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Leitartikel Wirtschaft Die Doppelmoral der Wirtschaftsbürger

Von Jürgen Dunsch

Es ist das Phänomen der historischen Ortskerne: Fast alle möchten sie erhalten wissen, aber nur die wenigsten wollen auch dort wohnen. Eine ähnliche Diskrepanz herrscht im Wirtschaftsleben. Das eigene Verhalten unterscheidet sich völlig von den Forderungen an die Allgemeinheit. Man wünscht sich einen breit aufgestellten Einzelhandel in lebhaften Innenstädten, doch gekauft wird in den Einkaufszentren vor der Stadt oder im Internet. Alle Welt redet vom Nutzen umweltgerecht angebauter Nahrungsmittel, aber der Gang führt zum Discounter, und der Blick richtet sich auf das billigste Angebot. Gefordert wird von den Unternehmen der Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze, bei der individuellen Vermögensanlage indes starren die Anleger auf die erzielbare Rendite. Bekennende Kapitalisten verhalten sich hier nicht anders als SPD-Mitglieder und Gewerkschaftler, wie auch jene Sozialdemokraten wissen, die jetzt lautstark gegen die "Macht des Kapitals" zu Felde ziehen.

Adam Smith hat möglicherweise doch zuviel Staub angesetzt. Er vertrat ja die Auffassung, daß der einzelne in seinem egoistischen wirtschaftlichen Verhalten gleichwohl die allgemeine Wohlfahrt befördere. Hierzulande sind zwei Ebenen entstanden. Der einzelne verhält sich wettbewerbsorientiert, von Staat und Wirtschaft verlangt er jedoch eine umfassende Fürsorge, egal; zu welchen Kosten für die Allgemeinheit.

Man kann es auch so sagen: Der Egoismus ist in Deutschland privatisiert, die hehren Ziele sind sozialisiert worden. Der Staat ist zum umfassenden Daseinsvorsorger geworden, das Mißtrauen gegen Wettbewerb mit Händen zu greifen. Dazu passen Meinungen wie die des früheren Bundesverfassungsrichters Paul Kirchhof, der staatliche Aufgabenerfüllung und wettbewerbliche Elemente im Grundsatz für unvereinbar hält. Die Tradition wiegt schwer, daher springen auch Wirtschaftsunternehmen auf diesen Zug. Sie beuten die Vorbehalte der Deutschen gegen den Wettbewerb für ihre Zwecke aus. Elektrizitäts- und Gaskonzerne bezeichnen sich als "Versorger", als hätten sie nur das Glück ihrer Kunden und nicht mindestens ebenso stark die Absicherung ihrer sowieso schon herausragenden Wettbewerbsposition im Sinn. Die öffentlich-rechtlichen Sparkassen rühmen sich ihrer Leistungen in der "Flächenversorgung" von Flensburg bis zum letzten bayerischen Dorf.

An den wirtschaftlichen Realitäten kommen allerdings auch die Sparkassen nicht vorbei. Auch sie haben in den vergangenen Jahren Tausende von Arbeitsplätzen abgebaut. Dessenungeachtet sehen sie sich in Struktur und Geschäftspolitik als einen unverzichtbaren Träger des Gemeinwohls. Das jüngste Beispiel bietet der Gesetzentwurf zur Privatisierung der Bankgesellschaft Berlin einschließlich der Berliner Sparkasse. "Die Erzielung von Gewinn ist nicht Hauptzweck des Geschäftsbetriebs", heißt es in dem Gesetzentwurf mit Blick auf die Sparkasse. Die Lordsiegelbewahrer des öffentlich-rechtlichen Sektors können jubeln. Anlaß dazu besteht nicht. Für unterdurchschnittliche Renditen in Unternehmen zahlen die Eigentümer (seien es Kommunen und Steuerzahler oder die Aktionäre) und damit auch der "kleine Mann", die Absage an die Wirtschaftlichkeit führt zu Schlendrian und Innovationsverzicht. Eine Abwärtsspirale beginnt, die am Ende genau jene Arbeitsplätze gefährdet, die zu erhalten die Vorstände versprochen hatten.

Die Tatsache, daß nach dem Ende der DDR die Löhne ohne Rücksicht auf die Produktivität möglichst schnell an das Westniveau angeglichen werden sollten, hat die neuen Bundesländer eines ihrer größten Wettbewerbsvorteile beraubt. Heute zeigt sich das ganze Ausmaß dieser wirtschaftspolitischen Fehlentwicklung: Den Wettbewerbsvorteil nutzen fünfzehn Jahre später die EU-Beitrittsstaaten.

Zugegeben, ein Umdenken hat eingesetzt. Jenseits aller Gewerkschaftsrhetorik wissen viele Arbeitnehmer, daß der Wettbewerb zwei Seiten hat. Auf der einen Seite ziehen sie ihren Nutzen aus dem Angebot an Billigflügen nach nah und fern, preisgünstigen Autos aus den neuen EU-Staaten und billigen Spielwaren aus China. Auf der anderen Seite ist ihre eigene Position bedroht. Diese Erkenntnis bleibt nicht ohne Folgen. Zunehmend willigen Arbeitnehmer in betriebliche Bündnisse mit Arbeitszeitverlängerung und Gehaltseinbußen ein. Weder die gegenwärtige Auseinandersetzung im öffentlichen Dienst noch Nachhutgefechte um die 35-Stunden-Woche können diese Entwicklung aufhalten. Dies läßt für Deutschland hoffen.

Die Lage soll nicht schöngeredet werden. Die Heftigkeit der Lohndrift hierzulande schafft Verwerfungen. Die EU-Hilfen für die osteuropäischen Länder, die erfreulicherweise auf den Wettbewerb setzen, sind zu hinterfragen. Menschenunwürdige Praktiken auf dem Arbeitsmarkt müssen entschlossen bekämpft werden. An dem Grundproblem in Deutschland kommt indes kein Kapitalismuskritiker vorbei. Es gibt nicht zuwenig Arbeit. Es gibt zuwenig Arbeitsplätze, die sich rechnen.

Im Zuge der EU-Ost-Erweiterung wird sich dieser Mangel verschärfen. Er schlägt um so stärker durch, je niedriger die Arbeitnehmerqualifikation ist. Dies enthebt Unternehmer und Manager nicht der Pflicht, ihre Mitarbeiter nicht wie Schachfiguren zu behandeln, die man nach Belieben hin und her schieben kann. Aber sie leiten keine karitative Einrichtung, sondern müssen die Freiheit haben, sich dem Wettbewerb zu stellen. Die Wirtschaftsbürger ihrerseits sind aufgerufen, den Wettbewerb nicht nur dann zu akzeptieren, wenn er ihnen selbst gerade nützt.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2005, Nr. 98 / Seite 11

 
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Veröffentlicht: 27.04.2005, 17:26 Uhr

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