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Leben und arbeiten "In Rio arbeitet man, um zu leben, in São Paulo lebt man, um zu arbeiten"

30.08.2004 ·  Freundliche Menschen und ein überwältigendes Kulturangebot entschädigen für Verkehrschaos und hohe Kriminalität. São Paulo ist die größte deutsche Industriestadt der Welt.

Von Carl Moses
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Wer Lust auf einen längeren Aufenthalt in Brasilien verspürt, denkt wahrscheinlich zuerst an ein Leben in Rio de Janeiro an der Copacabana und dem Zuckerhut. Doch das Herz der brasilianischen Wirtschaft schlägt in São Paulo. Mehr als die Hälfte der gesamten Industrieproduktion Brasiliens wird im Großraum von São Paulo erbracht.

"Wer glaubt, in São Paulo unter Palmen und mit der Caipirinha in der Hand ein paar entspannte Jahre abzuleisten, hat sich getäuscht. Hier wird in der Regel ein bis zwei Stunden länger als in Deutschland gearbeitet", sagt Eckart-Michael Pohl, Pressesprecher beim Chemiekonzern Bayer in São Paulo. "In Rio arbeitet man, um zu leben, in São Paulo lebt man, um zu arbeiten", spotten gar die Cariocas (die Einwohner von Rio) über die vermeintlich wenig lebensfrohen Paulistanos. Doch das stimmt sicher nicht.

„Manhattan Südamerikas“

Klar - eine Traumlandschaft wie die Welthauptstadt des Karnevals hat São Paulo nicht zu bieten. Doch wer einmal von der Dachterrasse des Itália-Gebäudes einen Rundblick auf das nicht enden wollende Häusermeer der 20-Millionen-Einwohner-Metropole geworfen hat und anschließend in das pulsierende Leben in den Straßen eintaucht, der dürfte bald von der besonderen Faszination dieser vielleicht nicht schönen, aber überaus lebendigen Stadt erfaßt werden.

Nicht nur wegen seiner Hochhausschluchten gilt São Paulo als das "Manhattan Südamerikas". Auch das Gemisch der Rassen und die Vielfalt der Gastronomie sind mit New York vergleichbar.

Größte deutsche Präsenz

"São Paulo ist nicht nur die größte deutsche Industriestadt der Welt, sondern auch die größte italienische Stadt und die größte japanische Stadt außerhalb Japans", sagt Klaus Lege, Geschäftsführer der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer zu São Paulo. "Die Mischung aus europäischer, nah- und fernöstlicher sowie afrikanischer Mentalität kommt in einem regen Kulturleben zum Ausdruck." Leges Kammer ist die größte unter allen 120 deutschen Auslandshandelskammern in der Welt.

Kein Wunder, denn mit 850 ansässigen deutschen Firmen gibt es im Großraum von São Paulo immer noch eine größere deutsche Präsenz als in Chinas Boomtown Schanghai. Nicht nur die in aller Welt vertretenen Industriekonzerne und Großbanken, auch viele Mittelständler sind seit langem in dem eindeutigen Finanz- und Wirtschaftszentrum Südamerikas angesiedelt. Nimmt man das übrige Brasilien dazu, kommt man gar auf 1200 deutsche Unternehmen mit insgesamt rund 250 000 Mitarbeitern. Darunter finden sich allerdings immer weniger deutsche Entsandte (Expatriates), weil lokales Personal wesentlich billiger ist.

Lage und Art der Wohnung ist wichtig

Das vor 450 Jahren als Jesuiten-Mission gegründete São Paulo war lange bloß ein unbedeutender Ausgangspunkt für die Raubzüge der "Bandeirantes" (Abenteurer), bis die Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch den Kaffeeboom zu Reichtum kam. Die Nachfahren der italienischen Einwanderer, die damals ins Land strömten, bilden heute die größte Bevölkerungsgruppe, gefolgt von den überaus freundlichen "Nordestinos", den Zuwanderern aus dem armen Nordosten Brasiliens, die von dem raschen Industriewachstum in den sechziger und siebziger Jahren angelockt wurden.

Die wichtigste Entscheidung des Neuankömmlings ist sicherlich die über Lage und Art der Wohnung. Der auf 80 mal 100 Kilometer ausgedehnte und zerfaserte Beton-Moloch São Paulo hat viele Zentren und "In-Zonen", zu denen ständig neue hinzukommen. Auch das zeitweise sehr verkommene historische Stadtzentrum ist in jüngerer Zeit aufpoliert worden. Doch Expat-Familien siedeln sich meist im wohlhabenden Süden oder Südwesten entlang des Pinheiros-Flusses an, wo auch die meisten deutschen Schulen und Clubs liegen. Aufgrund des fürchterlich zeit- und nervenraubenden Verkehrs sollten Haus oder Wohnung möglichst günstig an den Arbeitsort - für Familien aber auch an Schule oder Kindergarten - angebunden sein.

