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Leitartikel Wirtschaft Chinas Rentenkrise

11.05.2005 ·  Weder an der Taiwan-Frage noch an der Kraft seiner Banken wird sich die Zukunft Chinas entscheiden. Die Schwachstelle des Systems liegt in der Versorgung seiner Alten. Das Land steuert auf eine Krise ungeahnten Ausmaßes zu.

Von Christoph Hein, Singapur
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Weder an der Taiwan-Frage noch an der Überlebenskraft seiner Banken wird sich die Zukunft Chinas entscheiden. Die Schwachstelle des Systems liegt in der Versorgung seiner Alten. Das Reich der Mitte steuert mit hoher Geschwindigkeit auf eine Krise ungeahnten Ausmaßes zu. Denn aufgrund der Einkindpolitik einerseits und des faktischen Endes der Staatsbetriebe mit ihrem Versorgungsmonopol andererseits haben immer mehr Chinesen keine Altersversorgung.

Waren im Jahr 2000 mit 131 Millionen Menschen gut zehn Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre und damit im Rentenalter, werden es 2010 schon 12,5 Prozent sein, 2020 bereits 17 Prozent und 2050 rund 29 Prozent sein, 438 Millionen Menschen. Dabei ist die Lebenserwartung dank der sich stetig bessernden Lebensumstände seit 1960 von 48 Jahren auf 70 Jahre gestiegen.

Vorgehen Pekings kann die Probleme nicht lösen

Die Gefahr findet bislang noch nicht die gebührende politische Beachtung. Denn mit umfangreicher ausländischer Hilfe sind der chinesischen Regierung enorme Fortschritte etwa in der Bekämpfung der Armut gelungen. Bisher schafft sie es auch, den wachsenden Unmut der Bevölkerung durch Wohlstandsversprechen sowie durch das Schüren von Nationalstolz zu kanalisieren. Zudem ist die Regierung in Peking voll und ganz damit beschäftigt, akut aufflackernde Brände zu löschen. Sie kümmert sich um protestierende Bergarbeiter, überschuldete Banken, die Immobilienblase oder die Debatte um den Yuan mit den Folgen einer Aufwertung.

Dieses selektive und ereignisgelenkte Vorgehen Pekings vermag die grundsätzlichen Probleme nicht zu lösen, an denen ja auch die Regierungen westlicher Demokratien verzweifeln. Allerdings ist die Ausgangslage Chinas eine deutlich schlechtere. Denn dort erwächst die Rentenproblematik aus einem ganzen Strauß wirtschafts- und sozialpolitischer Fehlentwicklungen, die abzustellen eine Herkulesleistung erforderte. Zu der ausgesprochen ungünstigen demographischen Entwicklung und dem schwierigen Wandel zu einer Marktwirtschaft bei Erhalt des politischen Ein-Parteien-Systems kommen die unter- und fehlentwickelten Finanzmärkte.

Alte und Kranke bleiben in den Dörfern zurück

Die traditionellen Versorgungsmechanismen des Landes sind am Ende: Der familiäre Verbund, der die Alten versorgt hat, ist zerbrochen. Immer mehr Chinesen leben in einer Kleinfamilie oder strömen in die Metropolen der Ostküste, um Geld zu verdienen. Alte und Kranke bleiben in den Dörfern zurück. Die Staatsunternehmen des Landes, die bislang für große Teile der Absicherung im Alter einstanden, können dies nicht mehr. Sie unterliegen einem tiefgreifenden Umstrukturierungsprozeß, viele von ihnen werden aufgrund der Marktöffnung für ausländische Konzerne verschwinden. Gerade die heute 30 bis 40 Jahre alten Arbeitnehmer haben daher von ihren öffentlichen Arbeitgebern wenig zu erwarten, wenn sie in Rente gehen.

Zugleich haben ebendiese Arbeitnehmer überwiegend keine Möglichkeit, sich ihr Auskommen im Alter über eigene Vorsorge zu sichern: Zwar liegt die Sparquote mit gut 40 Prozent hoch, doch frißt die Inflation angesichts einer Verzinsung von höchstens 2,5 Prozent die Ersparnisse auf. An der Börse haben sich vor allem Kleinsparer die Finger verbrannt. So bleiben ihnen nur zwei Wege: das Transferieren von Schwarzgeld über die Grenzen und das Investieren in Immobilien.

Proteste gegen die Regierung zu erwarten ist keine Schwarzmalerei

Der Schwarzgeldtransfer freut die ausländischen Vermögensverwalter in Hongkong und Singapur, die die Eintrittshürden für Festlandchinesen deutlich gesenkt haben. Die starke Nachfrage nach Immobilien aber führt zu einer Spekulationsblase, deren zu erwartendes Platzen größte soziale Risiken birgt.

Wie wird ein Bankensystem, das schon heute zur Rekapitalisierung rund 600 Milliarden Dollar brauchte, aussehen, wenn die Fülle der Hypotheken nicht mehr bedient werden kann? Wird es der junge chinesische Mittelstand akzeptieren, wenn seine (Alterssicherungs-)Werte schmelzen wie Butter in der Sonne? In diesem Fall Proteste gegen die Regierung zu erwarten ist keine Schwarzmalerei.

Was also bleibt zu tun?

Anfang dieser Woche hat die chinesische Regierung in einem ersten kleinen Schritt mit dem Abbau des staatlichen Aktienbesitzes begonnen. Daraufhin ist der Aktienmarkt auf seinen tiefsten Stand seit sechs Jahren eingebrochen. Eine Alternative aber gibt es nicht: Die staatlichen Unternehmen müssen dem Wettbewerb ausgesetzt werden. Die Regierung muß den Anlegern Chancen eröffnen, etwas für die eigene Altersabsicherung zu tun. Und sie braucht den Erlös des Paketes - rund 250 Milliarden Dollar -, um ein soziales Netz zu knüpfen.

Luft wird aus dem Markt in China entweichen

Ein Pensionsfonds mit bislang umgerechnet 30 Milliarden Euro, den die Regierung für die Schwächsten aufgelegt hat, muß deutlich aufgestockt werden. Das junge Gewerbe der Lebensversicherungen muß größere Freiheiten erhalten. Daß die britische Bank HSBC am Montag ihren Anteil bei Ping An, dem zweitgrößten chinesischen Versicherer, für eine knappe Milliarde Euro aufgestockt hat, weist den Weg. Grundlage aller Bemühungen muß der Aufbau eines Finanzmarktes werden, der es erlaubt, Renditen zu erwirtschaften, die die Inflationsrate schlagen. Zugleich müssen die Unternehmen endlich Grundregeln der Corporate Governance berücksichtigen, um so aus Wetten auf Aktien fundierte Anlageentscheidungen zu machen.

All dies wird die Luft aus dem Markt in China lassen und schmerzlich für die chinesischen Kleinanleger sein. Zudem dauert ein solcher Prozeß auch bei größter Anstrengung voraussichtlich mindestens fünf Jahre. Fraglich aber ist, ob diese großen, koordinierten Anstrengungen überhaupt geplant sind. Oder ob sich Peking, geblendet von Machbarkeitswahn und scheinbarem Erfolg der eigenen Wirtschaftspolitik, hofiert vom Ausland, mit einer Fülle singulärer Eingriffe begnügt. Tut es dies, dürfte es in wenigen Jahren ein böses Erwachen geben.

Quelle: F.A.Z., 11.05.2005, Nr. 108 / Seite 11
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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