04.09.2005 · Von Marcus Theurer
So schnell hat sich selten eine große Koalition der Heuchler und Opportunisten gefunden wie in der vergangenen Woche. Binnen Tagen formierte sich eine Abwehrfront, die angeblich nur ein Ziel eint: Fernsehübertragungen von Fußballspielen dürfen nicht im Bezahlkanal Premiere verschwinden, sondern müssen auch bei frei empfangbaren Sendern zu sehen sein. Dafür macht sich ein wahlkämpfender SPD-Innenminister Otto Schily ("Fußball muß im Free-TV bleiben") genauso stark wie Fußballmanager Uli Hoeneß ("Das wird der FC Bayern niemals akzeptieren"). Und der ARD-Intendant Fritz Pleitgen proklamiert gar ein Grundrecht auf Bundesliga. Das Bundesverfassungsgericht habe durch seine Rechtsprechung dem Bezahlfernsehfußball einen Riegel vorgeschoben, behauptet Hobby-Verfassungsrechtler Pleitgen. Brot und Fußballspiele für das Volk.
Warum eigentlich die ganze Aufregung? Geschehen ist folgendes: Der Bezahlsender Premiere hat wie andere Kanäle auch ein Angebot für die Übertragungsrechte an der Fußball-Champions-League abgegeben und vom Europäischen Fußball-Verband Uefa alle Rechte erhalten. Aus dem einfachen Grund, weil er am meisten Geld geboten hat. Und weil Premiere von Abonnementsgebühren lebt, wird es deshalb die zugkräftigsten Spiele, also diejenigen mit deutscher Beteiligung, wohl überwiegend nur gegen Bezahlung geben.
Jetzt befürchten angeblich alle, daß es mit der Fußball-Bundesliga genauso laufen wird. Auch deren Fernsehrechte für die nächsten Spielzeiten will die Deutsche Fußball Liga (DFL) in den kommenden Monaten zu Geld machen. Bisher sorgt die "Sportschau" der ARD samstags schon eine Stunde nach dem Schlußpfiff für frei empfangbare, ausführliche Spielzusammenfassungen. Und ginge es nach ARD-Intendant Pleitgen, gäbe es vermutlich demnächst einen Grundgesetz-Artikel, daß die "Sportschau" nicht nach 18.15 Uhr beginnen darf.
Unbegründet sind Erwartungen freilich nicht, daß sich auch im deutschen Sportprogramm bald einiges ändern wird. In anderen europäischen Ländern wie zum Beispiel Frankreich oder Österreich gibt es schon heute frei empfangbare Spielberichte aus den Fußball-Ligen erst deutlich später zu sehen, als dies bisher in Deutschland der Fall ist.
Dennoch führen Hoeneß und Konsorten eine Geisterdebatte, wenn sie sich darüber beklagen, daß Premiere den Fans die Bundesliga vorenthalten wolle. Im Grunde macht Hoeneß seinem besten Kunden, dem Premiere-Chef Georg Kofler, den Vorwurf, daß dieser ihm zuviel Geld für sein Produkt biete. Wohl dem, der solche Probleme hat.
Die Fernsehrechte an der Bundesliga gehören den Vereinen, und wenn sie nicht wollen, daß diese ganz oder auch nur stärker als bisher ins Bezahlfernsehen abwandern, dann können sie dies einfach verhindern: Sie verkaufen die Rechte nicht an Premiere, sondern an andere Sender. Die Fußballvereine werden dann im Interesse des breiten Publikums ohne Fernseh-Abonnement auf Einnahmen verzichten müssen. Der Bezahlkanal, schon heute wichtigster Finanzier des deutschen Profifußballs, kann nun einmal mit seinen Abonnementsgeldern mehr bieten als etwa werbefinanzierte Privatsender wie RTL oder Sat.1. Und Premiere wird um so mehr Geld offerieren, je mehr Zeit nach dem Abpfiff verstreicht, in der es nirgendwo sonst Spielberichte zu sehen gibt. Denn je größer der Zeitvorsprung ist, den zahlende Kunden haben, um so eher dürften Fußballfans bereit sein, den Geldbeutel zu zücken.
Wer eine solche Monopolisierung von Fernseh-Fußball betreibe, sei ein Erpresser, sagte vergangene Woche Karl-Heinz Rummenigge, ebenfalls Manager beim FC Bayern. Das ist zwar eine kühne Behauptung, schließlich ist Fußball Unterhaltungsprogramm und kein lebensnotwendiges Medikament. Doch unabhängig davon wäre der eigentliche Erpresser nicht der Mautstation-Betreiber Premiere, sondern die Klubs, die ihm durch den Verkauf der Mautrechte erst die Möglichkeit dazu geben und in deren Taschen ein Großteil der Mehreinnahmen fließt.
Natürlich wissen dies alles auch Hoeneß und andere Vereinsmanager, aber eingestehen will es dennoch niemand. Die Heuchelei der Vereine ist so offensichtlich wie dreist. Speziell der FCBayern hat kein Problem damit, einerseits darüber zu klagen, ein Bezahlfernsehmonopol mache den Fußball kaputt, und sich zugleich darüber zu beschweren, daß die Fernsehrechte für die Bundesliga viel zu billig verkauft würden. Wohl wissend, daß es mehr Geld nur mit mehr Bezahlfernsehen gibt.
Klammheimlich weichen auch die deutschen Vereine Regeln auf, die beim Geldverdienen stören. Im sogenannten Grundlagenvertrag, den die DFL und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) miteinander geschlossen haben, gibt es eine Passage zu Fernsehübertragungen: Die lautete bis vor kurzem, es müsse "zeitnahe" Spielberichte im frei empfangbaren Fernsehen geben. In der nun verabschiedeten neuen Fassung soll der Bundesliga-Fußball im freien Fernsehen nur noch "möglichst zeitnah" stattfinden. Warum nur mögen die Volkstribune des FC Bayern dem wohl zugestimmt haben?
Das Lavieren der Bundesliga zwischen Volkstümlichkeit und Gewinnmaximierung wird glücklicherweise ein natürliches Ende finden. Im Fall der Champions League konnten die deutschen Klubs den Schwarzen Peter noch der Uefa zuschieben, die angeblich hinter ihrem Rücken Premiere die Exklusivrechte zugeschanzt haben soll. Doch in den kommenden Monaten müssen die Vereine Farbe bekennen und entscheiden, wer den Zuschlag für welche Bundesliga-Fernsehrechte bekommt. Und die Liga wird den Fans nicht weismachen können, daß irgend jemand anders als sie selbst darüber entscheidet, wieviel Fußball es mit und wieviel es ohne Premiere-Abonnement zu sehen gibt.
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