet die Hypo-Vereinsbank für die stationäre Pflege bis zum Jahr 2015 mit einem Umsatzplus von gut 30 Prozent auf dann 117 Milliarden Euro. Damit wachsen die Ausgaben für den Gesundheitssektor überdurchschnittlich zur wirtschaftlichen Entwicklung - trotz der ständigen Reformbemühungen der öffentlichen Hand.
Vor diesem Hintergrund muß das Land Hessen für seine Uniklinik Gießen-Marburg, die noch in diesem Jahr verkauft werden soll, auch keine Sorge haben, bei der Suche nach einem Käufer erfolglos zu bleiben. Die Klinik könnte über Helios ebenfalls zur Fresenius-Gruppe gelangen. Fresenius wäre dann der größte private Krankenhausbetreiber in Deutschland. Aber auch der Wettbewerber Röhn-Klinikum hofft auf einen Zuschlag - und würde dann seinerseits an der Spitze des deutschen Krankenhausmarkts stehen. Andere Interessenten sind Sana, Asklepios und die Horst-Schmidt-Kliniken aus Wiesbaden. Rhön konsolidierte allein im ersten Halbjahr neun Klinikübernahmen. Der Konzernumsatz soll im laufenden Jahr von etwas mehr als 1 Milliarde Euro auf rund 1,4 Milliarden Euro zulegen. Helios hat seinen Umsatz seit dem Jahr 2000 von damals 403 Millionen Euro verdreifacht.
Der Vorteil der Privaten ist, daß sie Größenvorteile nutzen können und bei der Bezahlung ihrer Mitarbeiter flexibler sind. Kliniken werden vernetzt, und innerhalb des jeweiligen Verbunds können Behandlungsschwerpunkte gesetzt werden. Durch standardisierte Behandlungsprozesse und einen koordinierteren Einkauf lassen sich die Kosten senken und die Investitionen sinnvoller steuern. Die Behandlungsqualität nimmt durch die Spezialisierung ebenfalls zu. Weil die Krankenhäuser künftig auch Qualitätsberichte erstellen und veröffentlichen müssen, wird die Behandlungsqualität für den Außenstehenden transparenter. Die Spezialisierung kann sich dann sogar durch steigende Patientenzahlen auszahlen.
Auch die Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und anderen Versorgungseinrichtungen wird im Rahmen einer künftig integrierten Versorgung zunehmen. Weil die Verweildauer der Patienten im Akutkrankenhaus kürzer wird, wächst die Bedeutung anderer Pflegeeinrichtungen zur Nachversorgung. Fresenius plant zum Beispiel, einzelne Einrichtungen der schon vor dem Helios-Kauf zum Fresenius-Konzern zählenden Wittgensteiner Kliniken, die sich um die Nachversorgung kümmern, mit den Helios-Akutkrankenhäusern zu vernetzen. In eine solche komfortable Position werden die öffentlichen Träger in dem nach wie vor stark fragmentierten Markt niemals gelangen.
Die Zukunft der Krankenhäuser ist also privat. Zu erwarten ist, daß der Kapitalbedarf der privaten Betreiber zum einen eine Konsolidierung in dieser Branche anstößt, die sich durch das Helios/Fresenius-Geschäft schon andeutet, zum anderen aber auch Börsengänge antreiben wird. Da börsennotierte Anbieter wegen ihres besseren Zugriffs auf den Kapitalmarkt einen strategischen Vorteil bei Übernahmen haben, wird sich die Zahl der börsennotierten Klinik- und Pflegeheimbetreiber in den kommenden Jahren deutlich erhöhen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.141,20 | −2,04% |
| EUR/USD | 1,2406 | +0,36% |
| Rohöl Brent Crude | 98,23 $ | −3,34% |
| Gold | 1.558,00 $ | 0,00% |
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