Abgeschlossene Wohnsiedlungen

Aus Sicherheitsgründen ziehen immer mehr Ausländer ebenso wie die Brasilianer in sogenannte "Condomínios fechados", nach außen abgeschlossene Wohnsiedlungen mit eigener Infrastruktur, in denen man auch Kinder einmal unbewacht laufen lassen kann (was sonst kaum möglich ist). Hunderte solcher Anlagen sind in den letzten Jahren in allen Lagen und Preisklassen entstanden. Singles bevorzugen vielleicht eine Hochhauswohnung in Stadtvierteln, die näher am überaus attraktiven Kneipen- und Kulturleben liegen.

Besonders exklusiv sind die Jardins, die am Fuße der traditionellen Prachtstraße Avenida Paulista beginnen und mitten in der Stadt ruhige und gut bewachte Wohngelegenheiten bieten. Obwohl die sonstigen Lebenshaltungskosten seit der Abwertung des Real 1999 im internationalen Vergleich eher niedrig sind, ist das Wohnen in europäischem Standard immer noch recht teuer. Mit Familie kommt man unter 2000 Euro Miete kaum zu einer annehmbaren Bleibe.

Für jeden Geschmack etwas dabei

In der auf einem 800 Meter hohen Plateau zwischen Gebirgszügen gelegenen Stadt kann es trotz der Lage in subtropischen Breiten im Winter unangenehm kalt werden, zumal die Häuser in der Regel schlecht isoliert und beheizt sind. Dafür bietet São Paulo ein heißes Nachtleben - und viele attraktive Ausflugsziele. So ist man - theoretisch zumindest - in einer Autostunde an der Küste, die vor allem Richtung Norden Strände für jeden Geschmack bietet.

An Wochenenden drohen aber auch hier ewige Staus. Eine Alternative zu den Stränden bieten Fazendas (Farmen) im Hinterland, die Unterkünfte in allen Preisklassen bieten und vor allem Kinder auf ihre Kosten kommen lassen. Paulistanos lieben auch Ausflüge in die umliegenden Gebirge.

Besseren Ruf verdient

Die meisten Expats haben zu São Paulo ein gemischtes Verhältnis. "Die großen sozialen Unterschiede und die daraus resultierende hohe Kriminalität schrecken ab, aber sie werden durch ein überwältigendes Kulturangebot und die vermutlich multikulturellste Gastronomie der Welt weitgehend kompensiert", findet Pohl.

"São Paulo hat einen schlechteren Ruf, als es verdient", bekräftigt Martin Hercules, der bei der Bank Unibanco den "German Desk" leitet. "Anfangs hat man natürlich Schwierigkeiten mit der Anpassung. Aber die Brasilianer sind äußerst liebenswürdige und vor allem Ausländern gegenüber sehr freundliche Menschen."

Freundlichkeit aber auch kaum Freiheiten für Kinder

Ausreichende Portugiesischkenntnisse sind allerdings "Grundvoraussetzung, um sich menschlich zu integrieren", betont Thomas Kessler, Vertreter der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). Martin Duisberg von der Dresdner Bank beklagt vor allem "die aufgrund der ständig zu beachtenden Sicherheitsvorkehrungen fehlende Bewegungsfreiheit der Kinder".

Doch erfreulich sei die Zusammenarbeit mit den Brasilianern, die "hochmotiviert, bestens ausgebildet und immer lernbegierig" seien. "Kleinkindern schlägt eine in Deutschland nicht erlebte Freundlichkeit und Toleranz entgegen", lobt Alexander Hirschle, Korrespondent der Bundesagentur für Außenwirtschaft.

Den Dreh raus haben

Äußerst nervig ist die brasilianische Bürokratie. Das fängt schon mit der schwierigen Beschaffung des erforderlichen Arbeitsvisums an. Doch zum Glück kann der in Deutschland unbekannte, aber äußerst segensreiche Berufsstand der "Despachantes" fast jeden Behördengang übernehmen oder zumindest den Weg durch den Behördendschungel bahnen. Und wenn scheinbar gar nichts mehr geht, dann hilft vielleicht der berühmte "Jeitinho".

Das ist soviel wie der Dreh oder der Kniff, mit dem die Brasilianer auch in scheinbar ausweglosen Situationen immer doch noch irgendeine Lösung finden. Ausländer haben das wahrscheinlich zu Beginn noch nicht raus, aber sie tun gut daran, den "Jeitinho" schnell zu lernen.

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in São Paulo

Ungemein nützliche "Informationen für das Einleben in São Paulo" und andere Publikationen bietet die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer (www.ahkbrasil.com). Das Deutsche Generalkonsulat in São Paulo findet sich im Internet unter www.aleman

ha.org.br/saopaulo. Über die zahlreichen deutschsprachigen Vereinigungen in Brasilien informiert die Seite www.brasilalemanha.com.br. Weitere interessante Internetadressen sind www.gringoes.com und www.brasil-web.de. Wer des Portugiesischen mächtig ist, dem bietet die São-Paulo-Beilage der Zeitschrift "Veja" aktuelle Infos über Kultur und Gastronomie.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2004, Nr. 200 / Seite 55
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