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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lebensmittel Wer hat Angst vorm Dioxin?

 ·  Beim Thema Ernährung geht in der Öffentlichkeit vieles durcheinander. Giftfunde in Eiern treffen die Landwirtschaft. Politiker und Medien sind in Aufruhr. Die Gesundheitsgefährdung ist nichtig. Es geht ums System.

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Als an einem Morgen im Januar ein Fernsehmagazin über die neuesten Vorkommnisse im Dixonskandal aufklärt, fragt die Moderatorin den Moderator, ob er jetzt nicht auch auf Bio umgestiegen sei. Dieser bekennt sich zum Kauf eines Bio-Huhns am Vortag. Dann tritt Thilo Bode von der Nichtregierungsorgansation Foodwatch auf und bezeichnet erhöhte Dioxinwerte in der Nahrung als eine „Verletzung des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit“. Die Schlagzeilen sind schon seit vielen Tagen beherrscht von Schlagworten wie „Gift-Skandal“, „verseuchtes Fleisch“, und 46 Prozent der Deutschen geben laut Politbarometer an, sie sähen ihre Gesundheit durch das Dioxin gefährdet. Der Absatz von Bio-Eiern steigt deutlich, konventionelle Eier und Schweinefleisch bleiben in den Regalen liegen.

Dabei ist Dioxin kein genuines Thema der konventionellen Landwirtschaft. Aber beim Thema Ernährung geht in der Öffentlichkeit vieles durcheinander. Der bis dahin letzte medienwirksame Dioxin-Skandal vor nicht einmal einem Jahr traf die Erzeuger von Bio-Eiern, die kontaminierten Futtermais bezogen hatten. Da war es umgekehrt: Bio-Eier blieben in den Regalen liegen, und die Nachfrage nach konventionell erzeugten zog an.

Man könnte die Eier bedenkenlos über viele Monate essen

Der Dioxinskandal bleibt auch auf der Grünen Woche in Berlin ein großes Thema, er bringt eine ganze Branche in Erklärungsnot (siehe Knollenziest und Dioxin). Auf dem Höhepunkt des aktuellen Skandals waren rund 4500 Bauernhöfe gesperrt, die belastetes Futtermittel bezogen hatten, jetzt dürfen die meisten wieder ausliefern, leiden aber an massiven Preiseinbrüchen. Betroffen waren vor allem familiengeführte Betriebe. Konzernartige Hähnchen- und Ei-Erzeuger wie PHW („Wiesenhof“) unterhalten nämlich eigene Futtermittelbetriebe.

Was war noch einmal passiert? Der nun insolvente Futterfetthersteller Harles und Jentzsch panschte mutmaßlich auch aus kontaminiertem Industriefetten ein Futtermittelfett und lieferte es an einige Dutzend Mischfutterhersteller, von denen aus es an die Landwirte gelangte. Nutztierfutter enthält rund ein bis drei Prozent pflanzliches Fett, denn Schweine und Hähnchen benötigen etwa die darin enthaltenen ungesättigten Fettsäuren. Bei Harles und Jentzsch stellte die Staatsanwalt, wie ihr Sprecher sagt, „einen kleinen Lastwagen“ mit Beweismaterial sicher. Das Beimischen kontaminierter Fette ist seit Jahren verboten.

Und welche Konsequenzen hatte die kriminelle Panscherei für den Verbraucher? Wohl nicht so dramatische: Bis Freitagnachmittag registrierten die Behörden im Krisen-Kernland Niedersachsen bei einem Schwein einen leicht überhöhten Grenzwert. Kein Masthuhn war kontaminiert, acht von 89 untersuchten Eiern von verdächtigen Höfen wiesen einen erhöhten Dioxingehalt über dem Grenzwert auf, zumeist 1,1- bis vierfach darüber.

