16.01.2009 · Die schwer angeschlagene Landesbank LBBW prüft die Nutzung von Bundeshilfen, um ihre Milliardenlöcher zu stopfen. Falls die geplante Kapitalerhöhung durch die Eigentümer nicht zustande komme, sei auch der Gang zum Bankenrettungsfonds eine Option, sagte LBBW-Chef Jaschinski im Interview mit der F.A.Z.
Wegen der Rezession werden an Firmen vergebene Kredite für die LBBW zur größten Herausforderung 2009. Erste Wertberichtigungen waren schon nötig. 6 Prozent Eigenkapitalquote ist zu wenig, um alle Unternehmensrisiken zu tragen, wie Siegfried Jaschinski bekennt. Der LBBW-Chef aber glaubt, die Rückendeckung der Landesregierung zu haben.
Herr Jaschinski, kaum hat die Bundesregierung das zweite Konjunkturpaket geschnürt, werden die einzelnen Maßnahmen öffentlich zerpflückt. Haben Sie als Banker auch Vorbehalte?
Ein Paket im beschlossenen Volumen halte ich für richtig. Dabei ist das Volumen wichtiger als die Einzelmaßnahmen. So wird vermieden, dass wir durch das Absinken der Nachfrage in ein tiefes Loch fallen, in das durch einen Dominoeffekt sonst sogar Handwerksbetriebe hineingezogen würden. Schade nur, dass das Geld nicht so schnell in Umlauf gebracht werden kann. Zuversichtlich stimmt mich, dass überall - ob in Frankreich, Amerika oder China - auch Konjunkturpakete geschnürt werden, denn das hilft unserer exportorientierten Wirtschaft.
Wird Baden-Württemberg eine schwere Rezession vermeiden können?
Das weiß im Moment keiner. Zwar hängt Baden-Württemberg noch stärker vom Export ab als jedes andere Bundesland, und mit der Autoindustrie haben wir eine besonders stark von der Rezession betroffene Industrie mit Folgen für den Maschinenbau. In den nächsten Monaten werden wir daher viele schlechte Nachrichten hören. Aber man muss nicht unbedingt alles schwarz sehen: Gerade deutsche Autos werden gekauft werden. Die Konjunkturprogramme werden ihre Wirkung haben. Und sehen Sie doch mal: Überkapazitäten werden teilweise dadurch gekappt, dass Produktion nach Baden-Württemberg zurückverlagert wird. Stihl hat den Anfang gemacht, jetzt Porsche.
Die letzte Rezession 1992/93 war in Baden-Württemberg viel schärfer als im Rest von Deutschland. Die Wirtschaft schrumpfte hier um vier Prozent.
Seither hat sich viel getan. Die Unternehmen sind größer geworden und die Eigenkapitalquoten besser, und das ist wichtig, damit wir Banken die Situation mit unseren Kunden durchstehen können. Damals passierte es zuweilen auch, dass Unternehmen im Stich gelassen wurden, weil in den Bankzentralen weitab von Stuttgart entschieden wurde. Das führte dann zum Konsens aller politischen Kräfte: Wir brauchen eine Bank, die für die Region da ist. So entstand die Idee, die LBBW zu formen.
Dieser Gedanke kostet jetzt richtig Geld: Die LBBW braucht 5 Milliarden zusätzliches Eigenkapital.
Ja, aber ich betone noch einmal: Wir brauchen dieses Eigenkapital, um gemeinsam mit unseren Kunden diese Krise durchzustehen. Wir wollen keine Kreditlinien kürzen wegen fehlendem Eigenkapital. Noch haben wir auch keine Welle von insolventen Firmenkunden. Aber wir sind vorsichtig: Die Produktionskürzungen der Automobilhersteller verschlechtern die Bonität der Zulieferer, und deshalb haben wir erste Wertberichtigungen.
Beobachten Sie, dass andere Banken Kreditlinien kürzen?
Firmen brauchen für große Projekte mehrere Banken, die sich die Kreditlast und das Risiko teilen. Auch wir können große Investitionsprojekte der Firmen nicht allein schultern, vor allem, wenn das Unternehmen in einer schwierigen Lage ist. Deshalb werden wir häufig Bankenpartner suchen. Mittlerweile ist die Lage so: Ausländische Banken ziehen sich vermehrt, politisch gewollt und staatlich gestützt, auf ihre eigenen Heimatmärkte zurück und stehen damit für unsere Unternehmen nicht mehr zur Verfügung. Und bei uns fällt durch die Übernahme der Dresdner Bank ein potentieller Bankenpartner weg. Das ist übrigens auch ein Aspekt, der bei der Zusammenführung der Landesbanken mit bedacht werden sollte.
Wie meinen Sie das?
Auch dadurch können Banken als unmittelbar verfügbare Partner für Unternehmen wegfallen. Außerdem darf man nicht den gedanklichen Fehler machen, die Kreditvolumina der Fusionspartner zu addieren. Denn wegen gesetzlicher Großkreditgrenzen und aus Risikogründen werden in der Regel Reduktionen vorgenommen.
800 Millionen Euro Verlust waren es nach neun Monaten. Wie sieht das Ergebnis der LBBW für das Gesamtjahr 2008 aus? Müssen wir mit unbekannten Milliardenlöchern rechnen?
