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Lebensmittelhandel Nachfrage nach „fair“ gehandelten Produkten steigt

26.08.2009 ·  Die Rezession hält viele Kunden nicht vom Kauf fair gehandelter Lebensmittel und anderer Waren ab. Im Gegenteil. Die Weltläden profitieren ebenso wie Supermärkte. Nur: „Wenn der Kaffee nicht schmeckt, hält die Solidarität nicht an.“

Von Philipp Elsbrock
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Rohrzucker aus den Philippinen, ein Tischläufer aus Indien und eine Reismischung aus Laos liegen in der Tüte der Studentin. Die Sechsundzwanzigjährige hat im Weltladen Frankfurt „fair“ gehandelte Produkte eingekauft, 15 Euro legt sie dafür auf den Tresen. Im Supermarkt hätte sie weniger als die Hälfte bezahlt, allein die Packung Reis mit 500 Gramm kostet 2,99 Euro. Doch obwohl die Studentin und ihr Freund kein üppiges Gehalt beziehen, sind sie häufig Kunde. „Wenn ich die Bauern vor Ort stärken kann, zahle ich gerne ein bisschen mehr“, sagt die junge Frau und fasst damit die Philosophie zusammen, die nach Angaben der Importeure hinter den Produkten mit der Bezeichnung „fair“ steckt.

Eine Einstellung, die Rainer Ott häufiger hört. „Von der Wirtschaftskrise spüren wir nichts, im Gegenteil“, sagt der Geschäftsführer des Weltladens. Damit liegt das kleine Geschäft an der Alten Gasse im Trend. Nach den Zahlen des Branchennetzwerks „Forum Fairer Handel“ gaben deutsche Verbraucher im vergangenen Jahr 266 Millionen Euro für „fair“ gehandelte Produkte aus – eine Steigerung um 38 Prozent im Vergleich zu 2007. Bei Fruchtsäften, einem der beliebtesten Produkte, stieg der Umsatz gleich um 80 Prozent. Größter Posten bleibt der „Klassiker“ Kaffee, von dem 5200 Tonnen abgesetzt wurden.

„Über Supermärkte werden andere Kundenschichten angesprochen“

Erklärungen für die anhaltenden Zuwächse gibt es viele. Ein Grund sei die wachsende Abnahme solcher Produkte durch Einzelhandelsketten, sagt Dieter Overath, Geschäftsführer der Siegelorganisation Transfair. Vier von fünf Produkten aus dem „fairen Handel“ tragen das Transfair-Logo. In der Umsatzstatistik der Organisation entfallen mittlerweile 74 Prozent auf Supermärkte und Discounter. Zwar ist das Warensortiment dort verglichen mit den Weltläden spärlich, doch führen auch die Supermärkte nicht mehr nur Bananen und Kaffee. Nach den Worten von Dieter Overath arbeitet Lidl an einer Textilienkollektion, Rossmann bereite eine Eigenmarke vor.

„Über die Supermärkte werden andere Kundenschichten angesprochen“, sagt Overath. Dies sei eine Folge der veränderten Herangehensweise von Transfair. Während der Fokus früher auf den Produzenten lag, habe eine bessere Vermarktung in den vergangenen Jahren den Konsumenten in den Vordergrund gerückt. „Unsere beharrliche Arbeit zahlt sich aus“, sagt Overath. Das Bewusstsein der Kunden für die Bedingungen von Produktion und Herkunft sei gestiegen, was auch am Bio-Boom abzulesen sei. „Inzwischen kommen große Spieler wie Nestlé und Tchibo auf uns zu, von denen wir früher nicht beachtet wurden.“ Das zeige, wie wichtig die Konzerne ihr soziales Profil nähmen. Der Wettbewerb habe zugleich den Druck auf die Weltläden erhöht, professioneller aufzutreten.

Ein Beispiel dafür ist der Weltladen in Bockenheim. Seine Wurzeln liegen in der kirchlichen Arbeit, mittlerweile firmiert er als Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Nach Angaben von Geschäftsführerin Ursula Artmann lag der Umsatz 2008 bei knapp 400.000 Euro, die jährlichen Zuwachsraten betragen bis zu zehn Prozent. Mit dem Gewinn werden Artmanns Stelle und die des zweiten Geschäftsführeres Stefan Diefenbach bezahlt. Sie sind in Teilzeit tätig, der restliche Mitarbeiterstamm hilft ehrenamtlich aus. Was übrig bleibt, fließt in Bildungsprojekte, so ist es laut Artmann in den Statuten der Weltläden vereinbart.

Keine Gedanken über Konkurrenz

Die Geschäftsführerin erinnert sich noch an den schlechten Geschmack des Kaffees in den achtziger Jahren. Die Qualität der Produkte habe sich mit der Zeit stark verbessert; nur so hätten sie eine breitere Kundenbasis erobern können. „Wenn der Kaffee nicht schmeckt, hält die Solidarität nicht lange an“, hat sie festgestellt. Artmann sieht das wachsende Sortiment im Discounter zwiespältig. Positiv sei, dass die Produkte mehr Aufmerksamkeit bekämen. Die für den „fairen Handel“ wichtige entwicklungspolitische Bildungsarbeit könne man dort allerdings nicht erwarten. Als Wettbewerber fürchtet sie die Discounter daher nicht.

Kaffeeröster Hermann Wissmüller macht sich über die Konkurrenz ebenfalls keine Gedanken. „Fair gehandelte“ Bohnen sind bei ihm seit vielen Jahren erhältlich. 6,40 Euro kostet ein Pfund, fast dreimal so viel wie die Sonderangebote im Supermarkt. „Die Kunden haben danach gefragt“, sagt der 90 Jahre alte Unternehmenspatron. Geschmacklich hat er keinen Unterschied festgestellt. Den Ansatz findet er dennoch vernünftig. „Oftmals bekommen die Arbeiter für ihre harte Arbeit einen Hungerlohn“, sagt er. Für ein Pfund Bohnen erhalten die Bauerngenossenschaften im sogenannten fairen Handel nach Auskunft von Transfair einen garantierten Lohn von 1,70 Euro, während konventioneller Anbau bei starken Preisschwankungen meist weniger als einen Euro bringe. Zudem helfe man mit Mikrokrediten bei der Vorfinanzierung.

Hinter der Entscheidung der Käufer stecken bisweilen ganz andere Motive. Eine Kundin legt im Weltladen für ein Glas afrikanischer Limettenmarmelade 3,49 Euro auf den Tisch. „Das gönne ich mir, es schmeckt einfach besser.“

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