Der Grenzwert für Eier von 0,3 Pikogramm (also Billionstel Gramm) pro Gramm Fett ist in einer EU-Verordnung festgelegt, aber nicht toxikologisch begründet. Es ist also nicht giftig, gelegentlich höhere Konzentrationen an Dioxin zu essen, das sich im Körperfett anlagert und nur sehr langsam wieder abgebaut wird. Die im aktuellen Fall nachgewiesenen Dioxingehalte seien „belanglos“, sagt der Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer. Seine Einschätzung lässt sich leicht nachvollziehen: Nach Angaben des Umweltbundesamtes nimmt ein erwachsener Deutscher täglich rund 48 Pikogramm des – in hohen Konzentrationen auch die Krebswahrscheinlichkeit erhöhenden – Stoffes über die Nahrung auf. Umgerechnet enthält eines der Eier, die in diesem Fall den Grenzwert überschritten haben, etwa 15 bis 20 Pikogramm. Man könnte diese Eier bedenkenlos über viele Monate essen. Und wäre das Ei ein Fisch, hätte sich sowieso niemand beschweren können. Die Grenzwerte unterscheiden sich nämlich je nach Lebensmittel. Das führt dazu, dass die Dioxinbelastung eines Eies über dem Grenzwert liegen kann, während ein Kabeljau von amtlichen Gnaden absolut viel mehr Dioxin enthalten darf. Fettreiche Fische, etwa Hering oder Aal, sind viel höher belastet als Eier.

Agrarministerin Ilse Aigner überschlug sich mit Ankündigungen

Offenbar ging es in diesem Fall nur Vordergründig um Gesundheitsbelastungen. Aber die Aufregung war groß. Grüne Verbands-Lobbyisten oder Oppositionspolitiker wie Renate Künast, aber auch Konservative sprachen immer wieder vom „System“, das wieder einmal versagt habe. Sie wollen einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel hin zu Bio bewirken oder artikulierten angesichts zunehmender Arbeitsteilung ihre Sorgen um den Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft. In der deutschen Landwirtschaft gibt es nach der Statistik des Bauernverbandes zwar eine Tendenz zu größeren Betrieben, gleichwohl ist der Anteil familiengeführter Höfe bei mehr als 93 Prozent (2008) sehr hoch. Und nur wenige Verbraucher wollen Bio-Produkte: Der Marktanteil bei Rind und Schwein lag nach den Daten der GfK 2010 jeweils niedriger als 2 Prozent.

Der Dioxinskandal war ein Resonanzraum für die Forderungen der Bio-Anhänger: eine Abkehr von der arbeitsteiligen Landwirtschaft, der Intensivtierhaltung, den Billiglebensmitteln, die mit dem Klimawandel und Welthunger in Verbindung gebracht werden. Man müsse „über eine andere Produktion von Lebensmitteln reden“, sagte der Nordrhein-Westfälische Agrarminister Johannes Remmel (Grüne). „Dioxin hilft beim Nachdenken“, schrieb die Tageszeitung „taz“: „Insofern müsste man fast alle paar Jahre mal ein bisschen Dioxin ins System pumpen.“ Für diesen Samstag haben in Berlin 120 Organisationen zur Demonstration für den Systemwechsel aufgerufen.

Vieles spricht dafür, dass gerade Eier von Bio-Hühnern aus Freilandhaltung systematisch höhere Dioxin-Werte aufweisen. Genau so wie das Fleisch von Freiland-Rindern. Denn beide nehmen auf den Weiden mit dem Futter häufig Dioxine auf, die sich in der Erde abgelagert haben und etwa durch Brände oder Industrieemissionen entstanden sind. Aus diesem Grund gilt für Rinder ein höherer Grenzwert als für Schweine oder Geflügel. Branchenintern schätze man, dass jedes vierte oder fünfte Bio-Ei Dixoinwerte über der Höchstmenge aufweise, sagt Ernährungswissenschaftler Pollmer. „Noch im Dezember wurden Bio-Freilandrinder wegen zu viel Dioxin mit einem Vermarktungsverbot belegt“, sagt er, „da hat sich keiner drüber aufgeregt. Das sind Heilige.“ Er wolle damit nicht Bio diskreditieren: „Ich halte die Belastungen bei Bioprodukten für genau so belanglos.“

Dieser Dioxinfall ist offenbar mehr ein juristisches Problem, als eines für die Gesundheit der Menschen. Trotzdem hatten die Reaktionen Züge einer Hysterie: Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) geriet wegen ihrer anfänglichen Zögerlichkeit unter politischen Druck und überschlug sich dann mit Ankündigungen, sie stellte erst einen 10-, dann in Absprache mit den Länder einen 14-Punkte-Plan auf, der vor allem strengere Regeln für die Futtermittelindustrie vorsieht, als deren Lobbyistin Aigner zuvor häufig dargestellt wurde.

