16.03.2010 · Die Geschichte der Staatsfinanzierung ist auch eine lange Geschichte der Bankrotte und Umschuldungen. Gläubiger und Schuldner sind oft jahrzehntelang miteinander verbunden.
Von Gerald BraunbergerAm Anfang der Geschichte steht das englische Königshaus. Seit dem späten 13. Jahrhundert hatten bedeutende Florentiner Handels- und Finanzhäuser wie die Bardi und die Peruzzi die Ausgaben der englischen Monarchie mit großzügigen Krediten finanziert. Florenz war damals eine der wichtigsten Wirtschaftsmetropolen in der westlichen Welt. England war ein armes Land, das höchstens durch seine Wollproduktion auffiel.
Im Jahre 1340 reichte es dem englischen König Edward III. Weil ihn seine italienischen Finanziers zwingen wollten, die englische Wollproduktion zu ungünstigen Bedingungen zu verkaufen (was der italienischen Wollproduktion zugute gekommen wäre), stellte Edward kurzerhand die Rückzahlung seiner Kredite ein.
Die Folgen für die Florentiner Finanz waren zunächst fürchterlich: Innerhalb eines Jahres brachen mehrere der größten Häuser zusammen; der Finanzplatz litt. Im Laufe der Zeit allerdings stiegen aus den Ruinen der Bardi & Co. neue mächtige Finanzhäuser hervor, von denen das der Familie Medici das berühmteste wurde. Die Folgen für England waren noch weniger schlimm. Das Land war seine Schulden los und brachte es später zur Weltmacht.
Die Geschichte der Staatsfinanzierung ist auch eine lange Geschichte der Bankrotte und Umschuldungen. Gläubiger und Schuldner sind oft jahrzehntelang miteinander verbunden. Die Schulden des Staates tauchen in den Vermögensrechnungen der Kreditgeber und Anleihekäufer - Banken, Versicherungen, Fondsgesellschaften und Privatanleger - wie selbstverständlich als Bestandteil des eigenen Vermögens auf.
Dabei haben sich schon manche prominente Ökonomen die Frage gestellt, warum Anleger vor allem Staatsanleihen des eigenen Landes als Nettovermögen ansehen: Denn bei der Staatsschuld stellt ein Gemeinwesen letztlich eine Schuld auf sich selbst aus. Damit wird der Privatanleger als Mitglied des Gemeinwesens zumindest indirekt auch zum Schuldner. Wenn der Staat eines Tages die Steuern erhöht, um die Schulden zurückzuzahlen, wird auch der Privatanleger (oder seine Erben) zur Kasse gebeten. Eine derzeit in der Fachwelt einflussreiche Theorie behauptet, die Bürger eines Staates wüssten ganz genau, dass Staatsanleihen eigentlich kein Vermögen seien, und fingen in Anbetracht späterer Steuererhöhungen an, zusätzliche Ersparnisse zu bilden, sobald ein Staat seine Verschuldung erhöhe.
Anleger unterschätzen Risiken
"Dieses Mal ist alles anders", lautet das beliebte Motto der Teilnehmer an den Finanzmärkten, wenn sie es Staaten erlauben, sich ohne hohe Risikoaufschläge in erheblichem Maße zu verschulden, obgleich die Vergangenheit lehrt, dass wachsende Schuldenlasten mit der Wahrscheinlichkeit eines Bankrotts einhergehen. Die amerikanischen Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben in ihrem Standardwerk über die Geschichte von Finanzkrisen ("This Time is different") Beispiele erzählt, wie man sich an den Finanzmärkten immer wieder Sicherheit vor Bankrotten eingeredet hat.
- Als in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Schulden vor allem asiatischer und lateinamerikanischer Staaten stark stiegen, hieß es: Es werde nie wieder einen Weltkrieg geben. Die politische Stabilität werde ein Wirtschaftswachstum ohne Grenzen gestatten. Das Ergebnis: Im Anschluss an den Börsenkrach von 1929 folgte die schlimmste Welle von Staatsbankrotten in der Weltgeschichte.
- In den siebziger Jahren wuchsen vor allem in Lateinamerika die Staatsschulden stark. Nun hieß es: Die Länder profitierten von hohen Rohstoffpreisen, und kluge Regierungen wären in der Lage, das billige Geld für produktive Investitionen zu verwenden. Das Ergebnis: Fallende Rohstoffpreise und steigende Zinsen lösten ab 1983 in gut einem Dutzend Staaten schwere Schuldenkrisen aus.
- Als in den frühen neunziger Jahren die Staatsschulden in Südostasien stark wuchsen, galt dies wieder als unbedenklich: Kräftiges Wirtschaftswachstum bei hoher Ersparnisbildung und feste Wechselkurse seien ein Erfolgsrezept. Das Ergebnis: Als die festen Wechselkurse nicht mehr zu halten waren und die Auslandsverschuldung zu drückend wurde, mussten mehrere Länder den Internationalen Währungsfonds für Sanierungsprogramme zu Hilfe rufen.
- In den neunziger Jahren legten die Staatsschulden in Lateinamerika wieder stark zu. Kein Problem, hieß es wieder: Dieses Mal seien die Staaten solider finanziert, weil sie keine Kredite bei wackligen Banken aufgenommen, sondern Anleihen bei einer Vielzahl von Anlegern plaziert hätten. Das Ergebnis: Argentinien ging mit 95 Milliarden Dollar Schulden in den größten Staatsbankrott, den es bis dahin gegeben hatte. Und auch andere Länder der Region benötigten Umschuldungen.
Leider liefern die Erfahrungen der Vergangenheit keine verlässlichen Daten, wann ein Schuldenniveau kritisch wird. Das hängt unter anderem von der Sparneigung der eigenen Bevölkerung ab. Japan plaziert seine Schulden fast vollständig bei seiner eigenen Bevölkerung, die die Staatspapiere seit Jahrzehnten zu Minirenditen kauft. Staaten, die sich hoch im Ausland verschulden müssen, sind anfälliger für Krisen.
Ein informelles Forum für heikle Gespräche zwischen staatlichen Gläubigern und Schuldnern bietet seit dem Jahr 1956 der sogenannte Pariser Club. Dort wurden seitdem rund 400 Umschuldungen im Volumen von mehreren hundert Milliarden Dollar beraten. Die anschließenden vertraglichen Regelungen werden bilateral zwischen Gläubiger und Schuldner geschlossen.
Der Club hat seinen Namen von seinem Sitz in der französischen Hauptstadt. Er wird vom Chef des Schatzamts, der mächtigsten Abteilung des französischen Finanzministeriums, geleitet. Das Finanzministerium stellt auch die Räume für die Gespräche bereit. Die Bundesregierung wird in den Gesprächen federführend vom Bundeswirtschaftsministerium vertreten. Den Erfolg des Clubs führte ein ehemaliger Leiter, der heutige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, einmal auf eine Mischung aus "lateinischer Phantasie und angelsächsischem Pragmatismus" zurück.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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