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Legoland „Wie ein Sechser im Lotto“

05.09.2006 ·  Die Besucherzahlen im deutschen Legoland liegen noch unter den Erwartungen, obwohl die Region Günzburg von der Attraktion profitiert. Doch der Druck auf den deutschen Freizeitpark wächst: Legoland gehört seit 2005 einem Finanzinvestor - und der will Renditen sehen.

Von Joachim Herr
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Vor der Eröffnung im Mai 2002 hatte mancher in der Region Bedenken. Verkraftet der beschauliche Landstrich an der schwäbischen Donau einen Besucheransturm auf das Legoland in Günzburg? Genügt das ausgebaute Straßennetz, sind Hotels und Gaststätten gerüstet? Anton Gollmitzer, der Zweite Bürgermeister der bayerischen Stadt mit knapp 20.000 Einwohnern, zieht zufrieden ein Fazit: „Die Ängste haben sich nicht bewahrheitet.“

Für überschwengliche Begeisterung sind Schwaben nicht gerade bekannt. Deshalb sind Gollmitzers Worte erstaunlich, auch wenn er sie fast emotionslos ausspricht. „Alles in allem ist der Park für Günzburg ein Segen“, sagt der Mann, der der Vereinigung der Freien Wähler angehört. „Das ist wie ein Sechser im Lotto.“

Ausflüge in die Natur beliebter

Die Erwartungen von Lego, dem dänischen Hersteller der kleinen, bunten Plastikbausteine, hat der Park bisher aber nicht ganz erfüllt. Mit 1,5 bis 2 Millionen Besuchern hatte John Jakobsen, der erste Geschäftsführer des Günzburger Legolands, in den Jahren nach der Eröffnung gerechnet. Bei rund 1,3 Millionen hat sich die Zahl eingependelt. „Der Hauptgrund dafür ist die deutsche Wirtschaft“, begründet Park-Geschäftsführerin Lotte Franch Wamberg die etwas schlechter als erhoffte Bilanz.

Die Konsumzurückhaltung hierzulande endet nach ihrer Erfahrung nicht in der Freizeit. Außerdem stellt die Dänin Unterschiede zwischen den Ländern fest. „Für viele Deutsche ist es nicht üblich, einen Freizeitpark zu besuchen.“ Ausflüge in die Natur oder in den Zoo sind beliebter. In Großbritannien und in den Vereinigten Staaten sei das anders. Dort gibt es ebenfalls Legoparks. Der erste war im Heimatland des Spielzeugherstellers 1968 in Billund eröffnet worden, der vierte und bisher letzte in Günzburg.

Unterm Strich macht der Park noch Verluste

Seit der Eröffnung haben sich die Übernachtungszahlen in und um Günzburg verdoppelt. „Wir sind stolz und glücklich, daß wir das Legoland haben“, sagt Georg Ringler, seit 25 Jahren Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands im Landkreis, und macht den Parkbetreibern ein dickes Kompliment: „Wir machen nur gute Erfahrungen und können uns keinen besseren Partner vorstellen.“ Gewerbesteuern vom Legoland erhält die Stadt noch nicht, denn unter dem Strich macht der Park noch Verluste. „Es war uns bei der Ansiedlung bewußt, daß wir zehn Jahre auf Steuerzahlungen warten müssen“, berichtet Bürgermeister Gollmitzer.

Indirekt profitiert aber die Stadtkasse. Viele Parkbesucher kommen auch in die Innenstadt. Höhere Umsätze von Bäckereien, Brauereien oder Gasthäusern bringen mehr Steuereinnahmen. Außerdem weist Gollmitzer auf die Arbeitsplätze hin: Im Legoland sind 130 Mitarbeiter fest beschäftigt, hinzu kommen in der Hauptsaison 800 zusätzliche Kräfte. Die Arbeitslosenquote in der Region habe sich um etwa einen Prozentpunkt verringert, berichtet Gollmitzer. Sie liegt nun bei knapp 6 Prozent.