Die Wertberichtigungen aus dem normalen Unternehmenskundengeschäft werden 2009 die große Herausforderung sein. Was 2008 am meisten belastete, waren die Insolvenzen von Lehman und der Island-Banken. Die Monate September und Oktober waren sehr schlecht. Im November waren die Belastungen geringer, und im Dezember war eine Seitwärtsbewegung festzustellen.
Sagen Sie's uns doch in Milliarden.
Hier möchte ich abwarten, bis der Jahresabschluss ermittelt ist, denn auch unsere Kapitalmarktkommunikation muss sich an die Börsenregeln halten. Wir haben immerhin Genussscheine an der Börse.
Für die Genussscheine hatten sie doch sogar eine Ausschüttung geplant?
Nach internationalen Bilanzregeln werden wir einen deutlichen Verlust ausweisen. Aber für die Ausschüttung an die Genussschein-Inhaber ist das Ergebnis nach dem deutschen HGB ausschlaggebend. Stand heute können wir durch die Auflösung von Reserven nach HGB einen Gewinn ausweisen und so die Inhaber von stillen Einlagen und Genussscheinen bedienen. Wir wollen diese institutionellen Anleger nicht verlieren, denn wir brauchen die Refinanzierung über den Kapitalmarkt.
Sie haben bisher den Eindruck erweckt, als könne die Finanzkrise der LBBW wenig anhaben: Einfach schlecht bewertete Papiere bis zur Endfälligkeit halten, dann braucht man keine Kursverluste abschreiben. Ist das immer noch Ihre Devise?
Nur noch zum Teil. Denn mit den Insolvenzen von Lehman und den Island-Banken haben wir Positionen, die nachhaltig weniger wert sind. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Wir erwarten durchaus Gewinnchancen - und zwar aus Investments in Staaten oder Finanzinstitutionen, für die wir jetzt wegen ihrer gefallenen Kurse einen Verlust verbuchen mussten. Wir rechnen damit, dass diese Investments zum Nennwert zurückgezahlt werden. Das bringt uns jährlich einen positiven Ergebnisbeitrag im niedrigen dreistelligen Millionenbereich in den nächsten vier bis fünf Jahren.
Ist das nicht sehr optimistisch?
In diesem Zeitraum wird die Hälfte unserer Finanzanlagen fällig. Wir werden dann solche Kreditersatzgeschäfte nicht erneut eingehen. Dieses Portfolio wird von jetzt 95 Milliarden Euro schon bis zum Jahr 2011 auf etwa 50 Milliarden Euro abgeschmolzen sein. Dadurch setzen wir Eigenkapital frei und können unsere Eigenkapitalquote weiter steigern.
Dann braucht die LBBW doch die Kapitalerhöhung durch Land, Stadt und Sparkassen gar nicht - Wasser auf die Mühlen Ihrer zahlreichen Kritiker?
Im Moment haben wir zu wenig Eigenkapital, die Quote liegt bei 6 Prozent. Dazu kommt, dass die Rezession unser Ergebnis belasten wird. Mit der Eigenkapitalerhöhung vermeiden wir das Risiko, die Kreditlinien für die Firmenkunden kürzen zu müssen. Im Übrigen: Dass jetzt öffentlich über die Kapitalerhöhung diskutiert wird, finde ich nachvollziehbar - schließlich geht es um 5 Milliarden Euro.
Gibt es einen Plan B?
Sich Eigenkapital vom Stabilisierungsfonds Soffin zu besorgen wäre die Alternative. Das ist für alle immer eine Option.
Was hielten Sie davon, wenn der Soffin die Rolle einer Bad Bank übernähme, die im großen Stil "giftige" Wertpapiere ankauft?
Das Wichtigste wäre, dass wenig gehandelte Anleihen wie Kredite nach Ausfallrisiken behandelt werden können. Denn Kursverluste von Anleihen, deren Kurse häufig zufallsbedingt sind, weil Märkte nicht funktionieren, können das Eigenkapital von Banken aufzehren, obwohl die tatsächlichen Ausfallrisiken wesentlich geringer sind. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es neben der Bad Bank Alternativen. Man könnte die Bilanzregeln ändern, oder der Staat kann Garantien für Bilanzpositionen übernehmen, wie es im Fall Bayern LB ist oder bei der Citigroup in Amerika. Aber grundsätzlich meine ich, dass Verluste mit endgültigem Charakter von den Banken immer selbst getragen werden müssen.
Verstehen Sie öffentlich geäußerten Ärger von Politikern, die Ihnen persönlich fehlende Offenheit vorwerfen? Und fühlen Sie sich noch frei in Ihrem Handeln?
Die überraschenden Ereignisse nach der Lehman-Insolvenz waren ursächlich für die sich plötzlich verschlechternde Lage der LBBW. Vor diesem Hintergrund muss die eine oder andere öffentliche Äußerung gesehen werden.
Als Ministerpräsident Oettinger diese Woche gefragt wurde, ob Siegfried Jaschinski die nächsten Tage als LBBW-Chef überstehen wird, sagte er: "Gestern habe ich mit Jaschinski telefoniert. Da war er noch im Amt." Das ist nicht gerade das, was man einen Treueschwur nennt.
Ich weiß nicht, ob das so zu verstehen ist. Es geht nicht um Treueschwüre. Ich tue meine Arbeit. Ich erlebe dabei keine Einschränkungen. Und ich kann mich über fehlenden Zuspruch nicht beklagen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.381,10 | −0,94% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2441 | −0,38% |
| Rohöl Brent Crude | 105,58 $ | −1,19% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?