Nach jedem Lebensmittelskandal werden die Vorschriften verschärft

Für den Verbraucher ist der öffentliche Druck gut. Durch ihn hat sich die Lebensmittelsicherheit in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter erhöht, nach jedem großen Lebensmittelskandal verschärften sich die Vorschriften. Dabei gab es schlimmere Fälle als das „Dioxin 2011“: Vor 30 Jahren starben Hunderte Menschen nach dem Verzehr von spanischem „Ölivenöl“, das in Wahrheit Industrieöl war. In Österreich panschte man wenig später Frostschutzmittel zum Wein. Dann kam der große BSE-Skandal, Kontrolleure fanden Gammelfleisch im Döner, Nitrofen in Geflügelprodukten und immer mal wieder Dioxin. Beim großen Dioxinskandal in Belgien 1999 waren die Nahrungsmittel viel höher kontaminiert als aktuell. Die Gesetzesvorgaben wurden strenger, die Lebensmittel immer sicherer, der Verbraucherschutz besser. Aber das Vertrauen schwindet.

Die Belastung des menschlichen Körpers mit Dioxin geht dabei seit vielen Jahren zurück. Die Hauptquelle ist die Nahrung, aber nicht der Verzehr von Fleisch oder Eiern – sondern Milch. Schon Babies nehmen etwa die Hälfte der Dioxinkonzentration ihrer Mutter über die Plazenta in ihren Körper auf. Die Muttermilch gilt als Indikator für die Dioxinbelastung der Menschen. Von 1990 bis 2004 nahm diese um mehr als zwei drittel ab, teilt das Umweltbundesamt mit.

Für Landwirte kann dieser Skandal existenzbedrohend werden. Der Erzeugerpreis für Schweinefleisch ging in wenigen Wochen um rund 20 Prozent auf 1,13 Euro pro Kilogramm zurück. Ein Familienbetrieb erleide durch eine zweiwöchige Betriebssperre einen Einkommensverlust von rund 40.000 Euro, errechnete die Interessengemeinschaft der Schweinehalter ISN. Ein Beispiel ist Peter Kruse aus Nienburg an der Weser. Es ist Ferkelerzeuger und betreibt einen Hof mit 450 Sauen. Sein Betrieb war rund eine Woche „gesperrt“, bis zu diesem Mittwoch. Schlimmer als das trifft ihn aber der Einbruch des Ferkelpreises um 25 Prozent, dadurch entgingen ihm rund 10.000 Euro Umsatz im Monat, sagt er. Das sei existenzgefährdend: „Wenn der Preis in zwei Monaten immer noch so niedrig ist, wird ein großer Teil der Bauern sich hier fragen, ob sie weitermachen.“ Vielleicht ist es aber in zwei Monaten nicht mehr so, denn das Gedächtnis der Verbraucher ist schwach. Als vor gut 10 Jahren bekannt wurde, dass das erste deutsche Rind mit BSE infiziert war, brach der Verbrauch um fast 60 Prozent ein. Wenige Monate später waren die Zahlen auf dem früheren Niveau.

Lebensmittelskandale gibt es nicht erst seit der Industrialisierung der Landwirtschaft. Die Historikerin Vera Hierholzer von der Universität Frankfurt hat die Geschichte der Nahrungsmittelregulierung im Kaiserreich erforscht. Gefärbte Wurst, mit Wasser gestreckte Milch oder mit Gips gestrecktes Mehl standen derzeit am Pranger. Eine Gesellschaft, die zunehmend in Städten lebte und den Bezug zur Nahrungsmittelproduktion verlor, war beunruhigt wegen der neuen Erfahrung, auf die Versorgung angewiesen zu sein. „Sie wurde generell mißtrauisch“, sagt Vera Hierholzer. Argumentiert wurde mit dem Wohl der Arbeiterklasse, aber die Wortführer waren Wissenschaftler aus dem Bereich der jungen Ernährungswissenschaften, Mediziner, Hygieniker.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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