22.07.2007 · Der Doping-Skandal verrät die Wahrheit über unsere verkommene Leistungsgesellschaft. Das sagen die Kulturpessimisten und machen auf Antikapitalismus. Wahr ist das Gegenteil: Die Radler leugnen, dass der Wettbewerb Regeln braucht.
Von Rainer HankAm Horn von Afrika - im Jemen, in Somalia, in Äthiopien - wird seit Jahrhunderten Qat gekaut, ein pflanzlicher Stoff, der je nach Konsument leichte bis mittlere Rauschzustände hervorruft. Die Empfindungen sind höchst unterschiedlich: Sie reichen von Euphorie und starkem Rededrang bis zu Hyperaktivität, unverhoffter Leistungssteigerung und dem Gefühl völligen Losgelöstseins. Die Menschen dopen sich und finden daran nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Im Parlament von Sanaa gibt es einen eigenen Qat-Raum, in dem sich sogar die Volksvertreter aufputschen.
Europa hat zu euphorisierenden und leistungssteigernden Drogen ein zwiespältiges Verhältnis. Kaffee war lange Zeit verpönt („Du böses Kind, du loses Mädchen, ... Tu mir den Coffee weg“, swingt es in Johann Sebastian Bachs Kaffeekantate), bis das Getränk den Frühstückstisch der bürgerlichen Familie eroberte. Zigaretten dagegen galten über viele Jahrzehnte als gesellschafts- und fernsehtauglich, bis sie plötzlich („Rauchen ist tödlich“) von der Bildfläche verschwanden. Und Alkohol wird seit über 2000 Jahren mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen in kleineren oder größeren Mengen konsumiert.
„Moderatoren stimulieren sich vorher mit Alkohol“
Nur die historisch Kurzsichtigen können zu der Auffassung gelangen, Doping sei ein Phänomen unserer Tage und spiegele die Perversion überhitzter Leistungsgesellschaften. Doch Kurzsichtigkeit ist derzeit eine weitverbreitete Krankheit. „So treibt sich eine Leistungsgesellschaft mit leistungssteigernden Mitteln zu noch mehr Leistung“, lamentieren die Kulturpessimisten, um umso drastischer den Verfall aller guten Sitten zu beschreiben: „Orchestermusiker schlucken vor Konzerten Tranquilizer. Wer eine neue Stelle will, stellt sich für das Bewerbungsgespräch ruhig. Und Moderatoren stimulieren sich mit Alkohol vor der Sendung.“ Der eine braucht Prozac, der andere Viagra. Ein jeder nach seiner Façon. Soll heißen: Die ganze Gesellschaft ist gedopt.
Die Tour de France verrate die Wahrheit über unsere verkommene Lebenswelt, verkünden die Kulturkritiker. In jedem neuen Patrik Sinkewitz entdecken wir uns selbst. Kein Wunder, dass jetzt wieder süffige Geschichten über Burnout Konjunktur haben. Gierige Investmentbanker, die den Hals nicht voll kriegen können, basteln tagsüber an Fusionen und Massenentlassungen, koksen nachts so lange, bis sie umfallen, und sind nach Monaten des wirtschaftlichen Booms inzwischen zwar steinreich, aber völlig ausgebrannt. Was folgt, sind Schwindel, Depressionen und der fünfte Hörsturz.
Der Antikapitalismus war schon einmal besser
Der Schuldige ist rasch gefunden: Es ist, wen wundert es, der kalte Kapitalismus, der inzwischen jedes Maß verloren habe. Der Wettbewerb entfesselter Leistungsgesellschaften braucht sein Epo. „Schneller, weiter, höher“, der ehrgeizige Ruf aller Sport- und Marktplätze, geht aus eigener Leistung offenbar nicht mehr. Der Ehrliche ist der Dumme. Und wer dopt, bescheißt oder lügt, obsiegt. Korruption bei Siemens, Lustreisen bei VW und Testosteron in den Bergen der Pyrenäen - im Grunde sei alles eins, behauptet die neue antikapitalistische Analyse.
