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Legende von der "verbrecherischen Organisation"

09.11.2010 ·  Zu "Zwei Minister im Fernduell" (F.A.Z. vom 30. Oktober): Im "Dritten Reich" soll das Auswärtige Amt nach dem bisherigen Mythos ein "Hort des Widerstands" gewesen sein. Nach der Buchvorstellung "Das Amt und die Vergangenheit.

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Zu "Zwei Minister im Fernduell" (F.A.Z. vom 30. Oktober): Im "Dritten Reich" soll das Auswärtige Amt nach dem bisherigen Mythos ein "Hort des Widerstands" gewesen sein. Nach der Buchvorstellung "Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik" entsteht jetzt ein neuer Mythos: das Auswärtige Amt (AA) als "verbrecherische Organisation" - so das Urteil von Professor Eckart Conze (Marburg), der gemeinsam mit Norbert Frei (Jena), Peter Hayes (Vereinigte Staaten) und Moshe Zimmermann (Israel) Mitglied der vom AA im Jahr 2005 ausgewählten "Unabhängigen Historikerkommission" (UHK) sowie Herausgeber des Buchs ist. Conzes These beruht auf Dokumenten zur Judenverfolgung, die zahlreiche ehemalige Angehörige des Amts stark belasten. Das Ergebnis trifft aber nicht alle ehemaligen Amtsangehörigen gleichmäßig.

Der frühere Bundesaußenminister Fischer hat nun anlässlich der Buchvorstellung erklärt, das Politische Archiv sei ein Instrument, das in der Lage sei, "eine Geschichtstendenz festzuschreiben oder zu verhindern, dass etwas widerlegt wird". Diese Aussage zeugt von Unkenntnis: Die Angehörigen des Archivs haben die Weisungen der Vorgesetzten zu befolgen. Sie betreiben keine selbständige Forschungs-arbeit. Ungerechtfertigte Angriffe der UHK auf das Auswärtige Amt haben Fischer zur Anregung verleitet, "die Sonderrolle des AA-Archivs zu beenden". Durch eine Überführung der diplomatischen Akten in das Bundesarchiv, wie es Fischer unter "Rückendeckung der vier Historiker" fordert (angeschlossen haben sich Kerstin Müller und Claudia Roth), soll von den Versäumnissen der Behördenleitung abgelenkt werden. Hier wird ein angeblicher Sündenbock präsentiert.

Über die Vergangenheit des Auswärtigen Amts liegen seit Jahren nicht nur "wenige Spezialstudien" (so Conze), sondern Editionen und zahlreiche Bücher vor. Hätten die Außenminister sich besser informiert, wäre ihnen die enge Zusammenarbeit des AA mit den nationalsozialistischen Vernichtungsinstitutionen nicht verborgen geblieben. Der Inhalt des Buches "Das Amt" hätte sie dann weniger überrascht und entsetzt.

Im Gegensatz zur gängigen Meinung hat das AA seit 1960 eine Offenlegung der eigenen Vergangenheit durch die Herausgabe der "Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945" in Angriff genommen. Von 1961 bis 1995 war ich Mitglied der Internationalen Historikerkommission, zuletzt deutscher Hauptherausgeber. In dieser Edition haben deutsche Historiker zusammen mit amerikanischen, englischen und französischen Kollegen die Dokumente des AA aus der nationalsozialistischen Zeit veröffentlicht. Die acht Bände der Serie E (1941-1945) enthalten jeweils ein Kapitel zur "Judenfrage". Hier befindet sich auch das berüchtigte "Wannseeprotokoll" vom 20. Januar 1942.

Es kann nicht dem Politischen Archiv angelastet werden, dass diese wichtige Edition des AA von der Öffentlichkeit nicht ausreichend zur Kenntnis genommen worden ist. Jacques Bariéty, französischer Hauptherausgeber, erklärte 1995: "Ich habe nie eine Kritik über die Unvoreingenommenheit und den Ernst der Arbeit gelesen"; die Aktenpublikation zählte er zu den höchsten Standards der wissenschaftlichen Veröffentlichungen historischer Dokumente. Die an der Vorstellung des Buchs "Das Amt" beteiligten Historiker und Politiker haben es versäumt, die "Akten zur deutschen auswärtigen Politik" in ihren Verlautbarungen zu würdigen. Diesen positiven Aspekt des Umgangs des AA mit seiner Geschichte ignorieren die Autoren von "Das Amt". Unverständlicherweise erscheint die Edition nur in den Fußnoten. Dadurch gerät das Buch in eine Schieflage.

Die Herausgeber von "Das Amt" kritisieren die "ausgesprochen restriktive Archivpolitik" des AA im vermeintlichen Gegensatz zum demokratisch transparenten Archivzugang des Bundesarchivs. Nicht bedacht wird dabei, dass im Bundesarchiv Reisekostenabrechnungen im Normalfall vernichtet werden. Im Politischen Archiv konnte die skandalöse Abrechnung Franz Rademachers gefunden werden. Im Anhang des Buchs erklären die Herausgeber, sie seien nicht sicher, "wirklich alle für ihre Arbeit wesentlichen Unterlagen zu Gesicht bekommen zu haben". Die UHK verabschiedet sich somit mit Verdächtigungen, die von der Presse sogleich aufgenommen wurden.

Es verwundert, dass in "Das Amt" auf Seite 185 ausgeführt wird, das Schicksal der deutschen Juden sei am 17. September 1941 bei einem Treffen Hitlers mit Reichsaußenminister von Ribbentrop besiegelt worden. Solange hierfür ein entsprechender Nachweis fehlt, kann die Seriosität des Buches nicht vorbehaltlos anerkannt werden.

Dr. Roland Thimme, Meckenheim

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