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Kommentar zum Nordkorea-Gipfel : Eine Chance für 25 Millionen Nordkoreaner

Bunte Bänder mit Wünschen für die Wiedervereinigung Koreas hängen an einem Zaun an der Grenze zu Nordkorea. Bild: Picture-Alliance

Aus der deutschen Wiedervereinigung lassen sich Lehren ziehen für das geteilte Land. Eine wirtschaftliche Öffnung birgt Risiken für Kim – und immense Chancen für Nordkoreas Bevölkerung.

          Schnellboote, Hochhäuser, Baukräne über Pjöngjang. Volle Supermarktregale, Computertomographen, Autofabriken. Hochgeschwindigkeitszüge, Staudämme, Hotelbauten am Meer: Das sind die Insignien des Wohlstands, die der amerikanische Präsident Donald Trump dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un bei dem historischen Treffen in Singapur auf einem iPad in einem Video vorführte.

          Die Mühe des auftrumpfenden Werbefilmchens hätte Trump sich gar nicht zu machen brauchen. Kim, der sich auch in Singapur in einer langgestreckten Mercedes-Limousine chauffieren ließ, kennt die Segnungen des Wohlstands. Trump hätte den Nordkoreaner auch einfach auf Ostdeutschland verweisen können, um die Segnungen und Anreize einer wirtschaftlichen Öffnung nach außen in einer funktionierenden Marktwirtschaft zu verdeutlichen.

          Tatsächlich weiß niemand außerhalb Deutschlands so gut Bescheid über die deutsche Einheit und ihre Vorgeschichte wie die Koreaner. Die Deutschen beendeten mit der Vereinigung das ungewollte Sozialexperiment zweier Landesteile, die den Systemwettbewerb von sozialistischer Planwirtschaft und kapitalistischer Marktwirtschaft lebten. Korea aber, das unglückliche Überbleibsel des Kalten Kriegs, ist immer noch getrennt.

          Was würde der wirtschaftliche Aufbau kosten?

          Die militärische Demarkationslinie, die das Land ungefähr in Höhe des 38. nördlichen Breitengrades trennt, ist nicht weniger erschreckend, als es die Mauer in Berlin und die innerdeutschen Sperranlagen einschließlich des Schussbefehls waren. Trotz des an Details kargen Ergebnisses eröffnet das Treffen von Trump und Kim zumindest eine langfristige Chance, dass auch Korea den wirtschaftlichen Systemwettbewerb ad acta legt und Nordkorea sich auch formal für die Marktwirtschaft öffnet.

          Die Parallele zur deutschen Vereinigung betont zugleich die großen Unterschiede zwischen Korea heute und Deutschland vor dem Einheitsjahr 1990. Die koreanischen Staaten sind in der Bevölkerungsgröße näher als West- und Ostdeutschland, aber in der Wirtschaftskraft weit mehr entfernt. Kamen 1990 auf je vier Westdeutsche ein Ostdeutscher, lautet das Verhältnis Süd- zu Nordkorea nur 2:1.

          Zugleich aber klafft das Einkommensniveau weit auseinander. Vor der Einheit verdienten die Ostdeutschen im Durchschnitt vielleicht 40 Prozent des westdeutschen Niveaus. In Nordkorea sind es im Vergleich zu Südkorea geschätzt weniger als 5 Prozent. Die Steuer-Kosten der deutschen Einheit werden bislang mit mehr als 2 Billionen Euro angesetzt. Für den wirtschaftlichen Aufbau Nordkoreas könnte sich die langfristige Rechnung auf ein Vielfaches belaufen.

          Staatskapitalismus nach chinesischem Vorbild

          Die gewaltigen Summen verdeutlichen die großen wirtschaftlichen Chancen, die sich für potentielle Investoren, aber mehr noch für die Nordkoreaner selbst ergeben. Woher könnte das Geld für den Aufbau kommen? China könnte wie schon jetzt in Sonderwirtschaftszonen einspringen. Zu großen chinesischen Investitionen aber dürfte das in ganz Korea verbreitete Misstrauen Grenzen setzen, in die Abhängigkeit des großen Nachbars zu geraten.

          Japan hätte genügend Sparkapital zur Verfügung, schließt sich als Investitionspartner aber so lange aus, solange es die historischen Differenzen über Besatzungsunrecht mit Nordkorea nicht beilegt. Einem Investitionsbündnis steht auch im Wege, dass Tokio zuerst Aufklärung über die von Korea vor Jahrzehnten Entführten verlangt. Südkoreanisches Kapital ist im Norden willkommen, doch ist das Angebot begrenzt. Nach dem Ausschlussprinzip bieten sich so viele Chancen für privates amerikanisches Kapital. Ob die Europäer zum Zuge kämen, ist unklar, weil sie unter strengster Beachtung der Sanktionen in der derzeitigen Entspannung außen vor bleiben.

          Wie bei der deutschen Einheit wäre der größte Gewinn einer Öffnung Koreas indes nicht der Profit der Investoren, sondern die Befreiung von 25 Millionen Nordkoreanern, die von der Kim-Dynastie in politischer und weitgehend auch wirtschaftlicher Unfreiheit gehalten werden. Eine solche Liberalisierung aber gefährdet die Herrschaft Kims. Viele vermuten deshalb, dass Kim eine schrittweise und kontrollierte wirtschaftliche Entwicklung über neue Sonderwirtschaftszonen anstrebe, um die Macht in der Hand zu behalten. Damit verbindet sich die Vorstellung, Nordkorea werde sich, dem chinesischen Beispiel folgend, zu einer Art Staatskapitalismus entwickeln, in dem den Menschen die politischen Freiheiten versagt blieben.

          Hier greift aber wieder die deutsche Parallele. Im Unterschied zu China hat Nordkorea immer den großen und reichen Bruder Südkorea an der Seite, der ohne Sprachbarriere Anziehungskraft auf Nordkoreaner ausübt. Das begrenzt Kims Spielraum einer nur begrenzten wirtschaftlichen Öffnung ohne Aufgabe der politischen Kontrolle. Auch die Südkoreaner dürfen sich nicht zu sicher sein, dass die Grenze nach Norden geschlossen bleibt und der Norden erst wirtschaftlich aufgepäppelt werden kann, bevor es in ferner Zukunft zu einer Vereinigung käme.

          Auch das ist eine Lehre der deutschen Einheit, dass Stufenpläne nicht funktionieren und jederzeit davongespült werden können. Das ist das Risiko für Kim, sich mit Märkten einzulassen, und die Chance für 25 Millionen Nordkoreaner auf Freiheit.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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