Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé steht offenbar kurz vor einer Großakquisition in seinem Babynahrungsgeschäft: Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ wird Nestlé aller Voraussicht nach den Zuschlag für die Babynahrungssparte des amerikanischen Pharmakonzerns Pfizer bekommen. Der Preis dürfte bei mindestens 9 Milliarden Dollar liegen. Nestlé würde damit die französische Danone-Gruppe und das amerikanische Unternehmen Mead Johnson ausstechen, die ein gemeinsames Gebot für die Pfizer-Sparte erwogen haben sollen. Nestlé in Vevey griff auf Anfrage zu der Standardantwort, der Konzern kommentiere Marktgerüchte grundsätzlich nicht. Dem Zeitungsbericht zufolge könnte die Transaktion aber schon in der kommenden Woche offiziell verkündet werden.
Pfizer hatte sein Babynahrungsgeschäft vor knapp einem Jahr zum Verkauf freigegeben. Es gehört zu den wachstumsstärksten Sparten des Konzerns, vor allem dank einer guten Entwicklung auf dem chinesischen Markt. Der Umsatz der Sparte stieg 2011 um 15 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar. Pfizer will sich aber auf sein Kerngeschäft mit Arzneimitteln konzentrieren, in dem das Unternehmen derzeit mit großen Herausforderungen kämpft. So hat der Konzern den Patentschutz für den Cholesterinsenker Lipitor und andere Medikamente verloren und sieht sich der Konkurrenz von billigen Nachahmerpräparaten (Generika) gegenüber.
Nestlé hatte indes im Geschäft mit Babynahrung in den vergangenen Jahren besondere Anstrengungen unternommen, um dieses Gebiet auszubauen. 2007 erwarb der Lebensmittelkonzern von Novartis in Basel für 5,5 Milliarden Dollar den Anbieter Gerber. Damit baute der Nestlé-Konzern, der sich schon damals als Weltmarktführer in der Babykost bezeichnete, vor allem seine Stellung in den Vereinigten Staaten kräftig aus. Die Kindernahrung steuert bei den Schweizern rund 90 Prozent zum Umsatz der Sparte „Nutrition“ bei. Sie erwirtschaftete 2011 einen Umsatz von 7,2 Milliarden Franken oder umgerechnet knapp 8 Milliarden Dollar. Dies waren gut 7 Prozent mehr als im Vorjahr. Obwohl sich die Rentabilität leicht verschlechterte, war die betriebliche Umsatzrendite von 20 Prozent immer noch die höchste aller Geschäftsbereiche. Nestlé erläuterte hierzu, überzeugende Innovationen in der Kindernahrung, breit abgestützte Marktanteilsgewinne und ein zweistelliges Wachstum in den aufstrebenden Märkten hätten das geschwächte Handelsumfeld in den Industrieländern übertroffen. In der Kindernahrung brachte Nestlé zuletzt nach dem Vorbild von Nespresso ein Kapselsystem für Milchschoppen auf den Markt.
Nach Angaben von Euromonitor umfasst der globale Markt für Babynahrung ein Volumen von 27 Milliarden Dollar. Nestlé kommt diesen Angaben zufolge auf einen Anteil von gut 23 Prozent. Auf den nächsten Plätzen folgen Danone mit 14 Prozent und Mead Johnson mit 11 Prozent. Fachleute erwarten daher, dass sich Nestlé von einigen Aktivitäten wird trennen müssen, falls der Konzern bei Pfizer zum Zuge kommt. In den vergangenen Tagen hat die Nestlé-Aktie sichtbar zugelegt. Seit Jahresbeginn beträgt der Gewinn des Börsenschwergewichts knapp 5 Prozent. Allerdings wird dies nicht auf die Gerüchte um die mögliche Akquisition zurückgeführt, sondern auf die allgemeine Geschäftsentwicklung. Zuletzt beflügelten die Quartalszahlen von Danone den Konkurrenten in der Schweiz.
Pfizer-Vorstandschef Ian Read hat seit seinem Antritt Ende 2010 gleich mehrere Geschäftsbereiche zur Disposition gestellt. Vor rund einem Jahr vereinbarte Pfizer den Verkauf der Sparte Capsugel an den Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts für 2,4 Milliarden Dollar. Capsugel ist auf Dosierungs- und Verabreichungssysteme für Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel spezialisiert. Noch deutlich größer als Capsugel und die Babynahrungssparte ist das Tiernahrungsgeschäft, von dem sich Pfizer ebenfalls trennen will. Diese Sparte brachte 2011 einen Umsatz von 4,2 Milliarden Dollar ein. Pfizer bereitet für die Tiermedizinaktivitäten dem Bericht zufolge einen Börsengang vor, wobei auch ein Verkauf nicht ausgeschlossen ist. In den vergangenen Monaten waren die Leverkusener Bayer AG sowie der Schweizer Pharmakonzern Novartis als mögliche Interessenten gehandelt worden.