Großes Potential für mehr Besucher

Legoland-Geschäftsführerin Wamberg ist überzeugt, daß in Deutschland noch großes Potential für mehr Parkbesucher schlummert. „Familien wollen in ihrer Freizeit gemeinsam etwas unternehmen“, sagt sie. Dank Werbespots im Fernsehen seit dem vergangenen Jahr sollen mehr Kinder mit ihren Eltern oder Oma und Opa nach Günzburg gelockt werden. Außerdem hat Legoland das Programm für Schulklassen erweitert und die Jahreskarte attraktiver gemacht. Die dänische Geschäftsführerin hofft, daß es nun besser gelingt, das aus ihrer Sicht günstige Preis-Leistungs-Verhältnis zu vermitteln. „Wir haben einen großen Park, in dem man acht bis zehn Stunden bleiben kann, ohne daß es langweilig wird.“

26 Euro kostet die Tageskarte für Kinder, 30 Euro für Erwachsene. Das Angebot: Allerlei Fahrgeschäfte zu Lande, zu Wasser und in luftigen Höhen, Bühnenshows, ein Kino, dazu Restaurants und Imbißstände - alles auf einer Fläche von sechzig Hektar. Den Mittelpunkt bildet das Miniland mit den aus Legosteinen nachgebauten Häusern, Türmen, Autos, Schiffen, dem Schloß Neuschwanstein und dem Münchner Flughafen. Zu bestaunen ist auch die Allianz-Arena als größtes Bauwerk der Welt aus den dänischen Kunststoffklötzchen.

Legoland in Windsor hat länger gebraucht

Bis sich die verstärkten Anstrengungen für das Marketing in den Einnahmen niederschlagen, dauert es einige Zeit. „Man muß Geduld haben“, verlangt die Geschäftsführerin. „Die hat auch Merlin.“ Seit Juli 2005 gehören die vier Legoland-Parks zum englischen Freizeitunternehmen Merlin Entertainments, einer Gesellschaft des amerikanischen Beteiligungsunternehmens Blackstone. Lego hat 30 Prozent der Anteile behalten. Private-Equity-Gesellschaften wie Blackstone verlangen in der Regel rasch hohe Renditen. „Wir bekommen mehr Druck“, gibt Wamberg zu. „Aber das ist ein positiver Druck, denn wir werden besser.“

Jede Woche muß das Legoland der Geschäftsführung von Merlin Zahlen vorlegen. Die Erwartungen zur Eröffnung, nach fünf bis sechs Jahren auch nach Abzug der Zinsen und Abschreibungen einen Gewinn zu erzielen, erfüllen sich offenbar nicht. Das englische Legoland in Windsor habe länger gebraucht, bis es sich amortisiert habe, berichtet Wamberg, die Ende Oktober nach zwei Jahren das Legoland in Günzburg verläßt. Die 41 Jahre alte Mutter von zwei Kindern kehrt, wie sie sagt, ihrer Familie zuliebe nach Dänemark zurück, wo sie Geschäftsführerin von Weight Watchers für ihr Heimatland und Schweden wird.

Noch 80 Hektar unbebaute Fläche

Stadt und Region hoffen, daß Merlin weiter investiert. „Ein Feriendorf oder ein Hotel könnte nur eine Aufwertung für uns sein“, sagt Bürgermeister Gollmitzer. Überlegungen dazu gibt es schon länger, zumal zum Legoland 80 Hektar noch unbebauter Fläche gehören. Dort wäre auch Platz für eine zweite größere Attraktion von Merlin. Zum Angebot der Gruppe gehören neben den Legoparks Aquarien der Marke Sealife - im April wurde ein neues in München eröffnet -, Grusel-Shows, die Dungeons (Verliese) heißen, sowie in Belgien eine Erlebniswelt namens Earth Explorer, in der sich die Naturgewalten erkunden lassen.

„Earth Explorer würde zum Legoland passen“, sagt Wamberg. Damit wäre die Besucherzahl weniger vom Wetter abhängig, denn Lavaströme, Wasserfälle und Wirbelstürme werden unter Dach erforscht, und Günzburg wäre als Ausflugsziel für Familien noch attraktiver. In England bei Merlin heißt es aber, eine zweite Attraktion für die bayerische Stadt sei nicht in der Planung.

Quelle: F.A.Z., 05.09.2006, Nr. 206 / Seite 20
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