Home
http://www.faz.net/-gqe-74ywg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Lehren aus der Lehman-Pleite Ein Plan zur Abwicklung von Großbanken in der Krise

Vier Jahre nach der Lehman-Pleite haben britische und amerikanische Aufsichtsbehörden nun ein Konzept vorgelegt, wie künftig der unkontrollierte Kollaps einer internationalen Großbank verhindert werden kann, ohne dass der Steuerzahler dafür zur Kasse gebeten wird.

© Reuters So können Großbanken enden: Zwei Mitarbeiter des Auktionshauses Christie’s mit dem Lehman-Schriftzug ein Jahr nach der Pleite.

Die britischen und amerikanischen Aufsichtsbehörden haben vier Jahre nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers ein gemeinsames Konzept vorgestellt, wie künftig der unkontrollierte Kollaps einer internationalen Großbank verhindert werden kann. Die Strategie beinhaltet unter anderem, dass die gesunden Geschäftsteile der Bank weitergeführt werden können und schwache Teile einer Bank zerschlagen, verkauft oder abgewickelt werden können, ohne dass die Steuerzahler letztlich haften. Im Euroraum soll ein ähnliches Konzept in der geplanten Bankenunion entwickelt werden.

Norbert Kuls Folgen:

„Die Finanzkrise hat die Bedeutung eines ordentlichen Abwicklungsprozesses für global tätige und für das Finanzsystem wichtige Finanzinstitutionen klargemacht“, heißt es in einem Bericht der amerikanischen Einlagensicherungsbehörde FDIC, die als Bankenaufsicht fungiert, und der Bank von England, der britischen Notenbank.

Im September 2008 hatte die Investmentbank Lehman Insolvenz beantragt, da sie nicht, wie an den Finanzmärkten erwartet, vom amerikanischen Staat gerettet worden war. Dies hatte zu einer Schockstarre an den Geldmärkten geführt und viele Banken in Schwierigkeiten gebracht. Dies wiederum löste die schwerste Bankenkrise seit dem Zweiten Weltkrieg aus – mit gewaltigen Folgen für die Steuerzahler, auf deren Kosten zahlreiche Institute gerettet wurden.

BGH verwirft Schadenersatzklagen von Lehman-Anlegern © dapd Vergrößern Die Zentrale der Investmentbank Lehman Brothers, aufgenommen am 15. September 2008, dem Tag an dem Lehman Brothers einen Insolvenzantrag ankündigte, in New York.

Die Bank von England und die FDIC haben nun eine Strategie entwickelt, wie Großbanken im Notfall aufgefangen werden können, ohne dass der Steuerzahler dafür zur Kasse gebeten wird. Mit dem Konzept soll einer erzwungenen Rettung durch den Steuerzahler vorgebeugt werden, der bisher einspringen muss, wenn der Kollaps einer Großbank, die „too big to fail“ ist (zu groß zum Scheitern), das gesamte Finanzsystem gefährden würde.

Geplant ist, dass im Notfall eine – und nur eine – Aufsichtsbehörde die Federführung in der grenzüberschreitenden Zerschlagung der Bank übernimmt. Der amerikanischen Behörde gibt das Mitte 2010 verabschiedete Finanzmarktreformgesetz (Dodd-Frank Act) ausreichende Machtbefugnisse dafür. Die britischen Behörden haben diese Befugnisse, seit das Bankengesetz von 2009 in Kraft getreten ist.

Mehr zum Thema

Entscheidend ist, dass die systemrelevanten Großbanken künftig so viel Eigenkapital und in Eigenkapital zu wandelndes Anleihekapital haben müssen, dass im Notfall die Aktionäre und ein Teil der Gläubiger die Verluste der Bank auffangen können. Dann soll das gesunde Geschäft weiterbetrieben und an eine andere Privatinstitution übertragen werden. Der Konzern soll so mit Kapital ausgestattet sein, dass er ohne Steuergeld vor einer Insolvenz bewahrt werden kann. Dies würde die negativen Auswirkungen auf das Bankensystem minimieren. Die ausländischen Sparten sollen abgeschottet und wie die gesunden Geschäftsteile im Inland weitergeführt werden. Der schlechte Teil der Bank dagegen soll verkleinert, abgewickelt, zerschlagen oder verkauft werden. Der gemeinsame Plan der Briten und Amerikaner sieht zudem vor, dass die für das Desaster verantwortliche Geschäftsführung ausgetauscht wird.