Ist die versaute Tour tatsächlich die Infragestellung des wirtschaftlichen Leistungsprinzips? Auch der Antikapitalismus war schon einmal besser. Am Doping sollte er sich lieber nicht abarbeiten. Aufputschereien begleiten Sport und Spiel seit der Antike. Damals lag Diogenes noch müßiggängig in seiner Tonne („Geh mir aus der Sonne“), und weder Kapitalismus noch Leistungsgesellschaft waren am Horizont zu sehen. Philostratus und Galerius, zwei griechische Schriftsteller des dritten Jahrhunderts vor Christus, berichten von einer großen Zahl kleiner Jupiterstatuen in den antiken Sportarenen, mit denen die Athleten nach den Olympischen Spielen die Götter zu beschwichtigen suchten, weil sie die Spielregeln übertreten und mit unlauteren Mitteln und allfälligen Manipulationen ihre Körper gedopt hatten. Die Götter kommen zur Beruhigung des schlechten Gewissens gerade recht. Umso befreiter lässt es sich das nächste Mal wieder von vorne anfangen und abermals sündigen.
Die menschliche Natur braucht Schiedsrichter
Niemand hat gesagt, Sport sei ein Streichelzoo. Auch von der Wirtschaft werden so etwas nur Romantiker behaupten. Deshalb braucht der Wettbewerb Spielregeln, die dafür sorgen, dass es fair zugeht. Doch seit es Regeln gibt, eröffnet sich auch die verführerische Möglichkeit, diese zu übertreten oder zu missachten. Hochstapler und Betrüger, Lügner und Kriminelle tummeln sich in Sport, Wirtschaft und Gesellschaft. Firmen bauen Monopole und hauen die Verbraucher übers Ohr. Zulieferer schmieren ihre Kunden, Vorstände bestechen Betriebsräte. Und Ärzte und Radfahrer schmieden Doping-Kartelle und gaukeln den Sportfreunden augenzwinkernd eine ehrliche Leistung ihrer scheinbar naturbelassenen Körper vor. All das verursacht für die Allgemeinheit hohe Kosten, mindert die Wohlfahrt und macht die Menschen unglücklich.
Weil die menschliche Natur schwach und die Anreize, zu betrügen, verführerisch sind, braucht es Schiedsrichter. Sie wachen über die Einhaltung der Regeln. Jedermann muss Sanktionen gewärtigen, wenn er sich außerhalb des Spiels stellt. Der Schiedsrichter wird akzeptiert. Denn Fairness ist ein moralisches Gebot, das ziemlich viele Menschen teilen. Und viele sind auch bereit, das nötige Vertrauen aufzubringen in die Hoffnung, dass auch die anderen Spieler sich fair verhalten werden. Gute Spielregeln machen betrügerische Absichten unschädlich.
Eine Negativliste als Anreiz für neue Dopingmittel
„Wettbewerb ist ein Regime, unter dem böse Menschen das geringste Unheil anrichten können“, schrieb der Ökonom Friedrich August von Hayek. Weil im Wettbewerb die Regeln zu respektieren sind, muss der Fußballer Zinedine Zidane die Konsequenzen tragen, wenn er seinem Gegner den Kopf in den Bauch rammt. Bill Gates muss sich einem Kartellverfahren stellen, wenn der Verdacht sich erhärtet, sein Internet Explorer unterdrücke die Wettbewerber. Und China wird von der WTO bestraft, wenn es dauerhaft die Eigentumsrechte fremder Investoren missachtet.
Der Profiradsport hat sich vom Fairnessprinzip des Wettbewerbs verabschiedet. Dort waren die Schiedsrichter über lange Jahre schwach, das Publikum drückte mit der Verlogenheit der Doppelmoral die Augen zu, und die Radler logen ihren Fans ins Gesicht und sich selbst in die Tasche, weil die Grenzen zwischen erlaubt und geächtet in Fluss gerieten. Eine Negativliste verbotener Drogen wurde Anreiz für die Industrie, immer neue Mittel zu erfinden, denen die Schiedsrichter der Sportaufsichtsbehörden nachrannten wie der Hase dem Igel. Wo die Angst vor Sanktionen schwindet, bricht das Spiel zusammen. Der Hochleistungsradsport spiegelt nicht das Bauprinzip der kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Im Gegenteil: Hier zeigt sich, was passiert, wenn die Regeln des Wettbewerbs außer Kraft gesetzt werden.
