19.03.2007 · VON RAINER HERMANN, ABU DHABI
Neue Flugdrehkreuze verändern den Standortwettbewerb.
Wie Perlen liegen die Städte Dubai, Abu Dhabi und Doha nebeneinander am Golf. Mit jedem Jahr des Ölbooms glänzen sie heller. Zuletzt haben alle sechs Staaten des Golfkooperationsrats (GCC) einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verzeichnet: mehr als 230 Milliarden Dollar. Dieser Ölboom ist anders als frühere. Der Ölpreis wird hoch bleiben, und die Golfstaaten geben die Petrodollars nun in erster Linie zur Entwicklung und Diversifizierung ihrer Volkswirtschaften aus. Keine Branche dokumentiert den Strategiewechsel so eindrucksvoll wie die Flugindustrie.
Die Golfstaaten heben ab. Noch addieren sich die Kapazitäten der Flughäfen Dubai, Abu Dhabi und Doha auf bescheidene 38 Millionen Passagiere im Jahr. Der Ausbau hat begonnen, die ersten Erweiterungsbauten sind 2009 fertig. Steht alles, sollen die vier Flughäfen der drei Städte jährlich 240 Millionen Passagiere abwickeln. Die Hälfte davon in Dubais neuem Flughafen Dschebel Ali mit seinen sechs Landebahnen und acht Terminals. Dann benötigt Dubai nicht einmal mehr seinen Stadtflughafen, der auf 75 Millionen Passagiere ausgebaut wird, um sich an die Spitze aller Drehkreuze zu setzen. Das ist nicht alles. Weiter golfaufwärts stellt Kuweit ebenfalls mehrere Milliarden Dollar bereit, um seinen Flughafen von 6 Millionen auf 20 Millionen Passagiere aufzustocken. Saudi-Arabien verdreifacht die Kapazität seines Flughafens in Dschedda auf 30 Millionen Passagiere.
Auch am Golf wachsen die Palmen indes nicht in den Himmel. Zu nahe liegen die drei Städte Dubai, Abu Dhabi und Doha beieinander, als dass sich jede im internationalen Flugverkehr als ein Drehkreuz etablieren könnte. Wer sich durchsetzt, wird zum einen von der Qualität der Flughäfen abhängen. Abu Dhabi ist als Erster bereit, das Management seines neuen Flughafens ganz zu privatisieren. Zum anderen wird entscheidend sein, welche der drei Fluggesellschaften die Nase vorn hat. Wer mehr internationales Geschäft an sich zieht, sichert seinem Heimatflughafen ein höheres Aufkommen.
Aggressiv wachsen daher alle drei Gesellschaften. Der Marktführer Emirates aus Dubai hat bei Airbus allein 45 Riesenjets A380 bestellt und will bis zu 100 weitere Langstreckenflugzeuge ordern. Auch die Neugründungen Etihad aus Abu Dhabi und Qatar Airways aus Doha expandieren, mit reichlich Kapital ausgestattet, rasch. Das Nachsehen hat Etihad. Erst 2003 gegründet, hat sie noch zu wenig lukrative Destinationen in ihrem Flugplan. Die könnte sie sich beschaffen, sollte sie die seit einem halben Jahrhundert bestehende, aber schwächelnde Gulf Air aus Bahrein übernehmen. Für Masse sorgen auch die ersten vier Billigflieger der Region, die spät gegründet wurden.
Die Golfstaaten setzen zum Höhenflug an - und sie ziehen dabei Geschäft aus Europa ab. Eine Studie, die die Lufthansa sowie die Flughäfen Frankfurt und München in Auftrag gegeben haben, kommt zu dem Ergebnis, dass das Wachstum am Golf deutschen Fluggesellschaften von 2005 bis 2012 gut 3,1 Millionen Passagiere wegnimmt und dass nach einer vollständigen Liberalisierung des Flugverkehrs in Deutschland 2000 Arbeitsplätze verlorengehen. Allein die günstigeren Rahmenbedingungen - die meisten Golfstaaten erheben keine Einkommen- und Gewinnsteuern - erklären diese Entwicklung nicht.
Die Entstehung von neuen Flugdrehkreuzen am Golf ist ein Fingerzeig auf die Verschiebung der Gravitationszentren. Wer noch glaubt, dass die Golfstaaten irgendwo am Rande des Weltgeschehens lägen, hat die Dynamik der Globalisierung verschlafen. Die Perlenkette Dubai, Abu Dhabi und Doha ist dabei, sich als ein Mittelpunkt der Welt von morgen zu etablieren. Unter Abu Dhabi liegt ein Zehntel aller Ölreserven. Mehr Gas als Qatar, das nur halb so groß ist wie Hessen, haben nur Russland und Iran. Bevor sein Öl versiegte, hatte Dubai rechtzeitig so viel kritische Masse akkumuliert, dass es sich heute kein internationales Unternehmen mehr leisten kann, sich in einem Raum, in dem von Südafrika bis Zentralasien 3,5 Milliarden Menschen leben, an einem anderen Ort niederzulassen. Erklärtes Ziel von Dubai ist, in den Kreis der Megastädte von Tokio und Singapur, London und New York aufzusteigen.
Einst hatte die Kohle aus dem ländlichen Ruhrgebiet das industrielle Zentrum Europas gemacht. Die Grundlagen für das Prosperieren und Zusammenwachsen der Achse Dubai, Abu Dhabi und Doha sind heute Öl und Gas. Das, die petrochemischen Produkte, Stahl und Aluminium liefern sie überwiegend in die schnell wachsenden Volkswirtschaften Asiens. Auf dem Weg von Europa nach Asien liegt der Golf in der geographischen Mitte. In dieser Mitte liegen unter fünf Ländern zwei Drittel aller Ölvorkommen und 40 Prozent aller Gasreserven.
Bescheiden hatte der Flughafen Dubai als Zwischenstation zum Auftanken interkontinentaler Großflugzeuge angefangen. Dann wurde Dubai eine eigene Destination - für Geschäftsreisende und für Urlauber. Heute ist Dubai einer der führenden Messestandorte. Mehr offizielle deutsche Messebeteiligungen als in Dubai gibt es nur in Moskau und Schanghai. Allen Krisen zum Trotz wächst keine Urlaubsdestination so schnell wie der Nahe Osten. Ständig eröffnen neue Luxusherbergen. Dennoch waren die Hotels in Dubai im vergangenen Jahr zu 83 Prozent ausgelastet. In Abu Dhabi zu 79 Prozent. 50 neue Hotels entstehen in Doha, in allen Golfstaaten sind Hotels für 50 Milliarden Dollar in Planung oder im Bau. Nach Zwischenstation und eigener Destination soll nun der nächste Schritt erfolgen: der zum internationalen Drehkreuz. Nicht alles wird in Erfüllung gehen. Wer schnell wächst, kann sich aber rascher anpassen als jener, der stagniert.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,30 | −1,07% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2446 | −0,34% |
| Rohöl Brent Crude | 105,45 $ | −1,31% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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