Mit der neuen Strategie könnten die Zuständigkeiten einer solchen Notoperation geregelt und der Steuerzahler entlastet werden. Zur Zeit des Zusammenbruchs von Lehman Brothers gab es keine Notfallstrategie für den Umgang mit angeschlagenen nationalen, geschweige denn internationalen Banken. Es gab auch keinen Notfallplan mit formalen Zuständigkeiten für Entscheidungen mit enormer Tragweite. In Großbritannien war es darüber zu Streitigkeiten zwischen der Bank von England, der Finanzaufsicht und dem Schatzamt gekommen. In den Vereinigten Staaten wurden in Nachtsitzungen Banken vom Staat aufgefangen, ohne dass ein strategischer Notplan bereitgestanden hätte.

Beide Finanzzentren, die Londoner City und die Wall Street, sind besonders vom Problem der „systemrelevanten Banken“ betroffen. Die britische Aufsichtsbehörde FSA pocht seit 2007 darauf, dass sich neue Banken in der Londoner City als rechtlich eigenständige Niederlassungen anmelden, der britischen Bankaufsicht unterliegen und die britischen Eigenkapitalanforderungen erfüllen müssen.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mayers Weltwirtschaft Der China-Crash

China macht die Finanzmärkte nervös. Aber zu sehr zu ängstigen brauchen wir uns nicht: Der Weltwirtschaft droht keine Rezession. Mehr

29.08.2015, 16:50 Uhr | Wirtschaft
Nach dem Referendum EZB verlängert Notfall-Hilfen an griechische Banken

Die Europäische Zentralbank EZB hält auch nach dem Nein der Griechen zu den jüngsten Rettungsangeboten der Gläubiger die Notfall-Hilfen an griechische Banken aufrecht. Der EZB-Rat beließ allerdings die Obergrenze für die sogenannten ELA-Notkredite auf dem Niveau vom 26. Juni. Mehr

07.07.2015, 10:25 Uhr | Wirtschaft
Finanzskandale Banken zahlen 260 Milliarden Dollar Strafe

Finanzkrise, Zinsmanipulationen, Steuerhinterziehung: Banken zahlen kräftig für ihre Skandale. Eine neue Studie zeigt: Das ist noch nicht das Ende. Mehr

24.08.2015, 15:50 Uhr | Wirtschaft
Griechenland Wie geht es nach dem Referendum weiter?

Griechenlands Wirtschaft liegt am Boden. Immer mehr Unternehmen kämpfen gegen die Pleite, sie müssen ohne funktionierende Banken auskommen. Was erwarten die griechischen Unternehmen und Bürger wie es nach dem Referendum weitergeht. Sind sie mit dem Ergebnis zufrieden? Mehr

08.07.2015, 10:52 Uhr | Wirtschaft
Dax unter 10.000 Die Angst ist zurück

Der Dax fällt – schlechte Nachrichten aus China halten die Börsen in Atem. Was können die Notenbanken tun? Eine Analyse. Mehr Von Christian Siedenbiedel

24.08.2015, 20:03 Uhr | Finanzen

Veröffentlicht: 10.12.2012, 18:20 Uhr

Mehr schadet mehr

Von Holger Steltzner

Die EZB deutet noch mehr Anleihekäufe an. Dabei funktioniert die Geldpolitik nach dem Motto „noch mehr hilft mehr“ nicht. Mehr 30 117

Umfrage

Wolfgang Schäuble will das Betreuungsgeld nicht in die Kitas stecken. Was meinen Sie?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Die größte Funkausstellung aller Zeiten

An diesem Freitag öffnet die IFA in Berlin ihre Tore. So viele Aussteller wie noch nie sind angekündigt. Eine andere Zahl stagniert wohl. Mehr 1