Vertrauen und Fairness zahlen sich nicht mehr aus
„In der Welt, in der wir leben, herrscht kein Unrechtsbewusstsein“, sagt der Radler Jörg Jaksche, von dem die bislang besten O-Töne für die ökonomische Doping-Forschung stammen. „Es gab dann die Möglichkeit, Syntacthen zu nehmen und Sachen, die so halb legal sind, weil sie nicht auf der Doping-Liste standen. Aber der Zweck war der gleiche: Doping.“ Wenn das Erlebnis des Höhenlagers in Mexiko leistungssteigernde Effekte erlaubt, die Einnahme von Epo gleiche Wirkung zeigt, aber verboten ist, dann lässt sich diese Paradoxie trefflich zur Legitimation medizinischer Aufputschmittel verwerten. Als Jaksche einmal anders handelt, merkt er rasch: „Ich bin der Depp.“ Solche Erfahrungen nennen Spieltheoretiker ein Gefangenendilemma. Es ist für alle Akteure vernünftig, sich an den unlauteren Machenschaften zu beteiligen. Vertrauen und Fairness zahlen sich dann nicht mehr aus. Kooperation mit den Mitspielern pervertiert zum gemeinschaftlichen Betrug.
Niemand muss die zynische Regelmissachtung des Spitzensports hinnehmen. Moralismus hilft allerdings wenig. Und Antikapitalismus schießt am Ziel vorbei. Statt die Ökonomie zu beschimpfen, sollte man sie befragen. Die „Ökonomie des Dopings“ hat ein paar kluge Ideen entwickelt, denen künftig mehr Gehör geschenkt werden könnte. So regt der Baseler Wirtschaftstheoretiker Aleksander Berentsen an, die gedopten Sieger besonders hart zu bestrafen und für immer aus dem Spiel zu bannen, die gedopten Verlierer aber laufenzulassen. Mit solchen am Ranking orientierten Sanktionsregeln wäre es nur noch für Verlierer ungefährlich zu dopen. Für Gewinner indes wäre das Risiko tödlich. Aber wer will schon gerne zu den Verlierern gehören?
Doping freizugeben scheint jetzt weniger absurd
Radikaler noch geht der Berliner Ökonom Gert Wagner vor. Er plädiert dafür, das Doping völlig freizugeben. Aber nicht einfach so. „Alle Spitzensportler müssten ein Medikamententagebuch führen“, fordert Wagner. Das stellt Transparenz her und entkriminalisiert die Radler. Wer spritzt, was er nicht angibt, wird verbannt. Dadurch würde die heimliche Entwicklung neuer Doping-Verfahren riskant. Wenn ohnehin alle dopen und alle wissen, wie sie dopen, dann geht es auf den Straßen ja wieder fair zu, weil jeder sich darauf einstellen kann. Die Gesundheitsschäden der Sportler sind Privatsache und der Verweis darauf heuchlerisch, da jedermann weiß, dass Hochleistungssport auch ohne Doping die Gesundheit ruiniert.
Angesichts der empörten Reaktion der Fernsehzuschauer auf die Abschalteentscheidung der öffentlich-rechtlichen Sender erscheint der Vorschlag, Doping freizugeben, weniger absurd, als er auf den ersten Blick klingt. Die Kunden an den Straßen und an den Bildschirmen stempeln die Gedopten nicht zu Parias. Ihr Voyeurismus übertrifft offenbar ihre Abscheu. Zum Schluss bleibt nur ein einziger gravierender Einwand: Eine legal gedopte Radlertruppe ist kein gutes Vorbild für die nachwachsende Generation.
Das Fairneßprinzip in der Wirtschaft
Paul Schächterle (paulimausi)
- 22.07.2007, 18:05 Uhr
Guter Artikel!!!
Jörg Lammers (quanah)
- 22.07.2007, 18:40 Uhr
Doping-Regeln gescheitert
Stefan Sedlaczek (sedlaczek1)
- 22.07.2007, 19:10 Uhr
Die Zuschauer
Sebastian Rennwanz (Sebastian80)
- 23.07.2007, 00:56 Uhr
Nun lasst die Leute doch schimpfen
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 23.07.2007, 03:24 Uhr
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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