10.01.2010 · Aus Schaden wird man klug. Wirklich? Die Welt hat aus der Finanzkrise nichts gelernt. Und muss bald auch noch auf Wohlstand verzichten.
Von Rainer HankAus Schaden wird man klug. Wirklich? Sieht man sich die Lehren an, welche die Finanzkrise der Welt beigebracht hat, so könnte man depressiv werden und den Wahrheitsgehalt der Volksweisheit gründlich in Zweifel ziehen.
Denn welche Lehre werden Banken ziehen aus der Erfahrung, dass sie in großem Stil und quer durch alle Länder von Staaten mit Milliarden gerettet wurden? Richtig: Die pure Existenz von Staaten bedeutet für sie so etwas wie eine kostenlose Versicherung für den Katastrophenfall. Es ist den Staaten noch nicht einmal gelungen, den Kreditinstituten glaubhaft anzudrohen, ihnen beim nächsten Mal die Unterstützung zu verweigern. Im Gegenteil: Die Pleite von Lehman gilt als Sündenfall der Finanzkrise, nicht die Rettung von AIG oder der Commerzbank mit Staatsgeld. Darf man es Bankern verübeln, wenn sie daraus die Lehre ableiten, das nächste Mal könnten sie ruhig noch größere Risiken eingehen?
Blickt man in die Zukunft, wird es einem nicht wohler
Dies ist nur eine der vielen schlechten Nachrichten, mit denen die Vereinigung amerikanischer Ökonomen, ein Zirkel feiner Leute, anlässlich ihrer Jahrestagung in der vergangenen Woche in Atlanta den Menschen die Laune verdorben hat. Einige Wissenschaftler äußerten sogar die Befürchtung, die Welt sei nach der Krise noch verletzlicher als vorher - allen internationalen Konferenzen, Moralappellen und Regulierungsverschärfungen zum Trotz. Dass die Ökonomen zugaben, auch nicht viel weiter zu wissen, ist zwar sympathisch, aber wenig tröstlich. Ben Bernanke, der Chef der amerikanischen Notenbank, wusch - seinem Vorgänger Alan Greenspan nicht unähnlich - seine Hände in Unschuld. Die Geldpolitik habe die Krise nicht zu verantworten, meinte er. Zumindest kann der Mann für sich beanspruchen, mit der Geldpolitik kurzfristig einiges Gutes zur Rettung aus der Krise beigetragen zu haben.
Blickt man in die Zukunft, wird es einem auch nicht wohler. Um eine Depression zu vermeiden, haben die Regierungen bekanntlich private Schulden in öffentliche Verbindlichkeiten verwandelt und damit die Staatsschulden in schwindelerregende Dimensionen getrieben. In Japan, diesbezüglich der Marktführer, beträgt der Verschuldungsgrad in diesem Jahr schon 227 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; im Jahr 2014 sind es dann 244 Prozent. Doch auch in Deutschland, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten wächst allenthalben der Schuldenberg im nächsten, spätestens aber übernächsten Jahr auf über 90 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.
Es sieht so aus, als bleibe nur Regen oder Traufe
Ist das schlimm? Ja, haben Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff errechnet, zwei Ökonomen, die sich als Leuchttürme der Krisenanalyse hervorgetan haben. Denn frühere Erfahrungen zeigen, dass exakt ab einem Verschuldungsgrad von 90 Prozent die Wirtschaft um einen Prozentpunkt jährlich weniger wächst. Das ist manchem sein Ganzes, schaut man sich die Wachstumsziffern entwickelter Staaten an. 90 Prozent, sagen die beiden Fachleute, sei eine Art Schwelle der Schuldenintoleranz, für deren Überschreiten die Kapitalmärkte eine Risikoprämie forderten, was wiederum die Staaten dazu zwingt, ihre Haushalte zu konsolidieren. Und dies - Kuweit und Griechenland lassen schon grüßen - kostet Wachstum.
Es sieht so aus, als bleibe nur Regen oder Traufe. Entweder wachsen die Staatsschulden munter weiter; dann wird der Wohlstand der Menschen mittelfristig durch Schuldendienst und Inflation entwertet. Oder aber, was besser ist, die Staaten kürzen ihre Ausgaben. Dann kostet auch das Wachstum. Glücklich ein Land, das sich in dieser Lage eine Debatte über Steuersenkungen leistet. Hier müssen Meister des Verdrängens leben.
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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